Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 13 (19.4.1887)
- Date
- 1887-04-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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chanische und judiciöfe Gedächtnis einander brüderlich die Hand reichen und verträglich neben einander einhergehen. .Selbst wenn der קורא mit פירוש המלה ausgezeichnet vertraut ist, muß er fleißig memorieren und .merken lernen, wo der פמוק zu Ende, wo אתנחתא oder gar זקף קמזן ist. Das stricte Einhalten dieser Hauptruhepunkte ist von größtem Belang und meines Erachtens die Angeln, in denen sich die Schwierigkeit des Memorier-I-einens bewegt. Betrachten wir nun in dürrem Abriss das Memorieren an der Hand praktischer Beispiele, als: in der Grammatik, Geographie, Geschichte (wobei ich auch an die hebräische Sprachlehre und biblische Geschichte denke), so ergibt sich eine Verschiedenheit in der Methodik desselben und man gelangt zu dem Schlüsse, dass ein und derselbe Standpunkt durchaus nicht zn, beobachten ist, wenn man sich ernstlich die Frage vorlegt: oberflächliches Memorieren oder gründliches Lernen? Die Aufgabe der Grammatik ist es heutzutage nicht mehr, in das kindliche Gehirn einen todten Schatz von Regeln zu propfen; sie hat vielmehr jene geistbildenden Theorien hervorzukehren, die aus der lebendigen Sprache resultiren und sozusagen als -schwimmende Krystallisationspunkte im Sprachflusse anzusehen sind. Zuerst Sprache, dann Sprachlehre; diese hat für jene die Gesetze abzuleiten und regulirt in die Praxis umzu setzen. Das Beispiel wird vorgeführt, dasselbe in Rücksicht auf seinen Typus besprochen und hieran die Belehrung geknüpft. Drempia trabnvt. Exempel sind natürliche mnemotechnische Mittel, weit, besser als manche סימנים oder ראשי תיבות die an das Erinnerungsvermögen weitgehende Forderungen stellen. Insbesondere Musterbeispiele, das sind oft echte Goldkörner, wohlfeile Lehrmittel und verlässliche Rettungsanker dem Kinde gegenüber; denn hier darf nichts über dessen Gesichtskreis hinaus, und was besprochen wird, muß vollkommen erfasst werden. Darum lasset nie das jndiciöse Moment außeracht! es ist leicht, es ist sicher. Dilettanten, 2 בחוריםc., die nie int Leben eine psychologische Betrachtung angestellt, die sich nie im Leben über die Gebundenheit und das Abhängigkeitsverhältnis des Geistes vom Körper klar geworden; Bester, denen es nicht gegönnt war, in des Kindes unverdorbene Seele einen Blick zu werfen: diese sind in der Regel die bösen Geister für des Kindes Geist, die verkörperte Inquisition für die kindliche Gedächtniskraft, trotz deren Redseligkeit, trotz des vielen Aufschreibens und trotz des übel angebrachten ״Lerntones" ä la משנה♦ In übertragener Bedeutung fände da Anwendung, was Herder geschrieben: «tznantmn 63t hi verbis, in litteris, in voeibus inane, inane.“ (Wie viel ist im gesprochenen, geschriebenen oder gesungenen Worte gehaltlos, gehaltlos). Uebrigens existiren auch Pädagogen, welche die Viel- und Aufsagerei im großen Style cultiviren. Tritt beidiesen Jüngern Pestälozzi's noch der Egoismus hinzu und die Sucht, das eigene luraen leuchten zu lassen, so wird das arme Kindesgedächtnis nur als Aus- Hängebogen des geistigen Vermögens des Herrn Lehrers misbraucht. Der Vergleich kommt der Gedächkniskraft sehr zustatten. Weiß ich in der Geographie beispielsweise den Flächeninhalt und die Einwohnerzahl von Mähren, so merke ich, dass Steiermark etwas größer, aber weit schwächer bevölkert ist, u. dgl. In der Geschichte wird man auf die Marksteine der Geschehniße sein Augenmerk richten und den Schwerpunkt des Unterrichtes in die Culturmomente und Charakterbilder verlegen. Ueberflüssige Namen und Zahlen . sind Ballast, z. B. bei den Richtern dürste es genügen, zu wissen, dass Deborah den kanaanitischen Jabin, Ehud die Moabiter geschlagen 2c..; wie lange Israel aber immer Ruhe gehabt, wird sich das Kind schwer merken. In der allgemeinen Geschichte eine Parallele zwischen Alexander dem Großen und Julius Cäsar, zwischen Lykurg und Numa. Durch die Aehnlichkeit und Unterschiede in deren Zügen und Auftreten kommt das Charakteristikon klarer zum Vorschein. Auf diese Weise ist der Gegenstand gelernt und in's Gedächtnis geschrieben, also auch memoriert. Natürlich im weiteren Sinne des Wortes, plan» mäßig geleitete Einwirkung auf die Gedächtniskrast, dergestalt, damit das Object seinem Inhalte nach im Geiste haste. Betreffs der sicheren Beherrschung eines Lehrstoffes ist der Entwurf einer Disposition öfters am Platze. Letztere weifet nach, wie die einzelnen Bestandtheile innerlich Zusammenhängen und verschafft die Beruhigung, dass man zu Beginn des Endes vollkommen sicher ist. Man hat erst dann ein Buch inne, wenn man es nach sorgfältigem Studium der einzelnen Partien durchblättert und überflogen hat. Schließlich hat der Unterricht darauf zu achten, dass ein und dasselbe Pensum von verschiedenen Seiten aufgefasst werde. Ich resumire: Beschränkung, Wesenheit, Charakteristikon, Vergleich, Disposition, mehrere Gesichtspunkte und Wiederholung: diese Schlagwörter hat der Lehrer über seine Schulthüre zu setzen, wenn er gewissenhaft lernen und memorieren lässt. Vorbereitung und Unterstützung'erfolgt von Seite des Verständnißes und der Bethätigung mehrerer Sinne. Der Eindruck haftet im Gedächtnis umso besser, je klarer man ihn Anfangs begriffen hat. Deshalb verweile man hübsch lange bei den Elementen. In dieser Hinsicht wird häufig gesündigt und man staunt dann über die geringen Resultate. Fette Fragen, magere Ant- Worten. Wo steckt der Fehler? Offenbar in dem Umstande, dass man zu wenig anschaulich gemacht, zu schlecht demonstrirt und auf abstraktem Gebiete der inneren Anschauung zu wenig Rechnung getragen hat. Zum Verständniße paart sich dann der Wille sür's Gute, der Fleiß, d. i. die unentwegte Strebung nach einem Ziele, welche bald im Anschauen, wie bei den Landkarten, dem תיקון, bald im Gewände einer einfachen Gedankenrevue auftritt. Zweitens, die Vielheit Der Sinne. Diese Erfahrung macht jeder Student, der Laie, der Geschäftsmann,- jeder zieht Nutzen aus derselben. Der ״Schames" (שמש) blickt sich um beim schnarrenden ^מי שבר - Recitativ — also Mund und Auge; mancher קורא taktiert beim Vorlesen — was übrigens eine Unart ist — und das Kind fühlt den Bortheil der Bethätigung mehrerer Sinne instinktiv. Wie freut es sich, wenn beim Schulunterrichte gestattet wird, Lippen- und Zungenmuskel bewegen zu dürfen, und wie strahlt sein Auge, wenn es laut hersagen darf an der Schultafel. Erwachsene lernen mit dem Stifte in der Hand, unterstreichen und pointieren markante Stellen. Will Jemand beim Vortrage sicher auftreten, so hält er zu Hause Monologe, die.von Gesten begleitet sind. So verfahren Redner, Schauspieler 2c. Das richtige, vernünftige Lernen und Memorieren erspart viel Zeit und Mühe; in dem Vorhandensein bekannter Verhältniße und Thatsachen finden sich Anknüpfungspunkte für weitere Reflexionen. Das wörtliche Memorieren in größerem Ausmaße ist insofern verwerflich, in alter Zeit wurde die Hälfte von משלי auswendig gelernt, als es geeignet erscheint, andere, wichtige Eindrücke aus dem Gedächtniße zu scheuchen. Nur stark angelegten Naturen gegenüber mag diese Besorgnis unbegründet erscheinen; dem Durchschnittsmenschen gegenüber darf es nur Mittel, nie Zweck sein. Was aber gelernt und memoriert wird, muß verstanden und verdaut werden. Dies kann nicht oft genug betont werden, sonst merkt man Worte anstatt Begriffe, Phrasen anstatt Gedanken. Sagt doch der Dichter: . ״Auswendiglernen sei, mein Sohn, dir eine Pflicht, Vergiss nur das Jnwendiglernen nicht; Auswendig ist gelernt, was dir vom Munde fließt, Inwendig, was im Geist lebendig sich verschließt."