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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-04-19 · Heft 13 (19.4.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 13 (19.4.1887)
Date
1887-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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seiner laufenden Artikelserie ״Was war, was ist und was soll der jüdische. Beamte sein?" in gewiss nur wohlwollender Weise, — ich wirkte an dessen Seite durch sechs Jahre als Cantor und hatte genügend Gelegenheit, mich von seiner colegialen Gesinnung zu überzeugen — an den Eantorenstand richtete, dass derselbe nicht luxuriös vielmehr sparsam zu leben verpstichtet sei, damit er zu seiner steten Wanderung des nöthigen Sparpfennigs, des sogenannten צידדו לדרך nicht entbehre; stets möge er denselben bereit halten, da er in Folge seiner unftcheren Stellung heute doch nicht weiß, ob er nicht morgen den Wanderstab werde ergreifen müssen. Viele Momente könnte ich aufzählen und ebenso viele concrete Falle könnte jeder Einzelne unseres Standes aus der Rüstkammer seiner sutoptischen Erfahrungen zur Erklärung dessen anführen, wie deprimirend und entwürdigend die prekäre Stellung des Cantors auf dessen materielles und moralisches Wohl einwirkt, allein noming. pnnt oäiask — und wäre es nicht opportun bei der Betrachtung eines jeden Gegenstandes auch die Kehrseite zu beschauen, so müßten wir wahrlich über diese Hintansetzung fortan in bittere Jeremiaden ausbrechen und das von Seite vieler Gemeinden unserem Stande bekundete Unrecht laut beklagen. Jedoch einen Blick aus die Kehrseite der Münze gerichtet, erscheint uns das vermeintliche Unrecht nicht so hart. Es steht nämlich auf derselben mit Lapidardruck der vermöge seiner Wahrheit allgemein gültige Grundsatz ״ohne Pflichten keine Rechte". .Nicht aber als ob der Cantor, aus der Höhe seines Berufes stehend, seine Amtspflichten nicht zu erfüllen vermöchte. Dieses geschieht ja um des lieben Brotes willen — sondern, dass er in Ermang lung eines derartig instituirten Formns seine authentische Qualistcation nicht nachzuweisen im Stande ist, und was noch ein größerer Uebelstand ist, dass er hierüber gar nicht befragt wird. — Dies schädigt unsere moralische Stellung, weil nur die nach systematisch geordneten und regelmäßig absolvirten Studien erfolgte Autorisation dem Stande einerseits den Nimbus der wahren Würdigung verleihet und in natürlicher Folge anderseits wieder gegen die Flut der unberufenen Eindringlinge, — die ohne Beruf, ohne Bildung mit ganz zweifelhaften Charakteren in dieses würdige Amt sich einschmuggeln, und den Weinberg des Herrn gar oft arg zerwühlen — die sicherste Schutzwehr bietet. Woher erwuchs denn dem Rabbiner- und Lehrerstande das Prestige ihrer gesicherten Stellung? Ausschließlich aus deren autorativer Qualistcation. Wer nur einen flüchtigen Blick in die jüngste Vergangenheit zu werfen vermag, als der Lehrer noch nicht diplomirt war, wird es anerkennen müssen, dass die früheren Lehrer auf autodidaktifchem Wege sich oft eine höhere Bildung aneigneten, als jene besitzen, welche heute die Präparandie liefert, auf die heute noch, rrotzdem seit einer Zeit deren Bildungsmaß erhöht wurde, noch immer der Bibelvers "״אם בגפו יבא בגפו יצא seine Anwendung findet. Wer weiß es nicht, dass die Zierden des Judenthums zumeist aus der herben Schule der Autodidaktik hervorgingen? Treffend wird dies durch folgendes Bonmot des einstigen Humoristen-Königs Saphir Lllustrirt: Als derselbe nämlich von einem naseweisen Gelehrten darüber befragt wurde, wo er eigentlich die Hochschule besuchte, da versetzte er sarkastisch: ״Ich habe die Hochschule nicht besucht, sondern sie besuchte mich, traf mich aber zum Glücke nicht zu Hause, daher lernte ich etwas." Dessen ungeachtet wurde der Lehrer der Vorzeit, der seine Qualistcation zwar nicht nachzuweisen vermochte, aber eine exquisitere Bildung besaß und unermüdeten Fleiß an den Tag legte, den Parias gleich geächzt, dem größten Unbill preisgegeben und der steten Wanderung ausgesetzt; während der Lehrer der Gegenwart, ungeachtet seiner seichteren Bildung, seines geringeren Fleißes, Nur einzig und allein vermöge seiner authentischen Qualistcation iine definitive Stellung einnimmt, ein höheres moralisches Ansehen genießt und vom Gesetze in seinen Rechten und. in allen seinen Angelegenheiten auf das Kräftigste unterstützt wird. Nicht der Mangel der gehörigen Qualistcation bei dem modernen Cantorenthume — da es der Grundzug unseres Statnmes, besonders unseres Standes ist, seine Stimme, seine Begabung^ seine Kenntniße, so weit sein Jntellect reicht, zu perfectionieren, auch nicht der von der Vorzeit schlecht beleumundete Charakter der gebildeten Standesgenossenschaft ist es daher, der unser moralisches Ansehen beeinträchtigt und die Errungenschaft der sicherest Amtsstellung verhindert, sondern ausschließlich im Mangel der authentischen Qualistcation, welche eine authenticirte Cantorenschule zu bieten vermag, liegt der Grund des erwähnten UebelstanÄes. Für eine derartige Institution müssen wir, so weit unsere Competenz reicht, Propaganda machen, wenn wir die Basis zu einer definitiven Amtsstellung erlangen wollen; denn ״ohne Pflichten keine Rechte". Obgleich-die gegenwärtige Standesfrage noch immer im Bereiche der frommen Wünsche liegt, und selbst die Premissen zur Verwirklichung der angeregten Angelegenheit noch nicht Anmal im Stadium des Entstehens begriffen sind, dürfen wir es doch im wolverstandenen Interesse der moralischen Bessergestaltung unserer sicheren und definitiven Amtsstellung nicht unterlassen, diese Frage im Laufenden zu erhalten, damit deren Realisirung zur geeigneten Zeit, zum Frommen und Besten unseres Standes, beziehungsweise der sicheren Amtsstellung des Cantorenthumes, herbeigeführt werde. Keszthely, im April 1887. Josef L ö w i n g e r, Cantor. Memorieren oder Lernen % Psychologische Studie von S. Riesenfeld, Oberlehrer in Schaffa. (Schluss.) Das Memorieren spielt beim קורא und Prediger eine bedeutende Rolle. Mancher schreibt seine Rede auf, memoriert über Hals und Kops und spricht sie vollinhaltlich und wortgetreu aus dem Gedächtnis; Mancher liest sie vollinhaltlich und wortgetreu aus dem am Pulte vorgelegten Texte, während ein Dritter es für kleinlich erachtet, eine Zeile, auch nur eine Sterbenswörtchen aufzuschreiben. Memorieren oder Lernen? Meiner unmaßgeblichen Meinung nach wäre auch hier die goldene Mittelstraße zu empfehlen. Nicht wortgetreu memorieren, sondern lernen, d. h. volle Vertrautheit mit dem Stoffe und dessen Gliederung; der Gedankengang kann eventuell in Schlagwörtern vorliegen, wenigstens zu Hause. Wenn ich weiter gehe und einzelne Sätze memoriere, wortgetreu zu memorieren dürste jedenfalls ein Misgriff sein, Plage und unverlässlich. Der Anfänger wird zu Hause öfters hersagen, aber nie ein und dieselben Worte. Das Vorlesen aus der Thora (leinen) geht umso sicherer von statten, je gründlicher der קורא mit dem betreffenden Texte, der Sprache und den grammatischen Verhältnißen vertraut ist und je mehr er übt. Ich habe hier vor mehreren Jahren bis auf ein Pünktchen die מגלה vorgelesen, obzwar Laie in der Sache, und sie am אסתר תענית Nachmittags erst zur Hand genommen. Einige Stunden habe ich freilich ordentlich gearbeitet. Das Leinen in der üblichen Weise abgesehen von der Stimme und den deklamatorischen Pointen, die im Zusammenhalte oft einen eleganten Vortrag gestalten — beruht auf mechanische Uebung. Es ist mehr Memorieren als Lernen. Natürlich haben Sie auch hier, meine Herren קוראים, ein Gebiet, wo das me-

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