Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 12 (6.4.1887)
- Date
- 1887-04-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Bildung? — Es ist eben beim Gesangunterrichte, wie auf allen [ Feldern der Lehre, ein T h e il will immer das Ganze vorstellen, und der Eingebildete verlangt, dass man das für den Inbegriff aller Weisheit halten soll, was eben nur ein Beitrag zu jenem vielseitigen, umfassenden Wissen ist,.welches man bei einem echten Meister der Gesangskunst voraussetzen kann und darf. — Memorieren oder Lernen % Psychologische Studie von S. Riesenfeld, Oberlehrer in Schaff«. Zu den hervorragendsten Seelenkräften zählt man das Vermögen, einmal gewonnene Vorstellungen unter gewissen Voraussetzungen auf die Erinnerungsfläche bringen zu können, und mit Recht haben gewiegte Didaktiker der Pflege dieses Seelenvermögens — der Ausbildung des Gedächtnißes einen weiten Spielraum gewährt. Einige dieser Schulmänner gingen , in ihrem Uebereifer nach Stärkung des Gedächtnißes soweit, dass sie alles Andere: Verstand und Urtheilskraft, Erkenntnisvermögen und Gemüthsbildung in den Dienst der Merk-Dressur stellten und förderten auf diese Weise unwillkürlich die Auswüchse der Gedächtniskraft: Lippenkram und Wortschwall. Dem Lehrer obliegt es, der ihm anvertrauten Jugend jene Kenntniße und Fertigkeiten beizubringen, deren sie im Leben bedarf; die ihr die Mittel an die Hand geben, eine leidliche, materielle und geistige Existenz zu finden; denen sie eine Stellung verdankt in der Gesellschaft, in der Gemeinde, im Staate. Dieser Gedanke leuchtet jedem Lehrer ein, ob geistlich oder weltlich, dem Religionsweiser, wie dem Lehrer der profanen Gegenstände. Unter allen Umstanden ist aber auch das moralische Moment in's Auge zu fassen und dein Kinde auf jene sittliche Höhe zu verhelfen, die ihm späterhin einen Einblick gestattet in das eigene Ich, einen Ausblick in das Getriebe der Welt, der veredelten Menschheit und den Schluss zulässt, wie sich erstes zu letztem verhalte. ״Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehret jedem, was er sei". (Göthe.) Wie ist dieses Ziel am sichersten und schnellsten zu erreichen? denselben, ob .er Verständnis hat für das stille Leben des Gelehrten, der seine Zeit dem Studium gewidmet und mit Leib und Seele lebt und webt in der Forschung nach den höheren idealen Begriffen, so schüttelt er sicher das Haupt und spricht: Wer wird den Geist anstrengen und schärfen an Dingen, aus denen kein pekuniärer Vortheil erzielt wird, das ist durchaus nicht nach meinen Geschmack. Ich will nicht den Staub alter Folianten aufwirbeln und aus ihnen die Geistesprodukte längst verstorbener Gelehrter schöpfen, ich lasse das Vergangene vergangen sein und suche das, was die Gegenwart bietet, zu erwerben und zu genießen. Upd doch findet der Gelehrte den vollen Genuss des Lebens in seinen Büchern, er studiert und prüft, zergliedert mit dem Autor Satz für Satz, und je länger er denkt und sinnt, desto erhabener und fassbarer erscheinen ihm die großen und tiefen Gedanken, welche ihm aus dem Geiste, der auf dem Gebiete der Wissenschaft berühmten Männer entgegen leuchten. So finden wir auch den Rabbiner der Stadt D. gebeugt über einem großen, dicken Folianten, die hohe Stirne auf die flache Hand gestützt, laut lesend in seinem einfachen, aberreich mit Büchern ausgestatteten Studierzimmer. Die Breite der einen Wand nimmt ein Bücherschrank ein, der Vorhang ist zurückgeschlagen und die vielen Lücken, die in den Reihen sichtbar sind, beweisen, dass sie zum Studium dienend, ihren Platz aus dem Tisch gesunden. Sie sind zumeist aufgeschlagen und über einander gethürmt. Eben lehnt sich der würdige Rabbi in seinen Sessel zurück, um über das Gelesene nachzudenken, und wir gewinnen Zeit, ihm näher zu betrachten. Sein geistvolles Auge blickte in's Wette, und man sieht es ihm an, dass ein schwer erklärlicher Satz seinen Geist anstrengt. Ein schwarzer Hausrock nach altmodischem Schnitt umj Diese Frage erscheint umso bedeutungsvoller, als wir uns scharf unterscheiden vom Laien, der sowohl beim gewöhnlichen Unterrichte, als auch bei der Selbstbelehrung wie ein Blinder umhertappt, probirt und experimenttrt, oft die verkehrtesten Mittel in Anwendung bringt und eine Richtung einfchlägt, die eher vom als zum Ziele führt. Mir waren und sind Leute bekannt, welche ein unterrichtendes Dilettantenthum prakttciren, in kurzer Zeit mit Kindern, ״so und soweit kamen," wunderbar, noch nicht dagewesen und wie all diese Superlattve heißen. Der Laie staunt und wir? — haben für solch arme Gefchöp'e, zarte Wesen, nichts als Achselzucken und eine Fülle des Bedauerns, das der Jude mit dem ״Nebach“ so kräftig zum Ausdruck bringt. Schaut doch diesen armen Jungen an, wie bleich, wie hohläugig? scheu und düster ist sein Blick, und sein ganzes Wesen verräth das Gemüth eines an Körper und Geist torturierten Sklaven. Wer bürgt für gute Erfolge an der Mittelschule, wo rationell und ohne Zwangsjacke gearbeitet wird? Ja, wenn Unterrichteil mit Drillen identisch wäre, könnte man den zur Aneignung gewidmeteil Lehrstoff an Mann bringen; insoferne aber darunter ein sicheres Vermitteln zwischeil Silb- und Object verstanden wird, gestaltet sich das Lehrgeschäft umso schwieriger, als in Anschlag gebracht wird, dass die zu tradierende Wissenschaft geistiges Eigenthum werden und in Fleisch und Blut übergehen soll. Rantum 861MU3 quantum memoria tenemas. Wir wissen nur soviel als wir im Kopfe haben und jederzeit wiederzugeben in der Lage sind. In dieser Hinsicht sind die meisten Menschen Jgnoranten; denn sobald man einem bestimmten Berufe vorsteht, sind die meisten Eindrücke von Geschichte, Mathematik, Chemie 2c. bereits verflüchtigt. Das ist auch nicht anders denkbar. Das Gedächtnis ist nicht derart gestaltet, dass alles, ohne inemoriert zu werden, hasten bleibt. Uebrigens, der intelligente Mensch wird jeden Gegenstand auffrischen und die betreffende Disciplin auf ein Jota wieder erlernen können. Anders schaut die Sache aus bei dem, der nie was Rechtes gelernt oder der überhaupt nichts gelernt hat. Mancher lst unwissend, obzwar er eine stattliche Reihe von Jahren im Gymnasium gesessen. Dieses traurige Ergebnis findet nicht immer darin seine Begründung, schließt seine hohe Gestalt, dichtes graues Haar bedeckt sein Haupt und hängt schlicht herab; in seine Züge hat das vorgerückte Alter tiefe Furchen gezeichnet und man liest nur zu deutlich in dem Ausdrucke seines Antlitzes, dass der Ernst des Lebens mit all seiner Macht und Kraft an ihn herangetreten. Doch spielt um feine Lippen ein milder Zug, der auf e n liebreiches, für seine Mitmenschen warm fühlendes Herz schließen lässt, und unwillkürlich muß man sich zu ihn! hingezogen fühlen. Der Bedrückte könnte ohne Zagen fern beschwertes Herz vor ihm ausschütten, könnte sich vor ihm durch Thränen erleichtern und gewiss sein, dass er Trost und Hilfe bei dem frommen Manne empfangen kann. ״Ja, ich habe es gefunden", sagte Rabbi Baruch aufstehend, und seine Handfläche glitt langsam über die Stirne. ״So und nur so kann ich mir die schwierige Stelle erklären. Dessauer wird mir beistimmen, ist er mir doch nur noch allein geblieben von den wenigen Talmudisten, welche meine Gemeinde zählte, und auch er verlässt mich, vernachlässigt mich seit einiger Zeit. Was geht mit ihm vor, sollte auch er dem Worte Gottes den Rücken kehren? O nein, das kann nicht sein! Wie konnte ich nur einen solchen Gedanken haben. Er ist misgestimmt, das merke ich wohl. Sollte die Krankheit seiner Frau die Ursache sein? Wäre er, der Gottergebene, mit feinem Geschicke plötzlich unzufrieden? Das will ich auch nicht glauben. Es bleibt mir nichts übrig, als mich bei ihm selbst zu erkundigen, warum er meine Nähe, in der er stets so gerne weilte, meidet. Suchte er doch früher seine freie Zeit immer am liebsten mit mir gemeinschastlich dem Thorastudium zu widmen." (Fortsetzung folgt)