Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1887)
- Date
- 1887-03-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Was übrigens das Recht der executiven Eintreibung der Cultusstener durch den Staat betrifft, und eiy solches Gesetz ist ja das, wie ich höre, welches Kr die Juden setzt in Ausarbeitung ist, so müssten sich sa die Uebelstände der Eultussteuern auch in den jüdischen Gemeinden Nordamerikas und der Schweiz geltend machen, und ich habe nie gehört, dass dort derartige Beschwerden geführt werden. Eine solche Verfassung entspricht also durchaus nicht meiner idealen Auffassung der Staatsorganisation, da ich jedoch aus den Aussthrungen meines geehrten Collegen über die Stellung der jüdischen Rabbiner vieles erfahren, was ich bisher nicht wusste, werde ich's nicht verabsäumen, mit ihm mich weiters in's Einvernehmen zu setzen und ihn um Informationen zu bitten." Lebhaftere Beifall lohnte diese Ausführungen. Hierauf ergriff Dr. Bloch das Wort zur Entgegnung. ״Vor allem danke ich herzlichst meinem geehrten Herrn Collegen für seine freundlichen Auseinandersetzungen. Ich stehe freilich auf einem principiell anderen Standpunkt. Denn was die Eimnengung des Staates in unsere internen Angelegenheiten anbelangt, so geschicht es thaffächlich, dass das Ministerium jetzt in allen jüdischen Angelegenheiten ohne Anhörung eines jüdischen Beirathes endgiltig entscheidet. Ich würde die amerikanischen Principien acceptiren, wenn diese auch gegen Katholiken und Protestanten Anwendung finden. Thaffächlich stellen fich die Verhältniße derart, dass die Juden zu den allgemeinen Steuern, von welchen die Institutionen der katholischen Kirche erhalten werden, gleich den Christen, beitragen, aber außerdem israelitische Eultussteuer zahlen und für unsere religiösen Bedürfniße und Institutionen selbstständig sorgen. Im Ministerium ist kein Neserent unserer Confeffion für jüdische Angelegenheiten. Waswir verlangen ist volle ungeschmälerte Rechtsgleichheit und wir erwarten diese von einer Regierung, welche dic-Devise ״gleiches Recht für׳Alle" -auf ihre Fahne geschrieben hat. Es ist endlich Zeit, dass man auch uns Juden das nicht verweigert, was. den anderen Confessionen als ,die Basis ihres äußeren Bestandes dient." Kleine Chronik. Wien. Mittwoch den 16. d. M. p Uhr Nachmittags starb nach längerem Leiden der Präsident und Gründer der Wiener ״Jsrae- ,litischen Allianz", Herr Josef Ritter von-Wertheimer, der erst vor einigen Tagen seinen 87. Geburtstag gefeiert hatte. Mit ihm ist einer der hervorragendsten Glaubensgenossen unseres Vaterlandes und einer der verdienstvollsten Philanthropen aus; dem Leben geschieden, welcher ohne Rücksicht auf Nationalität und Glaubensbekenntnis helfend und rettend eintrat, wo immer Noth sich ze-gte.- In Wien geboren, als Sohn angeschener Ellern, deren Haus einen Sammelpunkt . für die hervorragendsten Vertreter der Kunst und Wissenschaft bildete, in welchem auch unter Anderen Josef v. Sonme 11 fels ein- und ausging, erhiell er eine sorgfältige, Geist und Gemüth harmonisch entwickelnde Erziehung und eine ideale Richtung, die er auch späterhin, als er die kaufmännische Laufbahn betreten, bewahrte. Reisen, die er Ln den Jahren 1824—1828 durch Deutschland, Italien, Frankreich und England unternahm, gaben ihm mannigfache Anregung für sein humanitäres Wirken. Im Jahre 1840 gründete er in Wien den Verein, zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Juden und im Jahre 1843 die israsstsche Kinderbewahranstall in der Leopoldstadt. Das Institut der Kinderbewahranstalten hatte er von seinen Reisen durch England nach Oesteiveich gebracht, und trotzdem, es anfangs auf. großen. Widerstand,-stieß, ist es jetzt über die ganze Monarchie verbreitet. Außerdem'-r. hat er sich um-die Gründung anderer humanitärer Vereine viHache Verdienste erworben. Durch mehr als 30 Jahre war er Vorstand der-! istt-Cultusgemeinde in Wien und seit dem Bestan.de der von. ihm gegründeten-. ״Israelit. Allianz" in Wien wirkte er als deren Präsident..: Wertheimer war auch Literarisch Ln Hervorragender Weise thätig. Außer den größeren j historischen Arbeiten, welche die-Stellung der Juden im Staatsgbehandeür (״Die Juden in Qesterreich,.pom Standpunkte der Geschichte, des Rechtes und des Staatsvortheils" 1644; ״Die Stellung der Juden in Oesterreich" 1823; ״Ditz Regelung/dep staatsbürgerlichen Stellung der Juden in Oesterreich" ״;1859׳Jahrbuch der Jsraelllen", 11 - Bande 1854—1864, schrieb er auch" mehrere Stücke für die Bühne, ' u. A. eine Bearbeitung des ״Buckligen" von Sheridan, in welcher Löwe und. La Roche im Bürgtheater glänzten; auch seine Dramen ״Der Hirtenknabe" der ״Mantelsack" und ״Eudoxia", fanden vielen Beifall. Das Haus Wertheimer's war im Vormärz ein Stelldichein der künstlerischen und litterarischen Kreise; Grillparzer, Lenau, Bauernfeld, Feuchtersleben, Holtei, L. A. Frankl, die Damen Haizinger und Schönfeld fanden sich bei der gastlichen Familie ein. wo manch neues Poem im Mauuscript vorgelesen-wurde. Die letzten Zeilen, welche Wertheimer niederschrieb, enthielten Daten zu einer ausführlichen Biographie, um welche ihn der Herausgeber von .Wurzbach's ״Biographischem Lexikon" ersucht hatte;, diese Biographie.-soll demnächst im neuesten Bande Wurzbach erscheinen. Für,seine litterarischen und Humanitären Verdienste hat Wertheimer vom Kaiser die goldene Medaille , für. Kunst und Wissenschaft und den. Orden der Eisernen Kronedritter Classe erhalten. Die Stadt Wien hat ihm zu seinem ׳ 70. Geburtstagdas Ehrenbürgerrecht verliehen. Vor wenigen Jahren hat Wertheimer unter, regster Theilnahme aller Gesellschaftskreise das Fest der goldenen Hochzeit gefeiert. Der Verblichene hatte sich trotz seines hohen Alters der vollsten körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische -zu erfreuen und erst seit Beginn des Winters wurde er durch ein schweres Leiden an's Bett gefesselt. — lieber dys Leichenbegängnis werden wir nächstens berichten. Wien, 18. März. Das Leichenbegängnis desam 16. d. M. plötzlich aus dem Leben geschiedenen Mathematikers Prof. S. Spitzer fand heute Vormittags unter allgemein zahlreicher Be- Heiligung der gebildeten Stände Wiens statt. In einem Saale des Trautzrhauses, Wieden, Paniglgasse Nr. 4, stand der mit Blumen bekränzte Sarg, welcher die sterbliche Hülle des Verblichenen barg, auf einer niedern ,Estrade. In den gestrigen Nachmittagsstunden hatten das Professoren-Collegium des Polytechnikums, die Hörer der einzelnen Fachschulen, die Direction der Hypothekenbank, der Beamtenverein, Primarius Dr. Wölfster 2c. 2c. Kränze aus frischen Blumen auf die Bahre legen lassen.' Vor 3/49 Uhr versammelten sich die Studenten der Polytechnik in dieser Hochschule, um von hier unter Vortritt der Professoren und der erschienenen Vertreter akademischer Vereine sich zum Sterbehause zu begeben, woselbst sich, früher zahlreiche Traucrgäsie eingefunden hatten. Unter Psalmengesängen, welche der Tempclchör unter Leitung des Obercantor I. Singer executirte, wurde präcise 9 Uhr der Sarg aus dem Sterbegemach getragen, vor . das Trauerhaus gebracht und. in den vierspännigen Leichenwagen gelegt. Unmittelbar darauf bewegte sich der imposante Leichenzug über die Alleegasse und Lastenstraße, längst der Parkanlagen bis zur schwarz beflaggten Technik. Diener der Polytechnik eröffneteu den Conduct, der wenige Minuten später vor dem Hauptportale der Technik anlangte. Die Hörer standen in einem Halbkreise vor dem Gebäude, im Hintergründe die Professoren der Hochschule mit dem Rector Dr. Oser, vorne bei dem Leichenwagen, der hier Halt gemacht hatte, die Angehörigen des Verblichenen. Aus der Zahl der Techniker trat nun in die inmitten des Halbkreises gebildete Gasse der Schriffführer der ״Deutschen Gesellschaft", stud. ohem'. Wagner und hielt, während die Studentenschaft' das Haupt entblößte, dem Verblichenen einen Nachruf, in welchem, er seine Bedeutung, seinen unbeugsanien Charakter lind seine bewunderungswürdige Energie hervorhob und im Namen feiner dankbarer Hörer und Schüler von dem verstorbenen Meister Abschied nimmt. Unter den Prositrufeu der Studentenwagen setzte sich nun der Leichenwagen nach dem Central- -sriedhose in Bewegung. Dort langte der Zug um */,-ll Uhr an. Der Sarg wurde in die große Halle getragen und auf den Katafalk gestellt. Obercantor I. Singer recittrte nun unter Assistenz des .Chores das. 8״a2ur tomim", und tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich der Trauergäste. Wir müssen gestehen, schon -lange nicht eine 'olch - wirkungsvolle Illustration dieses düsteren Psalmes gehört zu haben. -Nach Executirungcher Trauerpsalme hielt Rabbiner Dr. Güdemann . hem -Verblichenen einen, warmen Nachruf, worauf der Sarg zu Grobe getragen wurde. - > ----- . - Kiew. Vor - einer Reihe von -Jahren kam ein Jude mit seiner Frag und dreihundert. Rubel. nach Kiew. Sein Unternehmungsgeist und -seine Geschäftsthatigkeit vermehrten-im Laufe der Zeit fein Besttzthum um das Tausendfache, und HE.-fliegt seine mit feurigen Rossen bespannte Equipage durch die Straßen Kiews. Aber das Ver- - Mtnis zwischen ihm. und seiner Gastin -war kein harmonisches, sie ' hatte-ihm nur Töchter geboren, null: der wenig. zartfühlende GMe