Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 8 (5.3.1887)
- Date
- 1887-03-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gefangenschaft wandern ließ. Betet für sie zu Gott, denn vom Wohle des Staates hängt auch Euer Wohl ab." (Jerem. 29, 7.) Nun ist es bekannt, dass Israel alle diese alten Vorschriften .treu beobachtet, herzlich und innig betet für das Wohl seines geliebten Kaisers, des Staates, der Stadt und sämmtlicher Bewohner, die größten Opfer bereitwillig bringt, im gesellschaftlichen Verkehre jedem die Bruderhand reicht. Wie vor Jahrtausenden bittet es auch heute um vollen ungeschmälerten Einlass in die weit aufgethanen Pforten des Lebens und seiner Bestrebungen. Und doch erheben sich allseitig wieder, trotz der vom Gesetze verbrieften Gleichberechtigung, feindliche Stimmen, ja ganze Körperschaften gegen Israel,, welche die dargebotene Bruderhand mit. Schmach und Hohn zurückweisen mid wie Edom ausrufen: "״ "לא תעבור ביIch gestatte keinen Durchzug, keine freundliche Annäherung". בהדב אצא 1להראות?״ sonst ziehe ich mit dem Schwerte Dir entgegen". Und diese Menschensorte; hat den Anspruch bereits bestätigt, sie hat auch durch Blutthaten ihre Brutalität gekennzeichnet. Wir sehen also in Wirklichkeit, dass die Gegenwart der Vergangenheit nicht ganz so unähnlich,ist, dass die Eine das Vorbild, die Andere das Abbild ist. In dem sinsteren Mittelalter, als der Völkerhass wie ein Fels auf Israel lastete und dasselbe körperlich und geistig zu Boden drückte, da klagten die Feinde des Judenthums über die Verkommenheit des auserwählten Volkes; über dessen Unfähigkeit,. ein Volk, das dem Vaterlande nur Schande und Schmach bringt. Nun hat sich in der neueren Zeit die Situation zu Gunsten Israels gewendet. Der Fels, der Druck wurde abgewälzt, Israel kam an die Oberstäche, durfte frei aufatmen, zeichnete sich auf allen Gebieten der Kunst und- Wissenschaft aus, als brauchbare und nützliche Glieder des Staates. Jetzt treten erst recht unsere Feinde gegen uns auf. Die Juden reißen die ganze Herrschaft an sich, Alles wird ver- - judet; jetzt ist Israel der Fels geworden, der Alles niederdrückt, Mes schwer belastet und der Kampf beginnt vom Neuen. Nicht aber einem Fels, sondern einem Kruge gleicht Israel, einem Kruge, der nur gefüllt wird, um wieder ausgeleert Zu werden. So war es von jeher, und so ist's heute noch. Und daran errinnert uns ein alter Midraschfpruch. ״Fällt der Stein auf einen Krug, Weh' dem Kruge! Fällt der Krug auf den Stein, Weh' dem Kruge! Immer auf ich, wie es gehe, Weh' dem armen Kruge, wehe!" W.r. (Fortsetzung folgt.) Die Ausgabe -er Schule Mr -as Gotteshaus. Von M. Tmtuer, Cantor und Lehrer in Bunzlau. Wiederholt habe ich darauf hingewiesen, wie sehr es die Pflicht. der Schule sei, der Gemeinde zu besserer liturgischer Erkenntnis zu verhelfen, um eine wahrhafte Andacht zu erzielen. Ich erachte es als eine Psticht, immer wieder darauf zurückzukommen und diese Ängclrgenheit genauer zu erörtern. ״Nicht für die Schule, sondern für das Leben in religiöser. Hinsicht." Das ist ein Grundsatz, der den unverkennbarsten Einstuß auch auf die Ar! und Weise ausüben wird, wie sich die Schule zur Behandlung der Liturgie stellt. ,,Weebol maasecho jihejn l’schem scjhomajim" ״Was du thust, thue nur Gottes wegen." Hiebei darf es keineswegs genügen, die liturgischen Gesangstücke nur als solche - einzuüben, sondern sie müssen in istreriMZasammenhange mit den betreffenden Gebetstücken.den Schülern zum Bewusstsein gebracht werden, damit dieselben allmählig einen Uebcrblick über das . Ganze bekommen, selbst wissen, wie Eins auf . das Andere folgt, und so mit Erkenntnis den Cuttus erlernen. -Aus dieser Erkenntnis wird dann die Andacht solgcn, von welcher die junge Gemeinde spater erfüllt sein wird. Es ist also ein ganz falsches Verfahren,!nenn Cantor und Chor nur wie Schauspieler agieren, die auf das Stichwort der verhergehenden Rolle achten, um zu-bestimmter Zeit mit der rechten Antwort einzusetzen. Es gicbt viele Synagogen, in denen der Gesang von der ganzen Gemeinde vollzogen wird. Daraus folgt auch, das.־ ׳ die gesammte junge Gemeinde in der Schule die liturgischen Gesänge lerne und singe, aber nicht blos ein auserwähltes Häuflein, sondern alle Knaben und Mädchen, soweit sie Stimmen haben. Alls demselben Grunde ist es auch gar llicht rathsam, für den Gottesdienst so schwierige und sigurierte Compositionen, wie:man bisweilen hört, zu denen noch immer frernde Kräfte herangezogen werden müssen, auszuwühlen. Das nlag für Oratorien und geistliche Concerte verbleiben, oder der Chor mag cs bei besonderer Gelegenheit als Separatleistung vortragen, aber für das Allgemeille bleibe man bei den einfachsten Compositionen, die jeder mitsingen kanrl. In der Vorrede Zli den ״Brestauer-Synagogengesängen" spricht sich Herr Ober-Cantor M. Deutsch über dieses Thema in folgender Weise aus: ״Um auch techllisch ungenügend ausgebildeten Chören, mit denen ja die meistell unserer Synagogen behaftet sind, die Aus- . führung zu erleichtern, habe ich den Tonsatz möglichst klar und einfach zu construiren, die Polyphonie, im höheren Sinne gefasst, zu vermeiden und die Melodie so selten wie inöglich durch die anderen Stimmen zu unterbrechen gesucht." Nach angeführtem Citat soll der Chor der Stimmhalter für die Gemeinde sein, und diese wird auch das was einfach und lieblich klingt,- schnell erfassen. Wir müssen daher unsere Ansprüche nach dieser Richtung hin höher stellen, um unsere Chorsänger genügend technisch auszubilden, wenn auch die Mühe groß ist und oft die Ailerkennung fehlt; aber auch hier gilt das Wort: ״Lust und Lieb' zum Ding' macht die Arbeit gering." Aber in der Schule muß die Liturgie gelerllt und geübt werden, soll di selbe erbauend in der Synagoge wirken. Es wäre bedauerlich, wenn die Liturgie der alleinige Zweck eines organisirten und geschulten, nur bezahlten Chores bleiben sollte, um mir der Grmeinde einen Ohrenschmaus zu bieten, während das Herz kalt und andachtslos ausginge. Mit solchen Experimenten würden die Gotteshäuser wohl als Stätten der Kritik Zeitweise gefüllt sein, niemals aber mit andächtigen Israeliten, denn Mio b’Jo ehewono, k’gaf b'io neschomo. ״Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele." Vergeblich wird-aber der Cantor allein die bessere Gestaltung und Förderung unseres Gottesdienstes erzielen, wenn er nicht von den Eltern, Vorständen, Rabbinern und Lehrern die kräftigste Unterstützung findet, da seine. Disciplinargewalt nicht ausreicht, die Schüler zum liturgischen Gesänge dauernd anzuhalten. Es ist darum ,Pflicht aller Gemeinden,- darauf besonderen Werth zu legen,., die Jugend diesem wichtigen Erziehungsmittel mit Nachhaltigkeit zuzüführen, soll nicht der Gottesdienst für das kommende Geschlecht eine Terra incogrita werden.