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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-02-17 · Heft 6 (17.2.1887) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 6 (17.2.1887)
Date
1887-02-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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zu schaffen. Man duldet den Inden nicht, kann ihn nicht ent- Lehren, nicht einmal in der Religion, geschweige im Leben. Man vcrjagl ihn, und doch ist er überall; man verbrennt ihn und doch stirbt er nicht; man räumt dem Zudenthnm keine Existenz ein, und -׳ hört es nicht auf, sondern erstarkt. Das Zudenthunl und seine treuen Bekenner stehen eben im Schutze Gottes. Die Christen sagen: das Zudenthum wird erhalten, um in seiner Niedrigkeit sür den höheren Glanz des auf ihm gebauten Christenthums zu zeugen. Dies bedeutet die Sage vom ewigen Juden nach christlicher Auffassung. Wie so Vieles im Zudenthum vom Christenthum zu pojcmischen Zwecken nmgcbildet worden ist, so hat man auch die Zdee vom ewigen Juden oder von der Ewigkeit des Judenthumk, die Idee, dass das Zudenthum nie aushören und sterben könne, sondern überallhin sich auSbrciten und wandern, ewig bestehen müsse, dazu verwandt. Es lässt sich denken, dass der christlichen Polemik die Idee von einem ewigen Judenthnm unerträglich war; man konnte sie neben der christlichen Kirche, worin allein die ausschließliche Warhrit sei, nicht auskommeu und bestehen lassen. Man musste sie bekämpfen und vernichten, und dies geschah in der christlichen Färbung und Umbildung der Idee vom ewigen Juden zu einem Mythus, wonach Gott den Inden gestraft und Verdammt habe, der Jude die ewige Oual und das ewige Sterben darstelle und doch von seiner Qual weder befreit werden, noch in seinem Sterben durch Annahme des Christenthnms Ruhe und Erlösung finden könne. Auch der Christ gewordene Jude gelte noch als ,getaufter Jude'. Hamerliug ahnt die Wahrheit. Er spricht in seinem Epilog, dass mit dem ewigen Juden die Ewigkeit dcS Jndenthums gemeint sein könne; aber er verwirft sonderbarer Weise diese Auffassung, weil trotz des Fortbestandes des Judenthurns und der Kraft, welche dazu der jüdischen Nace und Religion innewohne, die jüdische Religion doch bis jetzt so wenig Ausbreitung gewonnen habe, dass ihr die meisten Menschen noch fremd gegenüberständen. Wohl scheinbar wahr! Aber verhält es sich mit der christlichen Religion nicht ähnlich? Steht dem Christenthum trotz seiner protpagandistischcn Thätigkeit nicht noch eine weit größere Zahl von Heiden gegenüber? Aber nur scheinbar fehlt dem Judenthnm der Zuwachs an Proseliten. Denn was dem Christeuthum und Islam die Macht der Wahrheit und die Kraft der Ausdehnung gegeben hat und gibt, ist eigentlich doch nur das, was beide Religionen vom Judenthnm angenommen und ererbt haben: die monotheistische Totteserkenntnis und die reine Sittlichkeit. Hiermit sind sie in die Welt gegangen und haben Propaganda gemacht. Ganz so wie es der Prophet Zacharias (14, 8 n. 9) schon weissagt: ,In jener Zeit wird lebendiges Wasser von Jerusalem auSgehen, die eine Hälfte wird in das östliche und die andere in das westliche Meer fließen. Dann wird Gott als der Herr der ganzen Erde anerkannt werden, Gott wird einzig sein und sein Name einzig'. Die Dickter fassen dieses Streben als ein ernstliches auf, schildern es vom humanistischen Standpunkte (׳. oben)׳ die Bibel fasst es als ein göttliches und religiöses auf, womit Israel, als der erstgeborene Sohn Gottes und als der erste Träger der Gottesreligion und des priesterlichen Gottesberufes betraut worden ist. Mit ihm sind als Betheiligte dieses Berufes und als Mitarbeiter im Weinberge des Herrn auch Christenthum und Islam (lebendiges Wasser von Jerusalem) berufen, jenes zunächst und hauptsächlich für den Occident (westliches Meer), diese für den Orient (östliches Meer). Denn man soll es sich nicht verhehlen und es tritt neuerdings sogar wieder mit größerer Deutlichkeit hervor: im Orient hat das Christenthum noch keinen festen Fuß gefasst, auch an den wenigen Plätzen nicht, wo eö eine be-, schränkte Auf- und Annahme gefunden hat. Der Islam bleibt vorläufig den orientalischen Anschauungen angemessener und genehmer. Den Grund untersuchen wir hier nicht; die Lhatsache steht aber fest. Darüber täusche man sich und andere nicht. (Schluss folgt.) P. W. M. Jahresbericht des allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstnmmen-Institntes in Wien. In dem Rückblicke ans die Wirksamkeit des allgemeinen österreichischen israelitischen Taübstummell-Jnstitntes . im abgelanfencn Jahre wollen wir vor Allem den Gefühlen der Be- Der junge Cantor.*) Eine Erzählung von Cäcilie L ö w y. Der Regen goß in Strömen und der Wind peitschte die schweren Tropfen an die Fensterscheiben der hohen, schmalen Häuser. Wer in diesem Unwetter in jener engen Gaffe einen menschlichen Laut vernehmen wollte, musste sein Gehör austrengen, denn die Elemente tobten, als wären sie ihrer Bande entseffelt, und jener einsame Wanderer, der, fest in seinen Mantel gehüllt, noch in so später Abendstunde feine Wohnung zu erreichen suchte, kämpfte gewaltsam gegen Sturm und Wetter an. Seine Gedanken schienen von schweren Sorgen belastet, leise murmelte er in seinen Bart: ,Auch das noch für mein schweres Gemnthl' und schritt nnverdroffeu weiter. *) In Obigem beginnen wir mir der Veröffentlichung der höchst interessanten Erzählung aus der Feder unserer hochgeschätzten Mitarbeiterin Frau Cäcilie Löwy, Rabbinersgattin in Butschowitz. Diese geistreiche Darstellerin des jüdischen Familienlebens ist nnferen Lesern von einer früheren in unserem Blatte veröffentlichten Novelle »Judith' in bester Erinnernng, und auch ihre jetzige Erzählung vereinigt in sich die Vorzüge der leichten, gefälligen Form und der spannenden, intereffante» Handlung. Die Redaction. I Endlich war er an seinem Ziele angelangt, und nachdem ec durch einen finsteren Flur geschritten war, stieg er, schwer athmend, zu seiner drei Treppen hoch gelegenen Wohnung hinan. Ehe er jedoch die Thüre erreicht hatte, wurde dieselbe hastig geöffnet, und in dem Nahmen 1 derselben, erschien ein schlankes Mädchen, mit einem Lichte in der { erhobenen Rechten. »Endlich, endlich, mein theurer Vater'; rief-sie ihm freudig entgegen, ,wie sorgenvoll erwarteten wir Dich schon, und welche Pein verursachte es mir, Dir nicht entgegengehen zu können. Gottlob, dass ich Dich gesund erblicke!' »Der Allgütige segne Dich für Deine Theilnahme, wein gutes Kind', antwortete der Alte und betrat das Zimmer, seinen vom Regen schweren Mantel ablegend und sich dem Bette seiner leidenden Gattin nähernd. Diese hatte sich mühsam aufgerichtet, und, indem sie ihm die magere Rechte entgegenstreckte, sprach sie mit matter Stimme: »Ergib Dich, mein David, mit Gotivertrauen in Dein Geschick, der Allmächtige, zu dem ich um Hilfe in meinen Leiden stehe, wird Dir beistehen, Dein Los enräglich zu machen, und nun erzähle uns mit Ruhe, was in der Sitzung des Cultusvorstandes beschlossen wurde. Ich bin auf Alles gefasst.' »Erst wird der gute Vater einen warmen Imbiss nehmen,' sagte Deborah, die schnell das vorbereitete Abendbrod servirt hatte.

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