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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-02-17 · Heft 6 (17.2.1887) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 6 (17.2.1887)
Date
1887-02-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 und Weinbergen Nachlese halten, an der Ernte des Erlassjahres theilnehmen (3. M. 25, 35). So wird der Fremde neben Witwen und Waisen der Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit empfohlen. Die bei Israeliten dienenden Fremden sollen am Sabbath von ihrer Arbeit gleiw dem Herrn außruhen, und der von seinem Herrn wegen schlechter Behandlung entlaufene Sclave wurde vor Wiederanelieserung geschützt, so dass er sich beliebig ansässig machen durste (5. M/23. 16). Die ans einem fremden Lande Eingewanderten konnten sogar zu Ehren und Würden, mit Ausnahme der Königßwürde, emporsteigcn. So treffen wir den Jebussiter .Aravna' in Ierusalem ansässig und geachtet (2. Sam. 24, 18), den Hethiter ,Urias' im David'schen Heere (das. 11, 6), einen Trupp von Fremden unter, einem eigenen Obersten ,Jthai' aus Gath, der durch Treue und Anhänglichkeit gegen David in der Empörnngszeit Absalvms sich auszeichnete. Es ist rührend, daselbst zu lesen das Zwiegespräch zwischen dem flüchtigen König David und dem theilnehmenden Jthäi, der doch ein ,נכרי', ein Ausländer, ein Nichtisraelite war, welche Anhänglichkeit er dem unglücklichen Flüchtling zeigte, wie er sein Leben für ihn cinsetzte, und wie dankbar sich David später gegen ihn zeigte (S. 2. Sam. 15. 18—23). Diese milde Behandlung zog zu Salomons Zeit Fremde zu Hunderttansenden in's Land, und war so sehr der Grundzug des späteren jüdischen Staatslebens, dass der Prophet Ezechiel die Gleichheit der Fremden mit den Israeliten auch zur gleichen Berücksichtigung bei der Landesvertheilung erweiterte (Ezech.47,21). Aus diesem ergibt sich, dass das Verhältnis des Fremden zu dem israelitischen Staate nach den Principien des Rechts und der Liebe geordnet war. Eine Behandlung, deren er sich weder in Nom, noch in Griechenland zu erfreuen hatte, eine Anerkennung der Menschenwürde, nach der unsere Zeit noch ringt. Unwahr ist daher die Behauptung, die Religion Israels enthalte Härten gegen Andersgläubige, beabsichtige die Trennung der Zsraeliten von ihnen, wenn sie sich nur .von Greuelthaten enthalten, welche der entsittlichtirde Götzendienst mit sich führte. Wollte der Fremde auch culturell dem Israeliten gleich sein, so musste er sich der Beschneidung unterziehen. Nach diesem Acte stieg cr ganz in die Rechte und Pflichten eines Zsraeliten, aber um ein gleichberechtigter Staatsbürger zu sein, war diese Procedur nicht nothwendig. Hervorzuheben haben wir noch, dass die Warnung vor Verletzung der Fremdenbestimmungen mit in die Beeidigung«- formet der Zsraeliten auf das Gesetz ausgenommen wurde, welches lautet: ,Verflucht sei der Mann, der das Recht des Fremden, der Waise und der Witwe beugt' (5. M. 27, 19). Und der von den Judenfeinden verpönte Talmud weicht von den biblischen Lehren nicht ab, zeigt sich gegen Andersgläubige in jeder Beziehung und bei jeder Gelegenheit tolerant und menschenfreundlich. Für den Standpunkt des Talmudismus, als der Quelle der späteren Beachtung dieser Gesetze, diene vor Allem die Erwähnung dreier Lehrsätze ans dem Munde der geachtetstcn Lehrer: כל הכפר בע״ז נקרא יהודי ,Zeder, der da den Götzendienst leugnet, wird Jude genannt, wird dem Juden glcichgchalten' (Megilla 13). Und Rabbi Zochanan (Chulin I3lr.) lehrt: נכרים שבחוצה לארץ לאו עובדי ע״ז הן, die Andersgläubigen in allen Ländern außerhalb Palästinas sind gar nicht als Götzendiener zu betrachten. Ferner:חסידי אמות העולם יש להם הלק ליה, ,die Frommen aller Völker haben Theil an der Seligkeit im Jenseits' (Sanhedr. 966). Uebcrhaupt stellt der Talmud für Andersgläubige, die den Zsraeliten ganz gleichgestellt sind, nur die sieben noachidischen Gebote auf: ,Verwerfung des Götzendieustes, nicht Gott zu lästern, keinen Mord zu begehen, keiner Blutschande nebst anderen unkeuschen Buhlereien sich zu ergeben, nicht zu rauben, die Obrigkeit und deren Gesetze zu respectiren, nicht lebendige, abgeschnittene Gliedertheile eines Thieres zu genießen' (Maimonides Mclachim Absch. 9). Ueber solche Andersgläubige spricht der Talmud sein mehr als mildes Urtheil aus. Wer diese sieben Gebote nicht hält, verdient auch den Namen Arensch nicht, ist verworfen, gebrandmarkt, damit muß Zeder» der einen rechtlichen Sinn und ein sittliches Gefühl besitzt, übereinstimmen. Wer will da noch an die jüdische Toleranz zweifeln, oder dieselbe bemakeln? W.r. (Fortsetzung folgt.) Der ewige Jude. Von Dr. Rothschild. Der Mythus vom ewigen Juden hat neuerdings einen Dichter und Bearbeiter gefunden: Der ewige Jude von Max Haushofer. Bekannt ist die dichterische Bearbeitung dieser Sage von Robert Hamerling in ,Ahasver in Rom*. Beide Bearbeitungen sind ähnlich und doch verschieden. Hamerling sucht darin das Streben des Mensche» nach höherer Vollendung zu schildern, das freilich nur mittels dcs Cytistenthums zu erreichen sei, deren Erreichung jedoch dem Einzelnen nicht gelinge und darum ewig Streben der Menschheit bleibe. Dies bedeute die Unruhe und fortwährende Wanderung deö ewigen Juden. Haus- Hofer fasst die Sache ähnlich auf, aber schildert sie nichi wie Hamerling in epischer, sondern in dramatischer, obwohl nicht bühnengerechter Form. Die Sage bedeutet nach ihm das Streben des Menschen nach Unsterblichkeit auf Erden; er sucht sie in der Minne, in der Religion, in der Knust, nirgends ftndet er sie; er erhofft sie in der Zukunft, aber ob er sie finden wird, bleibt unentschieden. Die Sage gilt als eine christliche und tritt in doppelter Gestalt auf, in morgen- und abendländischer. Nach elfterer war cs Cartophilus, Pförtner bei Pilatus, der Jesus geschlagen, als er nach seiner Verurtheiluuz das Haus verließ; nach dieser Ahasverus, ein Schuster, der Jesus auf seinem Kreuzwege von der Thüre, wo er rasten wollte, mit Schlägen wegjagte. Für diese Verläuguung Jesu und dcs Chriftenthums duldet er die Strafe des ewigen Umherirrens, ohne Ruhe zu finden. Die Sage ist, wie wir Nachweisen werden, jüdisch, auf jüdischem Boden entstanden und eine jüdische Bedeutung enthaltend; sie erscheint hier nur in dem Colorit christlicher Polemik. Das Christentbum hält sich nämlich für die höhere Vollendung des Judenthums, aber nicht nur die Nolle der Inferiorität wird diesem zuerkannt, sondern der oppositionelle Fortbestand desselben wird als eine Nothwendigkeit und Strafe angesehen, um fortwährend von der Superiorität des Chriftenthums vor aller Wel! sichtbares Zeugnis zu geben. Dafür die Zerstreuung des Juden in alle Welt, seine ewige Wanderschaft, seine Unterdrückung und Verfolgung, überhaupt seine Paria-Stellung, — alles dies ist nothwendig im Interesse des Christenthums. Der Jude soll nicht Ruhe finden, cr ist zum ewigen Dulden und Umherirren verdammt. Ein sprechendes Zeugnis wäre dies von christlicher Liebe und Gerechtigkeit! Der Jude muß ewig leiden und als Beispiel moralischer und socialer Verkommenheit dastehen; die Bekehrung und Vernichtung des Judenthnms wird erstrebt, aber der Jude darf auffälliger Weise zu cxistiren nicht aufhören, im Christentbum nicht aufgehen und Erlösung finden, denn die lebendige Opposition des Judenthumes schafft dem Christentbum einen Reiz zum Gegensatz, eine wirksame Polemik und erhaltende Krafr. Ein offenbarer Widerspruch, dessen Lösung nur in der Absicht liegt, sich in dem Juden nur einen willkommenen Prügelknabe»

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