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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-02-09 · Heft 5 (9.2.1887) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 5 (9.2.1887)
Date
1887-02-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Liesen Brauch und für Abschaffung desselben war N. Chia ben ' Abba, Lehrer im dritten Jahrhundert, auch Chia der Große, oder Ehia der Babylonier genannt, und mehrere namhafte Gelehrte seiner Zeit. Er sagte: NPD בגבולין איני אלא sNVDN כל, ,Wer Liese Verse spricht, begeht einen Zrrthum'. Infolge dieser und ähnlicher Stimmen, die sich gegen die Citirung von Versen während des Priestersegens erhoben, entstand im iScliulclian Aruch (128, 26) die Norm: ,Man spreche während deS Priesterscgcns keinen Vers, sondern man höre schweigend und andächtig zu'. Dieser Ansicht ist auch II. Moses Zfferls. Trotz allerem dürfte es heute noch Freunde und Anhänger der Vielbeterei geben, welche diesen, in keiner Weise gerechtfertigten Brauch gut heißen und gegen dessen Abschaffung, als gegen eine sündhafte Reform eifrizst protestiren; denn es gibt leinen Usus auf religiösem Gebiete — und wäre er auch noch so ungerechtfertigt und zweckwidrig — der nicht seine Anhänger 4md Verfechter fände, seitdem man von gewisser Seite her 'darin Gefallen gefunden hat, den Gottesdienst durch Weitschweifizkcit herabzuwürdigen. Auch die dreimalige Verrichtung des Gebetes gegen böse Träume, während des Priestersegens, kennt das talmudische Schriftthum nicht, und dieses mit Recht, denn der Glaube an Träume, sie seien gut oder böse, beruht offenbar auf Aberglauben. Weil nun den Priestern das Gebot, Israel zu segnen, auferlegt wurde, darf man sich nicht zu der Ansicht verleilen lassen, sie feien die Mittler zwischen Gott und Israel, oder gar die Stellvertreter Gottes. Einer solchen, irrigen Anschauung entgegentretend, spricht sich unter Anderen der Midrasch zu 4. B. Mos., Abschu. 11 aus, wo cs heißt: Zur Zeit da Ahron das Gebot des Priestersegens erhielt, sprach Israel: .Herr der Welt! Die Priester sollen uns segnen, wir bedürfen nur Deines Segens; nur von Dir wollen wir gesegnet werden/ denn es heißt ja: ,Schaue von Deiner heiligen Wohnstätte herab, vom Himmels und segne Dein Volk Israel.' (5. M. 26. 15). Da ward ihm die Antwort zu Theil: א״ע״פ שאמרתי לכהנים שיהיו מברכים אתכם עמהם אני עומד ומברך אתכם. ,Obwohl ich die Priester zur Segensertheilung bestimmt habe, so stehe ich da und segne euch!' ,Daher', heißt es weiter, ״breiten die Priester ihre Hände aus, als Andeutung, dass Gott Israel segnet." Fragen, wir nun, wer berechtigt und berufen sek. beim heutigen Syuagogen-Gottesdienste den Priestersezen zu ertheilen, ob der Rabbiner oder der Vorbeter, so müssen wir überzeugungs- und fachgemäß die Antwort geben: Keiner von Beiden oder ein Zeder von ihnen. Keiner von Beiden, weil die Institution des erblichen Priesterthums, das nur von einem leiblichen Aharoniden rcpräsentirt und fortgepflauzt werden konnte, mit der Zerstörung des jerusalemischen Tempels und seines Opfercultus gänzlich aufgehoben worden ist. Sollten daher jene vermeintlichen ״Kohanim". die sich heute noch als Abkömmlinge Aharon's geriren, sich wirklich als solche documentircn— was sie aber nicht im Stande sind — so bleiben sie doch der den Aharoniden gebotenen Pflicht der Segenertheilung enthoben, nachdem der jerusalemische Tempel-Gottesdienst sammt Allem, was damit in unzertrennlichem Zusammenhänge steht, aufgehobeu ist. Hingegen kann jeder von Beiden — Rabbiner oder Cantor — beim Synagogen-Gottesdienste, kraft seines bvhen Amtes und Berufes, den Segenan Israel ertheilen. Denn Beide sind Diener Gottes, denen es ihr heiliger Beruf zur Pflicht macht, ihr Leben dem Altäre des Herrn und der Gemeinde ganz zu weihen, Beide sollen sich die Devise zurufen:כי.המקום אשר אתה עומד עליו אדמת־־קדש הוא! ,Der Standpunkt, auf welchem Du stehest, ist ein heiliger.' Jüdische Treue. Der bekannte Schriftsteller Sacher-Masoch weilt, wie man Ler ״Oesterr. Wochenschrift" mitthcilt, seit einiger Zeit in Paris. Die Aufnahme, die der treffliche Schilderet des jüdischen Lebens in Polen in der Seinestad i gefunden, war eine glänzende, und zahlreiche Deputationen hatten sich zu seiner Begrüßung eingefunden. . Die ״Rdvue des etudes juives“ ergriff diese willkommene Gelegenheit, und stellte an Herrn Sacher-Masoch das Ansuchen, eine Vorlesung zu halten. Der liebenswürdige Schriftsteller leistete dieser Einladung Folge, und hielt Samstag den 29. Jänner im Tempelsaale der Rus de 1a Viotoire vor einem auserlesenen Publikum einen Vortrag ״über die jüdischen Secten, iu Galizien". Der Vortragende theilte sein Thema in zwei Abschnitte: Der erste galt dem Chassidismus; der zweite dem Karäerthum, das in Polen 40.000 Seelen zählen soll. Zum Schlüsse seiner höchst interessanten Darstellungen erzählte der Redner nachfolgende wahrheitsgetreue Begcbenheiss die ihm von seinem Vater mitgetheilt wurde, und schickte zugleich die Versicherung voraus, dass seit vier Jahrhunderten kein Karäer, sei eS aus welchem Grunde immer, vor Gericht gestellt wurde. ,Ein polnischer Edelmann hatte eine Frau geheiratet und brachte sie auf sein Gut. Kurz darauf stellte sich eine Person ein und die Grästu meldete ihrem Gemal, es sei ein Individuum Lraußen, das nach ihm frage. Es scheine ein Bauer und doch «in Jude, ein Jude und doch ein Bauer. Hierauf erklärte ihr Ler Graf, eS wäre ein Jude, aber ein Karäer, selber beiße Abel und wäre sein Hausjude. Beim Ausbruch des polnischen Auf- ז standeS im Jahre 1846 nahm auch der Graf, gewesener Capitän, als Führer daran Theil. Da seine Frau nichts davon wissen sollte, schickte er sie sammt den Kindern nach Ungarn, und den Juden Abel zu sich rufend, sagte er ihm Folgendes: ,Abel, ich gehe mit in den Aufstand, möglich, dass derselbe mißlingt, dann wird mein ganzes Vermögen consiscirt. Hier in diesem Portefeuille habe ich mein ganzes bewegliches Vermögen, 80.000 fl., nimm sie hin und tritt der Fall ein, dass ich getödtet würde, so gib sie meiner Frau.' Des Grafen Worte trafen ein, der Aufstand mislang, sein Castell wurde gänzlich niedergerissen, er selbst stel in der Schlacht. Später kam die Gräfln wieder in's Dorf zurück; sie saß auf den. rauchenden Trümmerhaufen und weinte und schluchzte. Da kam ein greiser Mann und sah ihr zu und tief ergriffen weinte er mit.׳ Sie schaute auf: es war Abel. ,Ja, mein Lieber,' sagte sie, ,der Graf ist todt, unsere Habe ist verloren, es bleibt mir nun nichts mehr übrig, als für mich und meine Kinder zu betteln." ״Nein, sagte Abel und zog das Portefeuille aus seinem Busen, hier, dies gab mir der Graf für Sie und Ihre Kinder, ehe er wegging," und gab ihr unangetastet die 80.000 fl. wieder. Die Gräfln warf sich schluchzend in seine Arme, in die Arme des Patriarchen, wie Herr Sacher-Masoch sagte. Abel brachte Bauern und das Castell wurde wieder hergestellt. Stolz und mit sich selbst zufrieden ging Abel Freitag Abends in die Synagoge und betrachtete mit Freude die am Tempel aufgezeichneten Worte: ״Mein Haus ist das Bethaus für alle Völker."

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