Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 5 (9.2.1887)
- Date
- 1887-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Beendigung des jedesmaligen Morgen-Gottesdienstes, und zwar nach der Darbringung des Morgenopfers und der üblichen Räucherung auf den Stufen der Vorhalle des inneren Tempelraumes unter feierlicher, deutlicher Aussprechung des vierbuchstabigen Gottesnamens!יהוד (Tetragrammaton) ohne jede Unterbrechnng bei seinen zwei Zwischenabsänen verrichtet, wobei die Priester ihr Gesicht dem Volke zuwandten, ihre Hände aus dem Haupte haltend. (Mischna Tamid 7. 2; Sota 8. 1. 11. 91.). N. Jochanan bcii Sakai traf die neue Llnordnuug, dass die Priester vor der Ertheilung des Segens ihre Fußbekleidung ab-!egen sollten, eine Förmlichkeit, die im Oriente als ein Zeichen der Verehrung und Hochachtung galt. (Mischna Meg. 4. 7 Gemara Sota 40 u. a.). Von der AuSsprechung des Gottesnamens beim Priesterfegen wurde später, da man Mißbrauch befürchtete, ganz oder theilweise Umgang genommen, indem Manche ihn ganz verschwiegen, Manche aber mittelst der dabei gebrauchten Melodie denselben unvernehmlich oder undeutlich aussprachen. So wird vom N. Tarfon, der GesetzeSlehrer und Priester zugleich war, und der die Zerstörung des Tempels überlebte, erzählt: פעם אחת הטיתי אזני אצל כהן גדול ושמעתי שהבליע שם בנעימה אחיו הכהנים, d. h.: .Einmal neigte ich mein Ohr dem Segen des hohen Priesters und hörte, wie er fast unvernehmbar (verschluckend) den Gottesnamen inzwischen dem melodischen Gesänge seiner priesterlichen Brüder aussprach.' 9!ach der Zerstörung des Tempels und der Einführung des synagogalen Gottesdienstes bildete der Priestcrsegen einen wesentlichen Theil desselben, als welchen wir ihn, wie bekannt, heute, noch in den meisten Synagogen antreffen; doch erfuhr dieser religiöse 9lct mit seinem Uebergang in die Synagoge manche Modification. So wurde das Aussprechen des vierbuchstabigen Gottesnamens seinem Wortlaute nach nicht gestattet, und an dessen Stelle der allgemein gebräuchliche Name ״Adonai" gesetzt, weil cs nur von Jerusalem heißt: המקום אשר־יבחר ה' לשכן שמו שם. »Den Ört, welchen Gott erwählt hat, um seinen Namen daselbst resldiren zu lassend (5. B. M. 12, 5 und 11). Ferner sollen die Priester nicht mehr ihre Hände auf dem Haupte halten sondern dieselben über die Schulter erheben (Midr. r. 4. B. Ab. 11 und Sota 38a). Eine dritte Abänderung war die, dass die segnenden Priester bei jedem der drei Absätze eine kleine Pause machten, damit die Gemeinde mit einem lauten »Amen' eiufallen könne. Schließlich sollte der Priestcrsegcn bei jedem öffentlichen Tages-Gottesdienste, mit Auinahme bei Mincha, daher bei Schacharis, Mussaf und Neila, vorgetragen werden. Der Mincha-GotteSdienst wurde deswegen als eine 9lusnahme hiugestellt, weil man befürchtete, dass die Priester nach dem ihnen gestatteten Mittagsweingenusse nicht immer ganz frei vom Rausche sein würden. Nach N. Josua ben Levi, der auch nach der Zerstörung Jerusalems die lewitische Reinheitsgesetze aufrecht erhalten wollte, soll ein Priester, der seine Hände zuvor nicht gewaschen, den Segen nicht sprechen (Sota 39a). Jndeß meinen Andere, es genüge daS Händewaschen am Morgen für den ganzen Tag (Tur Orach chajim 128). Um den Priestersegen als einen Theil des Tempel-GottesdiensteS auch in der Synagoge als einen geweihten Act fort zu erhalten, wurden manche dahinzielende Bestimmungen getroffen. So sollen Priester, die mit Leibesfehlern behaftet sind, oder solche, die bei einer Leiche sich verunreinigten, wodurch sie für den Tempel-GotteSdienst untauglich wären, nicht hintreten, um den Segen in der Synagoge zu ertheilen. Hauptsächlich machen Fehler an Händen und Füßen, oder im Gesichte, oder Blindheit auf einem Auge zu dieser heiligen Function unfähig. Den Grund hiefür suchte man darin, dass daS Volk durch das Anschauen der mit solchen Gebrechen behafteten Priester in seine Andacht gestört würde, oder dass die Weihe deS Actedadurch verletzt werden könnte. Später nahm man et mit dieser Bestimmung nicht so genau und gestattete selbst mit solchen Fehlern behafteten Priestern, den Segen zu eitheilen, wenn sie im Orte hinlänglich bekannt waren und den Ortsleuten nicht mehr auffallend erschienen (lur Orach chajim 128.). Daher mag auch die Ein» sührunz stammen, dass die Kohanim beim Sprechen deS SegenS in das Gebettuch sich einhüliten, und dasdie Gemeinde eS unterließ, während der Segenserthcilnng auf sie hinzuschauen, um etwa an ihnen haftende Fehler nicht zu sehen, an welchem Branche in den orthodoxen Synagogen heute noch strenge festgehalten wird. Von dem oben angeführten Lehrer R. Josua stammen auch folgende einschlägige 9luSjprüche: »Jeder Priester, welcher segnet, wird gesegnet'; denn es heißt: »Ich werde segnen, die dich segnen' (1. M. 12. 3). So heißt et auch in Sota (38h): בל כהן שמברך מתברך »Zeder Priester, der segnet, wird gesegnet'. Ferner jagt N. Josua : »Jeder Priester, der zur Ertheilung des SegenS den Duchan (die Anhöhe) nicht besteigt, Übertritt drei Gebote, und zwar: 1. »So sollet ihr segnen'; 2. »sprich zu ihnen'; und 3. »sprechet meinen Namen über die Söhne Israels aus׳. Ferner sagt er:היביה מתאוה לברכת בהנים Gott wünscht den Priestersegen, da es heißt: »Sprechet meinen Namen über die Kinder Israels, alsdann werde ich sie segnen.' Endlich stammt von ihm die noch heute bestehende Gepflogenheit, dass die Priester schon bei Beginn des רצה- oder Ahoda-Gebeteauf den Duchan sich begeben, und dasder Segen, sowie beim Tempel-GotteSdienst nach der Opferung, erst nach Beendigung dieses Gebetes gesprochen wird. Was die übliche Haltung der Hände und Finger der fegnenden Priester betrifft, soll durch dieselbe die Allgegenwart Gottes symbolisirt werden, die den segnenden Priestern nahe ist und dem 9lcte die eigentliche Weihe und Würde verleiht. Diese Formation stützt sich auf den Vers im Hohen Liede (2. 9.): »Siehe, er steht hinter unserer Wand, er schaut durch die Fenster, blickt durch die Gitter". Nach der Meinung der Mystiker soll die Theilung der Finger den vierbuchstabigen Gottesnamen andeuten. Doch hatte dieser Brauch auch seine Gegner. Eine Einführung späterer Zeit ist die, dass die Priester vor der Segenertheilung folgendes Gebet verrichten: »Möge es. Ewiger, unser Gott, geschehen, dass der Segensspruch, den wir Deinem Befehle gemäß über Dein Volk Israel sprechen, ohne Sünde und Anstoß ertheilt werde' (Sota 39a). Daran knüpft sich der Lobspruch, den die Priester sprechen, nachdem sie der Vorbeter mit dem Rufe: »Kohanim!' zum Segnen aufgefordert: »Gepriesen sei, Herr, der Dn uns die Heiligkeit Ahrons zu Theil werden ließest, indem Du uns befohlen hast, Dein Volk Israel in Liebe zu segnen." Das hiebei gebrauchte Wort באהבה (in Liebe), soll neuesten Forschungen gemäß, da dasselbe mit dem vierbuchstabigen GotteSnamen ähnlich klingt, für denselben substituirt worden sein, dem analog sollen nach beendigter Segnung die Priester sprechen: »Herr der Welt! Wir haben gethan, waS Du uns befohlen; mögest Dn nun Deine Verheißung erfüllen: Schaue von Deiner heiligen Wohnstätte, vom Himmel, herab und segne Dein Volk Israel und das Land, welches Dn unS gegeben'. In den Gebetbüchern sind Psalmverse verzeichnet, welche von der Gemeinde während deS AbsingenS einejeden einzelnen Worte» deS PriestersegenS leise gesprochen werden sollen.*) Gegen *) Zm Mittelalter wurden diese kniend von der Gemeinde gesprochen.