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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-02-01 · Heft 4 (1.2.1887) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 4 (1.2.1887)
Date
1887-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4= Brody. Die gleichfalls vor zwei Jahren in Brody für die dortige Talmud-Thora-Jugend von uns gegründete cinclassige Schule ist derzeit bereits zu einer drciclassigeu angewachsen. Die erste Elaste zählt 81, die zweite 60, die dritte 30, zusammen 171 Zöglinge. Von der ersten zur zweiten Classe macht sich ein ganz erstaunlicher Fortschritt geltend. In die erste Classe kommen die Knaben in einem fast halbwilden Zustande und sprechen noch gar keine Sprache; in der zweiten Classe sind sie bereits gut discipliuirt und drücken sich mündlich und schriftlich in zwei Sprachen, in der polnischen und der deutschen, recht gut aus. Den Unterricht an der Anstalt besorgen vier tüchtige Lehrer mit großer Hingebung. Es ist rührend zu sehen, mit welchem Eifer diese armen, vielfach abgemagerten und nothdürftkg gekleideten Kinder dem Unterrichte folgen, wie ihnen die Lernbegicr aus den Augen blitzt. Die Erhaltungskosten der Anstalt, welche sich auf st. 1200 belaufen, werden ganz von uns Gestritten. Außerdem haben wir zur Bekleidung der ärmsten Kinder unserer dortigen vielvcrdienteu Filiale, unter deren unmittelbaren sorgfältigen Aufsicht die Schule steht, st. 180 votirt. S t r y Zn Stryj,. wo über unsere Initiative und mit Hilfe unserer Subvention vor ungefähr drei Jahren ein Neligions- Lehrer für die sehr zahlreiche, die öffentlichen Schulen besuchende jüdische Jugend, die bis dahin ohne jeden Religionsunterricht heranwuchs, angestellt wurde, musste durch die im Mai v. I. erfolgte Berufung des bisherigen Neligionslehrers Herrn Max Weißberg nach Stauislau, wo er die Leitung der von uns gcj gründeten Schul e übernahm, die Neligionslehrerstelle neu beseht werden. Die Wahl sie! auf den Neligionslehrer Herrn Isidor Berufcld ans Lemberg, welcher zu Beginn des neuen Schuljahres j fein Amt au trat. Unserer au die bewilligte Subvention geknüpften Bedingung nachkommeud, wonach der jeweilige Neligionslehrer gehalten sei, in den Abendstunden der dem profanen Unterrichte fernstehenden Chederjugeud den Unterricht in den Volksschulgegenständen zu ertheilen. eröffnete er am 10. November v. I. mit Bewilligung des k. k. Bezirks-SchulnispectorateS und bet Schuldirection in den Localitäten der Knaben-Volksschnle den Abendcurs mit 15 Schülern. Nach einigen Tagen schon wuchs die Zahl aus 34 Zöglinge an, welche in zwei Abtheilungen eingetheilt wurden. In der unteren Abtheiluug, wo mit den ersten Rudimenten begonnen werden musste, wird das Lesen und Schreiben der deutschen und polnischen Sprache und die Anfangsgründe der Arithmetik gelehrt. In der oberen Abtheilung werden die deutschen Lesestücke nacherzählt und die polnischen inS Deutsche übertragen. Ferner werden die Schüler in Dictando geübt, in Grammatik und im Rechnen mit ganzen Zahlen und Decimal-- brüchen unterrichtet. Die Anmeldungen neuer Zöglinge hänfen sich dermaßen, dass die Abendschule bald 100 Zöglinge zählen wird. Nohatyn. Ebenso wurde über unsere Initiative in Nohatyn, wo bisher trotz der zahlreichen jüdischen Zöglinge, welche die öffentliche Knaben- und Mädchenschule besuchen, kein Neligionsuurerricht ftattfaud, zu Beginn dieses Schuljahres mit Hilfe der von uns für diesen Zweck votirten Jahressubvention ein Neligionslehrer angestellt, welcher, wie sein College in Stryj, verpstichtet ist, einen Abendcurs für die Chederjugeud zu halten. Die Anzahl der nunmehr einen geregelten Religionsunterricht genießenden Kinder ist hier: in der Knabenschule 109 Schüler; in der Mädchenschule 203 Schülerinnen. N z e s z o w. Der von uns seit anderthalb Jahren in Nzeszow mit st. 300 jährlich subventivnirten Privatschule ist eS nicht gelungen, weitere dortige Kreise zu interessiren, sie bildet nur einen sehr schwachen Anfang, und musste an die Gemeinde heraugetretcu werden, um sie zu bestimmen, die Schulgründung J in die Hand zu nehmen. S t a n i s l a u. Eine vollkommene Befriedigung gewährte die Jnspicirung unserer Schule in Stauislau. Diese Schule wurde im Mai vorigen Jahres eröffnet und-ist heute eine zweiclassige, welche vier Abthcilungeu umfasst, deren jede etwa 55 Zöglinge zählt, welche vor der Gründung der Schule sämmtlich Ein Nihilist in der Kutte. Unglaublich, aber wahr! Nachstehende Episode erzählte mir soeben ein durchreisender, bei mir speisender College, der ohne fein Verschulden ein Opfer der Verleumdung und des Brod- NeideS ward. Er, mein Gewährsmann, fungirte bereits seit einigen Jahren in einer Gemeinde Deutschlands als Schächter u. s. w.; ein Daselbst ansässiger Privatschochet (ein sogenannter .Wilder*, der Alles ,lobt macht*, was ihm in die Hände komm!), dem unser fest angestellter Schächter ein Dorn in den Augen war, scheute kein Mittel, um den vermeintlichen Rivalen zu kränken und zu ärgern; er ging sogar soweit, den jungen ,Amtsbruder' bei der Ortsbehörde wegen — man höre und staune — nun wegen nihilistischer Umtriebe zu denunciren. Unser harmloser, nichts Schlimmes ahnender College wird uunmchr ans Grund obiger Anklage einem strengen Verhör unterzogen, und bei dieser Investigation entspinnt sich nun folgender Dialog, welcher in mehrfacher Beziehung die geschätzten Leser interessiren dürfte, und den wir (der Kürze halber) hier mit ,Ä* und ,B* tkizziren wollen: Ä. Wo sind Sie geboren? B. Zn einem kleinen Städtchen Galiziens. A. Ist cs wahr, dass Sie der nihilistischen Partei angchören? B. Nein; ich weiß nicht einmal, was dies bedeutet. A. Der W. behauptet, dass Sie ausländische Zeitungen lesen; erscheine» dieselben vielleicht in Zürich? B. Ich lese nur die Oesterr.-nngar. Cantoren-Zeitnng und hin und wieder auch den Jüdischen Cantor. A. Welche Tendenzen verfolgen diese beiden Blätter und wie heißen deren Nedactenre? B. Das weiß ich nicht genau. (Schönes Geständnis!!) Hieraus musste unser Gewährsmann sich eine obligatorische und gründliche Durchsuchung seines Wohnzimmers gefallen lassen, bei welcher Manipulation außer einigen haarscharfen, blanken und äußerst gefährlichen Schlachtmessern verschiedener Größe und einigen hebräischen Werken, natürlich nichts Verdachrerregendes zu Tage gefördert werden konnte. Mit diesem fruchtlosen Resultat war jedoch jener Wilde nicht einverstanden und zeigte den zu Tode geängstigten und gehetzten jungen Mann nochmals bei der Stadlbehördc an, mit der Motivirnng, dass er, der Fremde, Ausländer, ihn, den Eingeborenen verdrängt habe. Nun endlich hatte der Wilde seinen diabolischen Zweck erreicht, und der Bedauernswerthe musste die ihm so lieb gewordene Stätte seines bisherigen Wirkungskreises verlassen, um, vorläusig wenigstens, planlos, in der Welt umherznirren und bei dieser ungünstigen Jahreszeit zu wandern von einem Ort zum andern. Denn cs steht dem schwer Heimgesnchten, wie so vielen unseren ausländischen College», frei (o, bittere Ironie des Schicksals!) zu bleiben im gelobten deutschen Lande, zu bauen auf dem Sande und redlich sich zu nähren und — von der Lust zu zehren.

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