Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1887)
- Date
- 1887-01-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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© beS HofburgtheaterS, Direktor Franz Zauner, sowie andere Vertreter der Kunst und der Wissenschaft und die vielen Freunde und Bekannte deS HauseS. Die Witwe, sowie die Töchter deS Verstorbenen nahmen kurz vor 10 Uhr von dem Tvdten Abschied. Schlag 10 Uhr nahm die Trauerseier ihren Anfang. Die Mitglieder deS Chorpersonals beider israelitischer Tempel unter Leitung deS ObercantorS Singer stimmten einen Choral an, und als dieser beendet war, trat Prediger Dr. Gudemann an die Bahre, um dem Andenken deS Verblichenen einen Nachruf zu widmen. Der Redner schildert den außerordentlichen WohlthätigkcitSsinn des Verstorbenen und seiner Gattin, die ihn aus diesem edlen Pfade kräftigst unterstützte. Hierauf kommt der Prediger auf den jähen Tod des einzigen SohneS der Familie zu spreche» und gedenkt hier deS großen Schmerzes, Leu derselbe bei dem Verblichenen hervorgerufen. Dr. Güdemaun schloß mit den Worten: ,Der ist wahrhaft glücklich, der glücklich macht. Ziehe hin in Frieden!' Als der Redner geendet hatte, wurde abermals ein Trauerpsalm abgesuugeu, worauf der Sarg aus dem Stcrbehause auf die Straße getragen und in Leu vierspännigen Leichenwagen gehoben wurde. Die zahlreiche» Krauzspeuden waren bereits früher auf zwei offene Trauer- Equipagen gelegt worden. Um halb 11 Uhr setzte sich der Conduct nach dem neuen Ortsfriedhofe in Döbling in Bewegung. Dort wurde Lie Leiche des BarouS TodeSco im eigenen Grabe zur Ruhe gebettet. Kleine Chronik Wien. (VorstaudSwahl der israelitischen CultuSgemeinde.) Der Vorstand der israelitischen CultuSgemeinde in Wien hat in seiner Sonntag den 16. Jänner stattgefundenen Sitzung seine Constituirung vollzogen. Es wurden zum Präsidenten der CultuSgemeinde Herr Arminia Cohn, zum Vice-Präsidenten Julius Ritter von Goldschmidt einstimmig wiedergewählt. Als Obmann der Schulsection wurde an Stelle des dahingesrbiedenen Dr. Kompert der Bezirksschulrath Emauuel Baumgarten und zu dessen Stellvertreter Landesschulrath Dr. Fürth bestellt. Als Obmänner der anderen Sectionen snngiren für: Bet- Häuser und rituelle Angelegenheiten: Josef Hilburghäusser, Stell- Vertreter Michael Biach; für WohltbätigkeitS-Anstalten : Angelo Ritter v. Kuh, Stellvertreter Dr. Philipp Ritter von Mauthner; für Finanzen und Coutrole: ZulinS Ritter v. Goldschmidt, Stellvertreter F. M. Ritter v. Pfeiffer; für die Friedhofverwaltung: Baurath Wilhelm Stiaßny und Gemeinderath Gustav Simon; für Unterrichts. Angelegenheiten fuugire« Wilhelm Ritter v. Guitmann, Dr. Gustav Kohn, Dr. Steiner, Baurath Stiaßuy, Philipp Thorsch. Wie«. Eine komische Illustration erhält der bekannte Erlass der russischen Regierung, wonach ausländischen Juden die Reise nach Rußland uur nach früher eingeholter Bewilligung der russischen Be- Hörden gestattet ist, durch nachfolgende, durch das ,N. Wr. Tagbl.' mitgetheilte Begebenheit: ,In unseren Tagen der Expreßzüge, der Schlafwaggons und der Restaurationßwagen hat auch eine Reise nach Rußland!äugst ihre Schreckniße eingebüßt; in einen bequemen, warmen Pelz gehüllt, besteigt man auf dem Nordbahnhofe ein elegantes Coupe erster Elaste, und man braucht es nicht zu verlassen, bis man nach langer Fahrt an seinem Ziele angelangt ist. Freilich an der Grenze, in Podwoloczyska, sollte man nach den bestehenden Vorschriften allerdings auß dem Waggon steigen; aber auch die russischen Grenzgensdarmeu sind heutzutage schon so weit von der Cultur beleckt, dass sie a&ie. frierenden Reisenden nicht zwingen, sich aus den Pelzen herauszuschälen — namentlich, wenn sie eS augenscheinlich mit vornehmen Passagieren zu thun haben. Da begnügt sich der Gensdarm, die Coupsthüre zu öffnen und im gebrochenen Deutsch um die Pässe zu fragen; er sammelt diese Documeute in jedem Waggon ab, bändigt sie dem Gensdarmcrie-vieutenant ein, und dieser prüft die Pässe, vergleicht, ob das in denselben enthaltene Signalement mit der Person des Eigenthumers stimmt und entfernt sich dann wieder. Der berühmte Wiener Augenarzt, Professor Dr. Mauthner, der in der verflossenen Woche über Berufung eines auch in Wien bekannten russischen Millionärs nach Kiew rei!te, fand die Sache äußerst einfach und wunderte sich im Grunde seines Herzens, über die Schwierigkeiten einer lieberschreitung der russischen Grenze schon so viel offenbar UebertriebeneS gehört zu haben. Lseiu Diener, den er aus Wien mitgenommen, ließ das Gepäck revidiren, kehrte prompt zurück und setzte sich wieder in daS Coupe zweiter Classe nebenan. Der Professor machte eben den Versuch, nach Rußland hinüberzuschlummern, als er vernahm, wie der Gensdarmerie-Lieutenani seinen Diener an das Waggonfenster citirt. Nun eutspinnt sich folgender Dialog: »Ihr Herr ist doch Katholik?״ — ,Ich weiß nicht, aber ich glaube schon.* — ,Was heißt: Ich glaube? Sie müssen mir das bestimmt sagen.' — ,Da müßte ich zuvor meinen Herrn fragen.' In diesem Augenblicke öffnet der Professor, der jedes Wort dieses Zwiegesprächs vernommen, die Thüre seines Coupes, und um den Zweifeln seines Dieners und des Gensdarmerie-Lientenants rasch ein Ende zu bereiten, ruft er dem Lieutenant zu: ,Mein Herr, ich bin, entschuldigen Sie, Jude!" — ״Dann muß ich Sie bitten, das Coupe sogleich zu verlassen!" — ״Ja warum denn?" Mein Pass ist doch in Ordnung?" — ,.Gewiss, aber aus» ländische Juden dürfen nicht nach Rußland!' —- ,Aber ich reise ja nicht zu meinem Vergnügen und um Rußland zu sehen. Ich bin Augenarzt und zu einem schwer kranken Patienten nach Kiew telegraphisch berufen!' — ,Das glaube ich Ihnen auf's Wort, aber ändern kann ich die Vorschriften doch nicht!*' Alle weiteren Debatten erweisen sich als fruchtlos, der Professor und sein Diener müssen die Waggons verlassen. Nun stürzt der Professor auf das Telegraphenbureau. Seine erste Depesche ist an den Kiewer Millionär gerichtet,׳ den er von dem Vorfälle verständigt; ein zweites Telegramm sendet er an den russischen Botschafter in Wien, Fürsten Lobanoff. Inzwischen braust der Zug davon und der Professor hat bis zur Erledigung seiner Angelegenheit hinlänglich Muße, sich mit den Reizen von Podwoloczyska- und Umgebung zu befassen. Nach einigen Stunden erhält er eine Depesche aus Kiew von seinem Patienten: ,Ich habe Alles aufgeboten, um Ihnen die Reise zu ermöglichen. Bisher ohne Erfolg.' Bald darauf eine zweite Depesche: ,Der Gouverneur hat mir soeben seine Intervention zugesagt. Hoffe, Sie bald hier zu sehen." Vom Botschafter in Wien kam keine Antwort. Der Inhalt des an denselben gerichteten Telegramms war auch in der That gereizten Tones ... Nach langen, bangen Stunden taucht endlich der Gensdarm erie-Lieutenant wieder auf. ״Herr Professor," ruft er dem fast schon Verzweifelnden zu, ״soeben telegraphirt mir Se. Excellenz der Herr Gouverneur von Kiew, dass Ihrer Reise dahin nichts mehr im Wege steht. Sie können den nächsten Zug benützen." Und da ist auch schon der nächste Zug, und der Professor, der in die russischen Verhältniße in so kurzer. Zeit so gründlichen Einblick gewonnen, dampft weiter in das Czarerrreich. In Kiew operirte er seinen Patienten und machte sich raschmöglichstauf die Rückreise. Da erreicht ihn wieder eine Depesche: Der Gouverneur von Odessa telegraphirt ihm, er habe von seiner Anwesenheit in Kiew gehört, er bitte, ihn behufs Consultation gleich zu besuchen. ״Nein," sagt der Professor, ״ich habe genug an meinen russischen Abenteuern." Er lehnt höflich ab und krhrt zurück nach Wien, umrecht bald hier mit seinen zahlxeichen Freunden über russische Cultur und russischen Fortschritt plaudern zu können ..." Wien. Am 1. April v. I. gerieth der Fleischhauer und Realitätenbesitzer zn Diwischau in Böhmen, Franz Hrabanek 86rr., mit seinem gleichnamigen Vetter im Wirthshanse in einen heftigen Wort- Wechsel. Beide hatten kurz zuvor von der benachbarten Groß-Domäne