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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-01-24 · Heft 3 (24.1.1887) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 3 (24.1.1887)
Date
1887-01-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 falls dem Misverhältniße zwischen der großen Anzahl von Gemeinden i!nd der geringen Anzahl von Unterstützungen, die dem Vereine von diese^.Scite zufiießen, beredten Ausdruck. Es darf aber keineswegs geleugnet werden, dass blos die Hartherzigkeit der Gemeinden an diesen Uebelständen Schuld trage, wir müssen vielmehr constaliren, dasdie Gleichgiltigkeit, mit welcher viele Cantoren und Vereinsmitglieder sich über das Gedeihe» des Vereines hinwegsetzen, noch mehr Schaden angcstiftet hat. Wie sollen denn die Ersteren sich für den Pensionsfoud interessiren, wenn die Letzteren, die doch zunächst daran Letheiligt sind, kein Verständnis hiesür zeigen? Sie denken wohl, derselbe werde auch ohne ihr Zuthun zu Stande kommen, und um die Segnungen desselben zu genießen, brauche man nur pünktlich die statutarischen Beiträge zu leisten. Andere wieder wollen zuwarten, bis der Fond bereits besteht. Ja, wenn Jedermann sich von solchen Gedanken leiten ließe, wohin kämen wir? > Wäre da nicht -wirklich die Frage berechtigt, was haben Diejenigcn, die für Len Verein weder Opfer noch Mühe scheuen, vor Solchen voraus, die im süßen Nichtsthun verharren; und ist es dann nicht dringend geboten, die Strebsamen vor den Lässigen zu schützen? Sollte nicht bald eine Besserung eintreten, so müssten wir endlich auf diesen Standpunkt gelangen und unS die Frage vorlegen, ob eine kleine Schaar thätiger und pflichtbewusster Mitglieder nicht einer großen Zahl unthätiger und pflichtvergefleuer vorzuziehen sei. Um dieser Eventualität vorzubcugen, richten wir nochmals an unsere Collegen die dringende Mahnung, alle ihre Kräfte und ihren ganzen Einfluss für die Förderung unserer gemeinschaftlichen Interessen einzusetzen. Dass selbst unter den kleinlichsten Verhältnißen etwas zu leisten möglich ist, dafür ist der Beweis von einigen Collegen bereits erbracht worden. Ueber die Entwickelum des Synagogengesanges. Von Ober-Cantor I. Singer in Wien. H. Serie. XII. Lewandowski hat mit den Aufzeichnungen seiner gottesdienstlichen Gesäuge, jeden Charakters, Schule^gemacht. Es gab eine Anschauung, und diese vererbte sich leider noch bis in die Gegenwart, wo mancher Chasen, der von Gottes Gnaden über Nacht zum Ehor-Cautor umgewandelt, wurde, es verpönte, in der Synagoge jüdisch zu singen; nicht die aus Bildung resultireude Anschauung, sondern nur rein äußere Verhältniße machten ihn zum Chor-Cantor, und diesen vermeinte er damit zu rechtfertigen, dass er jedem Anklange an den traditionellen Gesang ängstlich auS dem Wege ging. Besser denkende Chor-Cautoren, und zwar solche, die einen hohen fachmännischen Bedeutungsgrad für sich beanspruchen, pflegten allerdings den Traditionsgesang, doch nur fragmentarisch, und diese armseligen Fragmente, denen mau den Zwiespalt, und die Ziellosigkeit ihres Schöpfers vom Gesichte lesen konnte, bildeten die Nothsignale, auf welche man hindeutele, wenn Jemand es versuchte, auf eine berechtigte Anknüpfung an den vererbten Gesang der Väter aufmerksam zu machen. Noch Andere, und zwar Fachmänner allerersten Ranges, vermeinten unbegreiflicher Weise, mit den Heiligthümern der Altvordern in eigenmächtiger Weise verfügen zu dürfen, indem sie beispielsweise eine nicht auszuweichende traditionelle Gesangsblüthe des Freitagabends-Chasonus auf ein Chasonus-Neis von ר״ה oculirten. Diese Vorgänge allesammt mussien selbstredend verworfen werden, indem sie vollkommen geeignet waren, das Urtheil zu trüben und ein unglückseliges Wirrsal der Anschauungen wachzurufen. Deshalb müssen wir auf den didaktischen Wertst der Lewandowski'schen Aufzeichnungen wiederholt Hinweisen, als auf eine That, die hocherhaben dasteht inmitten dem erschrecklichen Zwiespalte und die, gleich einem Leuchtthurme in Sturmesnacht, dem ängstlich aus'pähenden Schiffbrüchigen das allein richtige Ziel vorzeichnet. Lewandowski kennt keine Fragmente, keine abgebrochene Phrase, keine Motivverkrüppeluug, kein: Melodie- Verpflanzung; was er bietet, ob selbst Erfundenes oder Ererbtes, es trägt die Signatur der Stilvollkommenheit und des Unangetasteten; wofür immer er irgend einen alten Sang zu verwerthen trachtet, cs bleibt stets sein größtes Bestreben, den bctreffenden Sang an der betreffenden Stelle auch heimatsberechtigt erscheinen zu lassen. Diese Anschauung dürfte im Allgemeinen geringfügig erscheinen; die denkenden Fachgenossen jedoch müssen und werden dieselbe entschieden mit uns theilen. In den vorausgegangeuen Aufsätzen versuchten wir es nun, auf den Charakter der Lewandowskl'schen Synagogenrecitative, traditioneller und moderner Richtung, wie auch auf die Qualität der traditionell gefärbten Chorcompositionen aufmerksam zu machen, es erübrigt uns daher nur noch, den Bedeutungsgrad jener Chorcompositionen zu erläutern, die frei erfunden, d. h. der zwangslosen Phantasie des Autors entstammten. Außer einigen bereits besprochenen דודי N2^-Sätzen fällt uns Nr. 21 Tow lehodos (G-dur Dreivierteltakt) vortheilhaft auf. Die Piece ist eine auserlesene Nummer des modernen. Synagogengesanges, und zwar im edelsten Sinne des Wortes. Die eingangs scheinbar auffallende Wiederholung desselben Motivs zwischen Tenor und Gesammtchor findet ihre volle Berechtigung in dem Umstande, dass der vorliegende Text טוב?*חדות eine Psalmstelle ist und der Componist die eigentlich dem Judenthum I entnommene Art des Psalmodirens (Posuk um Posuk daS Thillimsagen) auch dem modernen Synagogengesange einzuverleiben beabsichtigt. Diese Absicht bethätigt der Componist jedoch nur insolange, als der Text kein besonders inhaltsbedeutender, sondern nur die spätere Handlung vorbereitet. In der That müsien die Worte von tow lehodos bis bemaase jodecho arannen als Untergrund der sich auf demselben asthestendeu Folge- Handlung aufgefasst werden, deshalb bewegt sich der Musik« gedanke nur in leichter, unauffälliger, vollständig sachgemäßer Weise; bei den Worten!nah godelu beginnt im Texte der Gedankenaufschwung zur Herrlichkeit Gottes. Diesen raschen Wechsel der Situation erfasst Lewandowski in ergreifender Weise, indem er für seine musikdramatische Zeichnung auch ganz andere Tonfärben wählt. Während nämlich die musikalische Bearbeitung des vorbereitenden Textes nur in der bescheidensten Weise verzeichnet erscheint, indem die Originaltonart G als dominirend. anftritr, ja in der Orgelbegleitung des G an den meisten Stellen fast orgelpuuktartig liegen bleibt, beginnt mit den Textesworten mah ‘godelu auch die betreffende Musikbearbeitnng lebendiger und drängender zu werden; cs ist interessant, die Orgelbegleitung der. bezeichneten Eiugangsstelle und die zu den Worten Nah godelu gearbeitete zu betrachten, um schon äußerlich, d. h. ohne jeglichen technischen Behelf, sich des Eindruckes einer offenkundigen Rührigkeit der bis nun künstlich lahm gelegten Notenköpfe nicht -entwehren zu können. Und in der That, betrachten wir die nun folgende Harmonie sorgfältiger, so sehen wir den Eisengriffel in der Hand des Meisters, der die Töne vollbewnssl und beabsichtigt hinzeichnet; der Gnisono-Auftact bei!nah führt uns sofort bei godelu nach E-moll, um in geistvoller Weise in einer aus der

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