Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1887)
- Date
- 1887-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453087-3453089--1990-3456190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Wir sollen ״die Augen nicht verschließen vor einer traurigen Wahrheit," und doch stellt Herr Dr. C. unseren Gottesdienst in Parallele mit dem katholischen und verwundert sich, dass nicht bei uns bei der sprachlich^unverstandenen Liturgie ״die feierlichste Stille, die andächtigste Stimmung herrscht, wie in den katholischen Kirchen gerade bei jenen Theilen des Gottesdienste-, bei denen die unverstandene lateinische Sprache gebraucht wird" — sollte nicht der Ausdruck ״jenen Theilen des Gottesdienstes" den Unterschied klar machen jedem, der ״seine Augen vor einer traurigen Wahrheit nicht verschließen will"? Im katholischen Gottesdienste sind es »Theile*. in welchen die unverstandene lateinische Sprache gebraucht wird, in unserem wird für den ganzen Gottesdienst die unverstandene hebräische Sprache gebraucht — trotzdem dasselbe? Wenn im ganzen jüdischen Gottesdienste die Landessprache herrschte und nur einzelne Theile, die wichtigsten, in der hebräischen rccitirt würden, ohne Zweitel würde bei diesen hebräischen Theilen auch jene mystische Weihe der katholischen Messe walten; aber so wie es bei uns ist, — — hat ja Moses selbst die Strahlen seines Antlitzes (ich glaube nach der Ansicht des Bina laittim) aus dem Grunde mit einem Schleier bedeckt, um ihre tiefe Wirkung auf das Volk nicht durch die Länge der Gewohnheit zu vermindern — und unser unverstandener hebräischer Gottesdienst zeichnet sich wahrlich durch Alles, aber nicht durch Kürze aus! Was doch auch. wieder in's Gewicht fällt. Wie soll z. B. den ganzen. Jom Kippur jene Weihe herrschen, wie bei der kaiholischen Messe? Das wäre eine Anspannung des G«^ müches, die zur höchsten Nervenabspannung führen müsste! Nein, unser Güttesdienst ist auf Gemi'uhlichkeit berechnet, darum konnte er früher so lange eingerichtet werden. So . lange es kein Verbrechen war, sich in der Synagoge zu unterhalten; so lange die langen MischeberachS Zeit zum gemächlichen Hinausgehen ließen und man jeden Augenblick auch hiu.einkommen konnte, um sein ״ckejaseher kauack“ über die Bankreihsn hinweg zuzurufen; so lange man die Tabacksdese hin- und herwandern lassen durfte; so lange man Kind und Enkel an seinem eigenen Platze stehen ließ und mit Strenge darauf sah, dass cs ״boruck hu uworuek scliemau — omen‘‘ nacksagte, und bei Versäumnis das Kind auch tüchtig auszanken, sogar ohrfeigen rc. durste, und daS Alles in der Synagoge — da konnte Einem die Synagoge unmöglich zu lange dauern; aber.heute, bei dem feierlichen Ceremonirll, dem weihevollen Benehmen, das in der Synagoge mit Recht herrschen soll, da ist nnser Gottesdienst einfach-zu lange, und daher zu langweilig, er mag an sich noch so inrercssant sein, so drängt sich zu viel zusammen, und da kann die Wirkung nicht außbleiben, wir si>rd nun einmal Menschen. Ich zweifle nicht daran, dass unsere alten Nabbinen, die großen Weisen und Menschenkenner, für unsere moderne Etiquette im Gotlcshause keinen so langen Gouesdienst eingerichtet hätten. Alle die ewigen Wiederholungen und Verschlingungen in unseren Gebeten sind nur erklärlich und erträglich durch dag alte, legere Verhalten im GotteShause. Da brauchte eS nicht langweilig zu werden, heute muß ek langweilig werden. Leset die erhabensten Klopstock'schen Oden in feierlicher Gemessenheit 3 Stunden lang. — von halben oder gar ganzen Tagen zu schweigen — und thut das innerhalb drei Wochen, wie zwischen Bosch kaschono und Issru-Chag von Suklcos, 9 Mal, und die übrigen Tage statt 3 Stunden 172 Stunden täglich. — Ihr sollt die Wirkung verspüren, die unser Gottesdienst in unserer Zeit machen muß! DaS genre ennuyeux sülchtet der Franzose am meisten, und der Franzose weiß der Gleichgültigkeit zu entgehen. Hier, Herr Dr. C., ist der Punkt, wo man ,vor einer traurigen Wahrheit die Augen nicht verschließensoll! Ich bin der Letzte, der auf unsere früheren Verhältniße einen Stein wirft, ja ich bin noch zweifelhaft, ob ein Gottesdienst in gemüthlicher Weise nicht dem steifen protestantischen vorzuziehen sei — aber das steht fest, dass, so lange die Gesetze wegen Störung dei Gottesdienstes und unsere üblichen anderen Begriffe von dem Wesen eines Gottesdienstes gelten,** unser üblicher jüdischer Gottesdienst zu laug ist, abgesehen davon, dass er inhaltlich unseren Ansprüchen an religiöse Erbauung in vielen Theilen nicht homogen ist. »ES hilft nichts, die Augen vor einer traurigen Wahr heit zu verschließen! - Ein N e a l i ft. Cantorales aus Amerika. Unser Bromberger College erhält von einem Eantor, der lange Jahre in Deutschland fungirte, jedoch von der AuS-» weisunzsordre betroffen, seine Stellung aufgeben musste und nach Amerika sich einschiffte, folgenden Bericht über die dortigen Verhältniße, der unsere Leser gewiss interessiren wird: »Es war schrecklich für mich, mit Weib und Kind fort zn müssen, ohne zu wissen wohin. Gott, der Lenker aller Geschicke, hat es gut mit mir gemeint und lässt mich mit Joseph sprechen ״atem chaschawtem olai l’rooh, Elokim chaschowoh li l’towoh“. Die Iirrer essen für das Land, aus welchem ick verwiesen wurde, sind mir nun entriffen, die Erfahrungen, die ich in amtlicher Beziehung dort gemacht, haben glückielige, zurück;»- wünschende Gefühle nicht hervorgerufen; das, was ich damals für ein Unglück g halten, das ist heute, wenn auch bis jetzt gerade nicht zum »Glück*, so doch zu einem immerhin erträglichen Verhältnis geworden. In meiner Stellung fühle ich mich frei, ich bin hier weder Schauchet noch Melamed (Lehrer), ich bin Cantor; meine Leistungen werden anerkannt und geschätzt, nicht jeden Sabbath brauche ich vorzubeten, kurz, ich fühle mich in jeder Hinsicht zufrieden. Mein Gebalt ist zwar vorläufig noch gering, denn augenblicklich — d. h. vom 1. April v. I. — habe ich nur 600 Dollars fest, meine Haupieinnahmcn jedoch sind von S’udes, T’noims und Hochzeiten 11. s. w. und diese Einnahmen übersteigen das fest- G-Halt. Die Kinder sind hier gut aufgehoben, sämmtlich müssen sie arbeiten und sich ihr Brot verdienen. Wer mit erwachsenen Kindern nach hier kommt, kann ohne Sorge sein, denn die Kinder verdienen 20 bis 30 Dollars wöchentlich. Die meisten der ausgewiescnen Chaiouim haben hier noch keine Stellung g-funden, ausgenommen einige, welche an den bohen Festtagen als Vorbeter cngagüt waren. Manche sinh Pedler geworden, viele haben sich der Arbeit bingegeben, um sich zu ernähren. Diejenigen aber, die sich zu diesen Beschäftigungen nicht entschließen konnten, sind dem Elende preisgegeben, und sterben förmlich des Hungers. Für Ausgewiesene gibt eS hier keine Uutcrstützungsfonds, und Niemand kümmert sich um diejenkzcn, die des Hungers sterben. Unsere deutschen Glaubensgenosien können sich rühmen, binfichrlich der Woblkbätigkeit gerade den unglücklichen Ausgewiesenen gegenüber Großes geleistet zw haben, was Gott ibnen vergelten möge! In Amer.kr, beziehungsweise hier in New Uork, werden zu den vielen bestehenden Ver» einen (Logen) immer neue gegründet für die verschiedensten Wohlthätigkeitszweige, so wurde auch in dielen Tagen wieder ein orthodoxes Nabbinerseminar in's Leben gerufen, ans welchem Nabbonim, Cbasonim. Magidim (Prediger) u. s. w. hervorgehen sollen, für die Ausgewiesenen hat man aber absolut nichts» wenigstens weiß ich nicht, da׳s ein solcher Verein besteht. Wer von diesen Unglücklichen im Elende umgekommen ist, der kann nicht einmal zu Kewer Israel kommen, denn nur Derjenige, der