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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-01-08 · Heft 1 (8.1.1887) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 1 (8.1.1887)
Date
1887-01-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Der öffentliche Gottesdienst ist nicht eine Vorstellung, zu welcher die Besucher als stumme Zuschauer oder Zuhörer sich cinfrndcn, nein, er ist ein Act, bei welchem die Mitwirkung jedes Einzelnen unerlässlich ist, soll er seinen heiligen Zweck Llicht verfehlen. Mit seinen eigenen Herzensangelegenheiten hat sich der Einzelne zu beschäftigen, und worin könnte er eher Befriedigung finden, als in unseren heiligen, altrhrwürdigen und erhebenden Gebeten? Die Ansicht des Herrn Versaffers, eS wird zu viel gesagt und zu wenig gethan, werden daher auch Wenige der Leser theilen. Zch selbst stude gerade im Gcgentheil den Grund zu den gerügten Mängeln; es wird nämlich zu wenig gesagt und zu viel gethan. Würde man Jeden seine Zeit mit Beten aussüllen lasten, seien es lange oder kurze, verstandene oder unverstandene, hebräische oder in einer lebenden Sprache abgefasste Piutim oder sonstige Liturgien, ich garantire dafür, dass an eine profane Unterhaltung nicht gedacht werden würde. Ich kenne manchen Äm-Hoorez, dem das Verständnis der hebräischen Sprache durchans mangelt, der aber während der ganzen Dauer des Gottes- Licustes nicht den Blick von dem allein ihm verständlichen Machsor-Folianten mit echtem Jwri-Deutsch wendet, aber in Bezug auf Andacht, Anstand und Wohlverhalten ein ganzes Minjan sogenannter gebildeter Synagogengäuger beschämen würde. — Und worin besteht die Zauberkraft, welche solche Wirkung hervorzubrinzrn vermag? Nur in dem Gedanken: Ich befinde mich au heiliger Gottcsstälte. — Wiste, vor wem du stehest! — Der Mensch sieht auf's Aenßere, Gott aber schaut in's Herz. Unbestritten ist aber auch ferner, ^dasS der größte Thcil der Zeit, welche wir im Gottcshause zubrinzen, mit Beten — Sagen — auSgefüllt werden muß. Die Vorlesung ans der Tdora, welche hauptsächlich nur beim Morgengottcsdienste stattfindet, nimmt schon weniger Zeit in Anspruch; die Predigt, welche eben nicht als obligater Theil des ^Gottesdienstes gellen kann, weil sie nur zu beliebigen Zeiten und am Orte eines Predigers stanfindct, erfordert noch weniger Zeit. Schofar, Lulaw, Dnchnen u. dgl., welche Verrichtungen zusammengenommen kaum mehr als zwei Stunden während der Dauer eines ganzen Iahres aussüllen, find gewiss nicht im Stande, das Uebel sür diese ganze Zeitdauer zu heilen. Aber' der vierstimmige Kunstgesaug vom tiefen E bi» zum hohen C, von einem gemilchten oder einem Männerchor cxecutirt? Sollte auch der es nicht vermögen? Dieser erst recht nicht, wie Herr Rabbiner Dr Caro treffend bemerkt, und w e die Praxis zur Genüge bewiesen hat. Exewpla sunt odiosa! Er beschäftigt nur den geringsten Theil der Lyna- Zogenbelucver, während die weitaus größte Menge zur Umhäligkert vernnheill ist, aber auch etwas zu thun haben will. Kann oder darf sie selbst am Gesänge sich nicht betheiligen, des Nechtes, ihn während der Ausführung wenigstens in nicht zu disoreier Weise zu krltrsircn, will sie sich so odne Weiteres nicht begcbeu. Was ist die Folge? Am bloßen Anhören sindet rin Theil der Gemeinde keinetr Gefallen und muß sich, um nicht der Langeweile -zw verfallen — unrerdallen. Es ijt gewiss nicht meine Avsicht. den guten Willen des Herrn Dr. Caro zu verkennen. Ich räume deshalb dem Herrn Rabbiner gern das Vorrecht ein. die Tvora ein- und auszuheben, wie dies ja auch in vielen Gemeinden schon Grbrauch ist. In den wechjelseiligeu Vortrag der Pialmen dagegen muß, wo ein solcher übtrch ist, sich die Gemciude mit dem Cantor!heilen. Ooer soll auch hier der crfteren wieder eine euiiprecheude. Panie zum Plaudern, oder, wenn cs gut geht, zum Gäbnen bewilligt werden? Das unruhige Naturell der Meisten will nun einmal etwas zu thun haben, und zum Schlafen bleibt schließlich Zeit gsnng, wie wir dies z. B. an den hohen Feiertagen zu bemerken Gelegenheit haben. — Auch das Gebet ״Usaime taukef“ farin ich als Chcrsan dem Rabbiner nicht gutwillig abtreten — ohne ihn aber wegen seines Anspruches auf dasselbe ,hierarchischer Gelüste* bezichtigen zu wollen. Wen bei diesem,Gebete nicht der Vortrag dcS Cantors — und sei dieser auch nicht ans einem Conservatorium der Musik ausgebildet — oder das eigene stille Gebet zu fesseln vermag, über' dessen starren Sinn wird auch der Rabbiner nichts vermögen. Im besten Falle wären aber auch aus diese Weise nur wieder höchstens 10 Minuten im Jahre für die Andacht gerettet. Mein Nath ist daher: Jedem bleibe das Seine! Jeder thue aber auch das Seine ׳ Dann ist uns Allen geholfen! - Zugegeben aber, dass alle Vorschläge des Herrn Dr. Caro zur Ausführung kommen könnten, was z. B. bezüglich der viergetheilten Thora-Abschnitte, des Priestersegens — falls letzterem mit dem Sezensspruche, der blos für die Priester bestimmt ist, gesprochen werden sollte — religionszesetzlich unzulässig wäre, der beabsichtigte Zweck würde dennoch nicht erreicht werden- Man würde, wenn erst der Reiz der Neuheit geschwunden, in die alten und üblen Gewohnheiten znrückverfallen. Wy der Sprechkrampf so stark ausgebildet ist, dass er nicht nach Hufelands Methode durch den bloßen Willen geheilt werden kann, da werden überzuckerte Pillen, wie sie Herr Dr. Caro seinen Patienten verschreibt, gewiss ihre Wirkung ans die Dauer verfehlen. Nadicale Heilung aber will Herr Dr. Caro erstreben; das Uebel soll in der Wurzel ausgerisfen werden, nicht blos in' großen Gemeinden, die sich eines Rabbiners erfreuen, sondern auch in den mittleren, wo dieser fehlt, ja in den kleinsten Gemeiudcn soll Wandel geschafft werden. . Wenn auch nicht ansge? sprochen, zwilchen den Zeilen seiner beherzigenswerlhen Artikel!können wir'S lesen, dass Herr Dr. Caro den Kampf, der kaum begonnen, ihm schon so manche Unbill eingetragen, nicht pro!060 eröffnet hat; die Wohlthaten seiner Bessernngsvorschläge sollen allen Gemeinden zugute kommen. Ader hier ist es, wo Herr Tst. Caro die Rechnung ohne den Wirlh gemacht, wo er mit Factoren operirt hat, denen eS an jeder Diealität fehlt. Ww sollte sich die Sache nach seiner Annabme z. B. in Westfalen gestalten? Eine Provinz mit ea. 16.000 jüdischen Seelen, die nicht einen einzigen Rabbiner hat, joilte ans diesem Grunde ausgeschlossen bleiben? Oder sollte hier vielleicht der Lehrer, der sich in. manchen Dingen so gern als Oiabbiner ge rin, und der seine Beköstigung vielleicht in einem chtistlichen Gasthofe erhält, wie dies äs laoto nachzuweisen ist, vor die Gemeinde hinlreten und ihr d n Priestersegen crtheilen oder beim Vdriesen. des Abschnittes ,Schemini' eine Betrachtung über die jüdischen Speisegesehe anknüpfen? Oder wäre cs etwa du Geheimnis, daiS auch im Herzen manches liebwcrlden Collegcn oft ,Gelüste* aufiteigen, bei denen das Epitheton ,hierarchiiche* eine unverzeihliche Lüge wäre? Eaota loquuntur. Auch die Erwartungen, welche, der geehrte Herr Nedacteur in der Note (L. 350) an die Intervention deS Vorstandes knüpft, dürften siev gar oft als zu hoch gespannt erweisen. Zugegeben, dass ein Vorstand, dem es um sein heiliges Amt wirklich ernst ist — und!olcher Ehrenmänner gibt cs Gott sei Dank noch viele in Israel — Alles aufbielen wird, um die Würde und den Anstand während des Gottesdienstes aufrecht zu erhallen: wie mancher Vorstand dagegen hak aber während des Gottesdienstes an Sabbarh- und Feiertagen, dessen Stunden in der Regel mit Gejchäfts-, Markt- und Börsenstuuden zusammen-

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