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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-01-08 · Heft 1 (8.1.1887) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 1 (8.1.1887)
Date
1887-01-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 'Gottesdienstes eingebürgert, weil sich ein Bedürfnis nach einer Verbesserung dcr alten Formen allgemein fühlbar gemacht hat. Wir Eantören aber wünschen das Bestehende mit der vorgeschrittenen Cultur in Einklang zu bringen, ohne von der väterlichen Sitte zu weichen, obgleich wir leider oft genug 6x 8psöiali mandato nach der Pfeife des ״karo68^ tanzen müssen. Wer da lacht, denke still darüber nach t Wir dürfen sogar die Behauptung anfstellen, dass der von uns geleitete Gottesdienst unter Umständen ebenso erbauen kann, wie eine Predigt. Ueber die Orgel in der Synagoge ist pro und contra geschrieben und gesprochen worden. Doch das Factum ist vor- Händen, und wir müssen mit demselben rechnen, indem wir nnS fragen: Was soll die Orgel in der Synagoge? Die Orgel hat nicht allein den Zweck, den Gemeinde- und Chorgesang zu leiten, sondern auch die singende Gemeinde in die rechte, der jedesmaligen Feier entsprechende Stimmung zu bringen und darin zu erhalten und zu fördern. Es kann doch unmöglich die Absicht sein, die Gemeinden nur von Ton zu Ton der Melodien, ganz gleichgiltig, wie cs geschieht, weiter zu führen und sie in rechten Zug zu bringen, und dies Geschäft möglichst rasch abzuwickeln; es kann ferner nicht die Absicht sein, ' den älteren Mitgliedern ans diese Weise den ganzen Gottesdienst wegen der Eilfertig keit zu verleiden, die zu ihrer Andachr nicht pasök. Das Orgelspiel hat, meiner Meinnng nach, den Zweck, die Gemeinde erstens durch passende Vorspiele nicht nur in den Geist des zu singenden Loui.ickes, sondern auch überhaupt iu die rechte gottesdienstliche Lllmmunz einzusühren, t\1 seltene» Fällen das Neciialive des Cantors zu unterstützen und dann in würdiger Weise, mit dem Texte entsprechender Harmonisirung und Nkgislrirung, den Gesang zu teilen und zu begleiten, und eudml) gewissermaßen als Oieiunte des Gesungenen und Gehörten durch ein geeignetes Nachspiel die aufgenommenen Gedanken und Vorsätze für Haus und Leben sestzuhalten und dorthin zu geleiten. Es muß beim Gottesdienste ein Unterschied gemacht werden zwischen dem balligen Treiben des Lebens und der Ruhe und Sammlung im Goneshause. Wie wohlthuend wirkt es doch, wenn wenigstens nach sechslägigem, mühevollen Zagen um'S Irdische sich der Geist aus sanften Flügeln der Andacht und aus der Leiter der Töne zum Ewigen schwingen kann! Dazu lasse mau dem Besu-ver Zeit, denn man würde den Zweck gcradezu verfehlen, die Eile der Wochentage ans die Feierftnnden des Sabbarhs zu übertragen. Je geringer in unseren Tagen in den Angen der Menge der Werth des Gottesdienstes wird, desto mehr muß auch aus diesem Gebiete seitens der dazu Berufenen dafür gesorgt werden, dass derselbe in seiner ihm gebührenden Bedeutung bleibe. Mancher sagt wohl: ,Ich gebe nur nach dem Tempel, um einmal wieder einen ,guten' Chasan und eine zeitgemäße Andacht mit Orgelbegleilung zu hören!' Nun wohl, wenn wrr das hören und wissen, so dürfen uniere Necitativ-Chöre und O!gctllücke das Eyarakterlstiich'-Zsraelitijche darin nicht verwischen, sondern eine au sprechen de und erbauliche traditionelle Form sesthalten, dass der Gesammleindruck das Gefühl Hervorrufe: ,es dringt AllcS vom Herzen zum Herzen.' Gesang und Spiel sci erhebend, j.de gesuchte Künstelei bleibe fern. Der Gottesdienst muß hehr und feierlich sein, je nachdem der vorherrschende Sinn des Festes Freude oder Trauer, Wehmnth oder Wonne, Lebnfucht oder Begeilleruug erheischt, wobei die herkömmliche Melodie (Oliäsaüvtb) bcsondeis zu berücksichtigen ist. Wie gar mancher Jeiiudi i|'t aus diese Weise wieder ein fleißiger Besucher des r Gotteshauses geworden, der sonst ein Verächter und Spotte desselben war. Es ließe sich über unseren ösf-ntlichen Gottesdienst noch so Vieles sagen.׳ Ich will aber nicht ermüden und meine Brüder und Frellnde nicht unmntbig machen. Es sei mir darum nur noch gestattet, ein Wort über die Art des Orgel'piels zu schreibcn. Vor allen Dingen muß ich ein streng taekvolleS Spiet betonen; denn dies aüein ermöglicht das rubige, andachtsvolle Milsingen. Zst doch der Takt üverhaupr die Seele der Musik! Wenn ein Psalm oder Lied bald schnell, bald langsam excentirl wird, so ist's, als ob der Geist der Unruhe nno Unsicherbeit auch iit die Gemeinde käme, eS entsteht ein Hin- und Herzerren, eine Unordnung, die keine Erbauung mehr zuiäsöt und die Seele ans ihrer Stimmung keranerclßr. Das Tempo darf nie ein Zagen, eine Hast, eine Unruhe verralbeu, fonu heißt es auK der Mitte der Gemeinde: »Der denkt wob!, wenu's nur bald aus wäre!' oder: ,Der ha! wohl beut noch was Anderes vor, da er so eilt!' Die rechte Grenze zwischen zu schnellem und zu langsamem Tempo sindet man nur dann, wenn mau selbst wirklich andächtig ist und sein Amt nicht handwerksmäßig betreibt und dem Organisten als Priester deS Herrn erscheint. Noch will ich bemerken, dass es an echt indischen Orgel- Präludien nicht mangelt. Deutsch und L e w a n d o w!- k i haben reichlich für solche gesorgt. Noch einige Aeußerungen über d n Gottesdienst. *) Von L. KoHen, Canror und Lehrer irr Rees a. Rhein. Wer die Leitartikel in Nr. 43, 44 und 47 der »Mazdeb. Wochenschr.' gelesen, wird gewiss in die berechtigten Klagen, des hochverehrten Verfassers über die Andachts- und AnstandSlosigkeit beim Gottesdienste, wie sie leider in manchen Gemeinden sich zeigen dürste, mit einstimmen, aber auch den Wunsch in sich nicht verschließen, dass diesem Uebetstande bald abgehot» fen werden möge. Wer aber die vorgeschlagenen Mittel, von ״ welchen eine Heilung des Uebels erwartet wird, genauer Prüft, wird unfehlbar zu der Ueberzeuzung gelangen, das» sie. wie alle noch so berechtigten Nesormversuche woht für eine kurze Zeit als Palliakivmittel ihre Wirkung nicht verfehlen, eine radicake Heilung aber schwerlich bringen werden. Wie alles Nene, ja lange cs neu ist, eine Anziehungskraft auf die Sinne übt, deren Stälkegrad mit jeder Wiederholung abnimmt, jo werden auch die vorgeichlagenen Reformen nicht im Stande sein, den Geist des Jndlfferentismus und der Nonchalance auf die Dauer zu bannen. Wer das Gotteshaus in der Absicht befncht, Belehrung und Erbauung in demselben zu flnden, für den genügt schon allein das Bewusstsein, sich an gotrgeweivter Ställe zu bksinden, die Hülle der Alltäglichkeit für die Dauer feines Ansent- Halles an geweihter Ställe abzustreifen, um ihn vor Ausschreituugen zu bewahren. Wer dagegen in dem Gotteshause nur Unterhaltung und Befriedigung des Sinnenreizes sucht, wird nur zu oft Veranlassung baden, sich über Mangel an solcher beklagen zu müssen. Muß ja die Langeweile, die Tochter deS Müßigganges, sogar an heiliger Stätte ihn die Schranken der Hochachtung und Ehrerbietung vor dem Angesichte der göttliche» Majestät überschreiten lasse». *) S- Nr. 50, 51 der ,israel. ״Wochenschrift" in Magdeburg.

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