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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-12-31 · Heft 42 (31.12.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 42 (31.12.1886)
Date
1886-12-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 allgemeines Charakteristik»!! des XIX. Jahrhundert und nicht bloS des Judenthumß. Ja, ich behaupte, in der Synagoge herrscht durchschnittlich mehr Andacht als in der Kirche, und. zwar — auch das wird paradox klingen — weil in der Synagoge eine u n v e r st a n d e n e Sprache die Gebetsprache ist. Die Sache ist sehr erklärlich für den, der die Natur der Gefühle kennt. Jedes Gefühl der Lust kann durch allmälige Uebersättigung in das Gefühl deS Ueberdrusses Umschlägen. Bei diesem Umschlag auS Lust in Ueberdruss herrscht aber das merkwürdige Gesetz: der Umschlag erfolgt um so schneller, je höher der Lustreiz ursprünglich war. Beweis: die pikantesten Speisen sättigen am schnellsten und werden am häufigsten und leichtesten zum Ekel, während man des Brodes nie überdrüssig wird. Ebenso geht es mit den pikantesten Melodien rc. Die Wiederholung des Identischen muß, je öfter sie erfolgt, naturgemäß zuerst Gleichgiliigfeit und endlich Ueberdruss erzeugen. Was aber nie mit klarem Verständnis und mit Innigkeit gebetet wurde, das-kann zur Gewohnheit, aber nicht zum Ueberdruss werden, und daS geheimnisvolle Element des Unverstandenen wird durch Wiederholung nicht abgeschwächt, sondern verstärkt. ,Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie" — was man nie verstanden, das bleibt gewissermaßen ewig neu. Wer zweifelt daran, dass unsere Gebete ihre Constanz zum größten Theile ihrem Idiom verdanken? Den Vorwurf also, dass unser Gottesdienst weniger .Tbciluahme und Andacht* bei seinen Bekennern sindet, als der anderer Consessionen, weise ich entschieden als unbegründet zurück. Dass aber mehr ,Theilnahme und Andacht* bei allen Consessionen zu wünschen, sehr viel zu wünschen übrig lassen, das soll nicht bestritten werden, und in dieser Hinsicht sind alle Anregungen und Vorschläge mit größtem Danke zu beachten, wenn-sie nur zweckentsprech e n d sind. Mit den Vorschlägen des Herrn Dr. Caro wird aber wenig zu bezwecken sein. ,Es fehlt dem jüdischen Gottesdienste an äußerlichen packenden Momenten* — sagt Herr Dr. Caro. Und ich sage: Alle Jagd nach Aeußerlichkeiten kann unsere Misere nur v e rschlimmer!! und um nichts verbessern! ,Der Gottesdienst muß lebensvoller gemacht werden* — darin sind wir einig, Herr Dvctor, aber wird er durch äußerlich packende Momente lebensvoller? Das Leben fließt physisch und Psychisch aus dem Innern: innerlich packende Momente fehlen unserem Gottesdienste, nicht an sich, sondern in Bezug auf das Publikum, welches gepackt werden soll. Für die früh er eil Generationen hatte der Gottesdienst sehr viele packende Momente, weil da- Innere der früheren Generationen religiös lebensvoll war — wenn von Lebensfülle die Nede ist, kann sie überhaupt nur in den Personen und nicht in den Sachen und Veranstaltungen welcher Art immer liegen. Was sollen uns daher die sachlichen Vorschlüge des fraglichen Artikels nützen? ,Gewissen Momenten muß dadurch eine höhere, stärker wirkende Weise ertheilt werden, dass das geistliche. Oberhaupt eingreift und sie trägt*. Soll daran wirklich so viel liegen, ob gewisse Theile des Gottesdienstes vom Rabbiner oder Cantor vorgetragen werden? Und wenn die Wahl zwischen einem als Redner, Gelehrten und Menschen bedeutenden, aber als Sänger und darstellenden Künstler unbeholfenen Rabbiner und einem tüchtigen, geschickten Cantor vorliegt: sollte da wirklich die bloße Persönlichkeit des Rabbiners ,außerordentliche Erfolge erzielen*? Wenn der Herr Dr. Caro Recht hat, dann-nun dann steht es mit unserem Gottesdienste nicht schlimm! Wenn der bloße Personenwechsel zwischen Cantor und Rabbiner ,die Risse des Gotteshauses* zu repariren vermöchte, dann wäre unser Klagen und Sorgen über den religiösen Niedergang in Israel arg übertrieben! Wie aber sollte die bloße Nccitation einiger Gebetstücke mehr durch den Nabbincr von so weitgehenden! Einflüße sein? Dringt denn die Stimme des Rabbiners von der Synagoge bis zum-Comptoir, Börse, Prater, Thiergarten rc.? Denn das ist das bedeutsamste und zugleich die Besserung verhindernde Symptom des religiösen Niederganges, dass die sich gebildet düukenden Herren der > jüdischen Gesellschaft dis Synagoge nicht besuchen: die Theil» nahmslosigkeit! Sollte den wirklich die Rccitation des Rabbiners mehr Anziehungskraft auf die religöS-indifferenten Legionen ausüben, als der liebliche Gesang eines Cantors? Ich glaube das nicht; nur wo ein ungeschickter, langweiliger Cantor sungirt, kann das Eingreifen des Rabbiners manchen Schaden der cantoralen Unfähigkeit verhüten, wie ich das selber auch schon eine Reihe von Jahren zu erproben das-Unglück hatte. Nt i t einem guten Cantor soll der Rabbiner sich in keine C o n c u r r e n z e i n l a s s e!!! Gebt dem C a n t o r, w a s des Cantors ist, und den! Rabbiner w a s des Rabbiners ist! Wenn irgend, dann fürchte! bei solcher Concnrrenz das ״Du. sublime au ridicul il n’y qu'un pas“. Ich nannte die Theilnahmslosigkeit für unser!! Gottesdienst eben das ,bedeutsamste Symptom* des religiösen Niederganges, und schon im Eingänge dieses Artikels schrieb ich ihr ,Verhängnis-׳ volle Bedeutung* zu. Ich will zum Schlüsse dies nun begründen. Die schlimmste Krankheit würde wohl eine Art ,Arzt- oder Medica menten -Scheu* sein. Wäre dies an sich auch ein gleichgiltiges Symptom, wofür die Krankheit viel tiefer läge: jedenfalls würde dies Symptom eine gründliche Cur unmöglich machen. Der Kranke muß den Arzt aussuchen; sein Wille, gesund zu werden, muß den Arzt und die Apotheke unterstützen. Eine solche Art ,Arzt- und Medicamenten-Scheu* ist unser modernes Fernbleiben von der Synagoge: es ist nur Ein Symptom des Jndifferentismus unter vielen; aber dies Symptom macht die Heilung unmöglich. Kämen die Leute in die Synagoge, der Rabbiner könnte sie .packen', wie Herr Dr. C. sagt, nicht durch Necitative, sondern durch Rede: wie aber sollen sie in der Synagoge gepackt werden, wenn sie gar nicht darin sind? — Der Wille des Kranken muß 2. den Arzt unterstützen: alle unsere Veranstalrungen sind aber durch den Jndifferentismus nur ,äußerlich packende Momente*, und darum können sie nicht helfen. Wenn eine dem Geiste des Publikums zusagende Gestaltung des Gottesdienstes aus der Mitte des Publikums erstrebt, erkämpft würde, dann wäre Wirkung zu erhoffen; die sogenannten Reformen gingen und gehen aber nur immer von Einzelnen, Rabbinern oder Vorstehern für das Publikum aus, ohne des letzteren Theilnahme und Kampf dafür — darum sind es nur äußere Schönpfläfterchen für tiefere, innere Krankheiten, und was könnten die helfen? Die Krankheit sitzt tief im Innern; darum muß sie aus der Tiefe, dem Innern heraus geheilt werden. Die Heilung muß also von da ausgehen, wo der Kranke zum Arzt kommt, wo das Publikum sich ,packen* lässt. Das ist die-R el i g i o n s - S ch u l e und nicht die Synagoge. Begründet in der Schule tiefgehendes Interesse, und Ihr müsset bald den Grund zu-neuen Synagogen legen, weil die alten Räume die Zahl der Beter nicht mehr fassen. Das ist mein eeterum censeo! Dr. I. Goldschmidt.

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