Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 42 (31.12.1886)
- Date
- 1886-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Kalir's Dichtungen bieten eine bis dahin nicht oder nur selten vorgekommene Form dar, nämlich außer der alphabetischen Folge auch den Nein!, oft bis zum Uebermaß anhaltend und gezwungen. Auch ist er der erste, welcher seinen Namen theils genauer, theils durch Andeutungen eingezeichnel hat. Vielleicht wollte der Verfasser dadurch sein Eigenlbum gegen jede 'Willkür schlitzen und seinen Namen bei der Nachwelt verewigen. Ec ziehet seine Gedanken aus dem unerschöpflichen Quell der allgemein be» kannten Religionsschriftcn: Bibel, Talmud und Midrasch, manche ihm zugängliche Natnrkenntniße einstreuend und zusanimeustellend. Er-entfaltet einen besonderen Reichthum an Andentungell und Anspielungen aus Alles, was den Gelehrten aus der Schule geläufig war. Jedes Wort, jeder Satz sprüht solche Funken geistvoller Erinnerungen und Anklänge. Ja selbst der Sprachzwang, dem cr sich nicht cntwinöen konnte, die Kühnheit der Formen, welche er dem hebräischen Ansdrucke aufdrängt, mögen in einer Zeit, da schon die Kenntnis des Hebräischen beim Volke sich verringert hatte und man an Mischung der Sprache und manche Ausartung gewöhnt war. statt abzustoßen mehr angezogen haben; denn daS Räthselhaste regt zum Nachdenken an, und es erfreute den Leser, den Sinn herauszufinden. Es entstanden Commentare, ausführliche Erläuterungen, seine Gedanken klarzulegen, und wir können heute kaum begreifen, wie solcke Gebetstücke zur Andacht stimmen konnten und wie noch in unserer Zeit alle diese Pijutim in vielen jüdischen Gemeinden an den heiligsten Festtagen heruntergeleiert werden. Gewohnheit, welche Macht besitzest du! Nabbi Eliescr-Ha-Kalir hat 164 Gesänge verfasst, wie L- Landshnth in seinem Werke ״Ämude Hoawodah“, .Die Säulen des Gottesdienstes', berichtet. Es ist das ein hochinteressantes ׳Werk; in alphabetischer O-dnnug führt uns der verdienstvolle Verfasier die Biographie von über zweihundert Synagogendichtern (פייטנים) in gediegener hebräischer Sprache vor. Wir wollen nur noch Einen aus der Gcsammtzahl unseren Lesern vorführen, an den sich eine seltene Sage knüpft, es ist dies der Verfasser des Sabbaihgesanges (לכה דורי), woselbst die Anfangsbuchstaben der acht Verse seinen Namen bezeichnen (שלמה הלוי). Er war ein großer Gelehrter, allseitig gebildet, wurde aus Neid und Miss׳ gunst von einem vornehmen Israeliten getödtet, der ihn in seinem Garten unter einem Feigenbäume begraben. Sonderbarer Weise blühte dieser Baum mitten im strengen Winter und trug herrliche Früchte. Das erregte allgemeines Aufsehen; die Kunde davon kam zum Könige, der den Eigenthümer holen ließ und ihn um Aufschluss fragte. Doch ein Schrecken überfiel ihn, er vermochte nicht zu antworten. Durch harte Strafen bedroht, gestand er endlich die Wahrheit ein, Seine verdiente Strafe blieb nicht aus, er wurde auf demselben Baume ausgeknüpft. ES ist sonderbar, dass im genannten Sabbathliede der Vers: *)והי j "למשסה שאסץ, .Die dich zerstören, werden zerstört', auf dieses Ereignis Bezug hat. W.r. (Fortsetzung folgt.) Unser Gottesdienst.*) Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte Herr Rabbiner Dr. Caro in Nr. 43— 44 der »israel. Wochenschrift' einen Artikel, zu dem ich mir einige Bemerkungen erlauben möchte. Zum *) Die Ausführungen des Herrn Dr. Caro über den Gottesdienst haben nicht nur in unserem Blatte, sondern auch in der ,Magdeb. ist- Wochenschr." eine lebhafte Debatte hervorgerufen. Besonders bemerkenswerth ist der obige in Nr. 49 der ,Wochenschrift' von Herrn Dr. I. Goldschmidt Lheil muß ich den Ausführungen des Artikels mit ganzem Herzen beistimmen, zum Theil aber denselben widersprechen. Zustimmen muß wohl jeder Denkende dem, was Herr Dr. Caro mit Bezug auf die Theilnahmslosigkeit für unseren Gottesdienst während des ganzen Jahres, außer L08«bba8e11on0 und Jom Kippur, sagt. In der That ist diese G le i ch gilti gfeit des sogenannten gebildeten Theiles der I u d e n h e i t gegen den Gottesdienst von verhängnisvoller Bedeutung. Ich werde zum Schlüsse darauf zurückkommen, worin ich diese verhängnisvolle Bedeutung erblicke. Dieser Punkt ist aber der einzige des Artikels, den ich uneingeschränkt zu unterschreiben vermag. Alles andere ist entweder-zu viel oder zu w e n i g. Zu viel ist, wenn dem Judenthum der Vorwurf gemacht wird, ,bei keiner anderen Confcsiion findet man durchschnittlich so wenig Theilnähme, Andacht und A n st and beim Gottesdienste, als wie bei uns'. Ich stelle das g a n z e n t s ch i e d e n in Abrede; nur wer die Verhäitniße bei anderen Eonfesfionen nicht kennt, kann diesen Vorwurf erheben. Der Procentsatz der Kirchenbesuchcr ist durchgängig viel niedriger als der der Eynagogeubesucher. Der gebildete C h r i ft. besucht die Kirche meist nur zur Confirmatio» seiner Kinder, sonst nur ganz zufällig, wenn z. B. ein ausgezeichnetes Orgel-Concert, Trauung eines Freundes u. dgl. statthat. Der Rabbiner, der mit den Pfarrern anderer Confessionen verkehrt, wird sich oft beneidet sehen um den regen Spnagogenbesuch. Die Verhältniße der kleineren Städte, die ja hiesür allein den Maßstab abgeben können, weil die Majorität der Menschen nicht in der Großstadt wohnt, legt hiefür den klaren Beweis ab. Wenn in einer Stadt von 10.000 Einwohnern 300 Personen, also drei Percent, die Kirche besuchen, so ist der Pfarrer schon recht zufrieden. Oft, namentlich-vom Nachmittagsgottesdienste, hinken blos ein paar alte Frauen aus der Kirche heraus. Auf 10.000 Einwohner kommen bei 40,000.000, zu 400.000 erst 100 jüdische Einwohner, und wenn da nur Minjan ist — und welche Gemeinde von 100 jüdischen Seelen hat nicht Mmjan am Sabbath? — so macht daß 10 Percent. Aber auch in der großen Stadt dürfte sich dieselbe Sachlage ergeben. Freilich muß man dann auch die Besucher der orthodoxen Separat-Synagogen mit in Berechnung ziehen, denn nian glaube nicht, dass in die Kirche andere als mehr oder weniger orthodoxe Elemente strömen. Was also die T h e i l n a h m e anbclangt, so berechtigt uns eine Parallele mit den anderen Consessionen zu keiner Klage gegen unsere Glaubensgenossen. Aber die Andacht! Die ist doch in den Kirchen viel inniger, als in der Synagoge! — Ja, auch ich werde einen schweren Stand mit meiner ketzerischen Ansicht haben: aber meine Ansicht beruht ans Erfahrungen, die ich׳ s e l b st! gemacht habe. Ich habe in der Kirche, die ich, um eben auch den christlichen Gottesdienst durch Autopsie kennen zu lernen, besuchte, es selbst durchgängig mitangesehen, wie wenig der Kirchenbesucher von Andacht znrückgehalten wird, mitten in den feierlichsten Liedern sich durch Unterhaltung mit seinem Nachbar, — besonders wenn der Nachbar eine Nachbarin ist — zu unterbrechen und nach beendigter Unterhaltung wieder mit dem Chore weiterzusingen, als wäre gar nichts vorgefallcn und Alles sei in Ordnung. Kurz: die Andachtslosigkeit beim Gottesdienst ist ein veröffentlichte Artikel, der den Beweis erbringt, dass die Ansichten des Herrn Dr. C. auch in dem Kreise seiner Standesgenoffen wenig Zustimmung .finden. Auf die weiteren Aeußerungen, sowie auf die. Gegenerklärungen des Herrn Dr. C. werden wir in der nächsten Nummer zurnckkommen. Die Redaction. 381ז11ןומןזמז#!ו׳ u 11 v »util. .v 2juhu. -*neu»uul7. .nm/m.;