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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-12-24 · Heft 41 (24.12.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 41 (24.12.1886)
Date
1886-12-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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seine selbstgernhmte Autorität nicht auch auf den Gottesdienst erstrecken, welcher ja nolhwendiger ist als die Predigt, da doch diese — nach jüdischer Auffassung — kein integrirender Theil des Gottesdienstes ist? Etwa deshalb, damit die Pilsener Gerneinde ihicn prachtvollen, heczcrhebenden Gottesdienst, der ihm wahrscheinlich ein Dorn im Auge ist — nach katholischem Muster resormire? Und in dieser Voraussetzung träumt er schon von einer jüdischen Hierarchie, und als Erfinder und Begründer derselben nennt er sich schon im Voraus ,geistliches Oberhaupt', das natürlich auch das Neckt besitzt, Liturgien abzuschassen. Wie verträgt sich aber all' dies logischerrveise mit seiner Sehnsucht nach dem L’maan Jirbu? Die neu ausgestellte Theorie, dass die Nabbinen ,werkrhatige Theologen' (wem kommt da nicht unwillkürlich Stöcker's ,praktisches Christenlhum' in den Sinn? Anm. d. Ned.) sein sollen, lässt sich nach der Logik des Herrn Dr. Caro in der Praxis etwa so deuten: dass dieselben, anstatt profane Wissenschäften, die für jüdische Nabbinen von untergeordnetem Werthe sind, lieber Gemara, Rischonim und Acharonim sammt Pos'kim lernen, vor dem Morgengebete in die Nikrvsk gehen, alle Observanzen übewund den L*1naan Jirbu laut beten sollen; vielleicht gar einen jüdischen Mönchsorden ins Leben rufen, damit alles ,,aä majorem dei gloriam“ nach karholischem Muster eingerichtet sei. All' das lässt sich eher in seinen epochemachenden und weltbewegenden Gedanken vom .werk« rhäligen Theologen׳ hineindeulen, als dass der Nabbiner der Vorbeter der Gemeinde werdet und hiedurch dieses zweiselhaste Attribut erlange. Die Lösung dieses mysteriösen Problems, sowie die Führung des Nachweises, wie wahrhafter Gottesgiaube, richtige Philosophie oder Kunst ohne Idealismus möglich sei, überlasse ich dem großen Logiker Herrn Dr. Z. Caro. Jnsolaugc er aber dieses Näthsel nicht offenbaret, hat er kein Recht, die Cantoren als ,die idealsten Idealisten' zu bespötteln, weil Frömmigkeit ohne Idealismus Heuchelei, Erhebung des Menschen zum Höchsten und Besten ohne Idealismus ein Ding der Unmöglichkeit ist. Seine höhnische Herausforderung mit dem siegesgewissen Bewusstsein, ,dass ihn die Cantoren verketzern werden', veranlasst mich zu der Bemerkung, dass er uns Canloren von dieser Mühe enthoben hat, indem dies schön sein Artikel, in welchem er seine verkrüppelte Gcistesrichtung veröffentlichte, mehr, als wir es im Stande wären, gethan hat. Er möge nur fortfahreu derartige Artikel zu schreiben, es werden ihn schon maßgebende Factoren von seiner krankbaslen Ehr- und Zanksucht heilen. Einigermaßen werde ich von einer Besorgnis beschlichen, dass ich dcn Resormvestrebungen und Angriffen des Dr. Z. Caro so viel Wichtigkeit beigemessen, indem ich sie überhaupt zum Gegenstände einer Beleuchtung gemacht habe, allein sein ungcrechter und böswilliger Angriff gegen uns Cantoren hat mich hiezu widerwillig gezwungen. E. F. Ein Mertagsgottesdienst in Madrid. Ein Correspondent des ,M. Ist׳.' macht hierüber folgende interessante Mittheilungen: Die wenigen hier lebenden Juden haben es noch immer zu keinem Bethause, keiner Thora und keinem Vorbeter gebracht, und sie konnten daher bisher kaum den Versöhnungstag nach Vorschrift und Gebühr feiern. Der Neujahrstag wurde von den Frommen nur im engsten Familienkreise gefeiert, während am Versöhnuugstage die hier lebenden Juden sich gewöhnlich in einem eigens hierzu gemietheten Hotelzimmer versammeln, um dort gemeinsam ihre Andacht zu verrichten. ' Auch Heuer sollte für den Versöhnunzstag irgend ein Salon in einem Hotel gemiethet und in eine Betstube umgewandelt werden; aber in letzter Stunde stellte der hier etablirte französische Banquier, Herr S- L. Alzedo aus Bordeaux, eines seiner Appartements zur Verfügung, und so konnte Heuer zum ersten Male seit dem verhängnisvollen Jabre 1492 der Vcrsöhnungstag hier, wenn auch schon nicht in einer Synagoge, so doch wenigstens in einem jüdischen Hause begangen werden, und brauchte man daber nicht zu fürchten, dass beim Oeffnen der Thüre des Andachtsloeales der Geruch von verlockenden und verbotenen Speisen aus der Hotelküche zu uns dringen werde, oder dass sich während der Abodab ein Hotel-Gar§on mit einer Flasche Champagner in unsere Mitte verirren werde. Herr Atzedo hatte auch die Gewogenheit, zugleich auch als Chasan, und zwar am Kol-^idrs-Abend (man muß das Wort hier nichr wörtlich nehmen, da Kol-Nidre hier gar nicht rccitirt wurde) zu sungiren, was ihn sichtlich große Anstrengungen kostete. Da jedoch der Andacht eine große Anzahl von Frauen anwohnte und >6 auch unter dem anwesenden starken Gcschlechte viele gab, die kein Wort Hebräisch verstehen,!0 erlaubte es sich der Vorbeter aus eigene Faust, die Gebete statt in hebräischer in französischer Sprache vorzntragen. Ich muß hier einschaltcn, dass einige. Israeliten Hier, um den Versöhnungstag nach Varschrist feiern zu können, eigens über diesen Tag nach Lissabon gereist sind, wo es eine wahrhaft fromme Gemeinde mit mehreren Synagogen gibt. Auch das Schacharit- Gebet wurde in französischer Sprache vorgetragen, dagegen wurden Mussaf, Mincha und Neilah gänzlich in hebräischer Sprache recitirt, und zwar von einem französischen Kaufmanns, der auf seiner Geschäflsreise nach Lissabon hier für zwei Tage Halt gemacht hatte, um mit eigenen Augen zu schauen, in welcher Weise die Inden Madrids den Versöhnungstag begehen. Als er nun sab, dass dieselben eines hebräischen Vorbeters gänzlich enlbchren müssen, so bot er sich ihnen als solchen an, ein Anerbieten, das mit größtem Beifall ausgenommen wurde. Unter den Andächtigen bemerkte man auch Herrn Bauer, den hiesigen Vertreter des Hauses Rothschild. Derselbe ist ein Bruder des Herrn Ritter v. Bauer in Wien und auch des ehemaligen Abbe Bauer, der bekanntlich unter der frommen Kaiserin Eugenie für einige Jahre Hofcaplan in den Tuilerien war, nach dem Sturze Napoleons jedoch aus der Kutte sprang und Pferdehändler wurde, worauf er im Stillen wieder zu dem Glauben seiner Väter zurückkehrte. Der frühere Abbe tiefer! heute für die französische Armee Cavalleric- und Artilleriepserde, und kann mau ihn auch oft des Abends im Pariser Bois de' Boulozne zu Pferde sehen. Ans einem solchen Spazierritt begegnele der Ex-Abb6 vor Kurzem dem Kriegsminister, der ebenfalls in diesem Böis herumgaloppirte, und legte er schnell seine zwei Finger an seinen Hut, um denselben militärisch zu salntiren. Da aber eine Höstichkeit die andere erfordert, so erhob der Kriegsminister die drei Finger seiner rechten Hand und ertheilte dem Ex-Abb« seinen Segen. Ich erwähne diese Anecdote hier nur deshalb, um nachznweisen. wie vollkommen Recht der selige Cardinal-Erzbischof von Prag, Fürst Schwarzenberg hatte, der sich einmal im böhmischen Landtage dahin äußerte, dass ein Jude, der sich ans Ueberzeugnng taufen lasse, ein weißer Nabe sei. So lange nämlich Herr Bauer noch Abbe und Hofcaplan war, da kam er öfters nach Wien, um seine Brüder daselbst, ,die noch im Finstern wandelten und den wahren Glauben

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