Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 41 (24.12.1886)
- Date
- 1886-12-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 nicht frühzeitig in der heiligen Sprache nnseres Volkes beten! gelernt, niemals wäre es dem Manne Lewandowski möglich gewesen, zu diesen Worten auch die richtigen Töne zu finden; niemals hätte er cs über sich gewinnen können, dem Betgelange eine solch' unwandelbare Ausdauer zuzuwenden, wie es der Fall ist. Lebte nun das Gebet in dem Herzen Lewandowski's, so mutzte selbstredend die Mufikform für dasielre in jenem Momeme fertig gewesen sein, als er zum Bewusslfeiu seiner con׳.- ponistischen Bedeutung gelangte. Nicht ein ängstliches Suchen nach Tönen der äußeren Umgebung, sondern der heilige Drang der in seinem Innern lebenden Tonwelt war es, der seine Gebete in Musik setzte, und das Ergebnis einer solch' idealen Seelenthätigkeit muß selbstredend unwandelbar bleiben für alle Zeiten. Deshalb sehen wir den Meister bei Bearbeitung^ seines! vierstimmigen Synagogeugesangswerkes Todah wesimrah immer wieder zu den alten Klängen der in kol rinnah utefillah zweistimmig bearbeiteten Gesänge zurückkehreu, und dieses Rückkehr zur einstigen Form liefert uns einen neuen glänzenden Beleg für die hohe Bedeutung Lewandowski's auf synagogalgesauglichem Gebiete, wie auch eine unterweisende Ändeutung, dass man nicht berechtigt ist, ältere Einrichtungen eigenmächtig abzustelleu, vielmehr verpsiichtet sei, einen Anknüpfungspunkt mit denselben im Auge zu behalten. Nach dieser für uöthig erachteten Vorausschickung wollen wir es versuchen, in den Geist der von Lewandowski in Todah wesimrah I veröffentlichten, zumeist vieisiuniiligen Gesäuge ciuzudringeu. (Fortsetzung folgt.) Beleuchtung der gottesdienstlichen Reformliestrelningeu des Dr. I. Caro, Rabbiner zu Pilsen. Durch mancherlei Vorfälle gehindert, unserem Fachblatte regelmäßig gleich beim Empfange die gewohnte Aufmerksamkeit zu widmen, kam ich erst heute in die Lage, die letzten Nummern unserer geschätzten österreichisch-ungarischen.Cantoreu-Zeitung zu lesen, und finde mich in Folge des in Nummer 37 derselben aus der ,Magdeburger Wochenschrift* abgedmckten Artikels von Dr. I. Caro veranlasst, gegen meine sonstige Gepfiogenheit öffentlich aufzutretcn. Was unsere Zeit producirt hat an großen Erscheinungen, was sie vollzieht in mühsamer Evolution, was ihr droht an grundstürzender Umwälzung, Alles das hat auch Dr. Z. Caro erkannt, so offenen AugeS, wie irgend ein weltlicher Forscher. Dass er die Vergangenheit in einem andern Lichte darstellt, dass er der Zukunft andere Aufgaben zuweist, als wir Juden von geläuterten religiösen Anschauungen; das ist durchaus begreiflich und passirt beiläufig so oft, als man Gelegenheit hat, manche egoistische, nach Materialismus strebende Nabbiuen sprechen zu hören. So oft es der persönliche Vortheil deS Dr. Z. Caro erfordert, stellt er das Zeitalter des Ghetto in strablendstem Lichtcffecte und die wohlthätigen Errungenschaften unserer Zeit in dunkelstem Schatten dar; aber selbst die außerordentlichsten Fähigkeiten sind unvermögend, den geringsten Theil des auf conservativer Grundlage feststehenden ,modernen Gottesdienstes* inS Wanken zu bringen. Jener Rabbiner, welcher dennoch wagen sollte, den mit Kampf durchgeführten und jetzt schon theilweise eingebürgerten ,modernen Gottesdienste noch mehr zu reformiren, und keine anderen Gründe auzuführen wissen wird, als die des Herrn Dr. I. Caro, wird nicht nur bei den Gemeinden — aus Rücksicht der religiösen Anschauung, des aufrechtzubaltenden Friedens balber und zur Verbinderung der einznsühreuden Hierarchie — keinen An klang finden, sondern auch sogar bei seinen gleichgesinnten, aber klugen Standesgenossen als unklug verlacht werden, indem er jenen Hauptzweig verderben und verkleinern will, welcher ibm und seinen Standesgenossen die besten Nährflüchte trägt. Jnstinctiv sollte so mancher .Gernegroß*, wenn schon sogar sein religiöses Gefühl an Schwindsucht leidet, doch mindestens im eigensten Interesse der Selbsterhaltung, zumal bei der jetzt leider überall obwaltenden Indolenz gegen die Religion, keilten, selbst den kleinsten Angriff gegen den Gottesdienst ullternehmen. Herr Dr. I. Caro schiebt die Schuld des spärlichen Tempelbesuches den ,modernen Cautoren* in die Schuhe, welche mehr Gewicht aus den ,guten Ton' als auf die zu fördernde Andacht legen. Als moderner Cantor will ich selbst gegen seine ungerechten Anschuldigungen und verletzenden Angriffe den ,guten Ton* beobachten. Wir Cautoren, welche doch allsabbathlich eine Geist und Körper anstrengende Aufgabe zu erfüllen haben, sind wahrlich berechtigter als er, den spärlichen Tempelbesuch zu beklagen, doch ist es noch Niemandem eingefallen, biefiiu die 1 modernen Nabbiuen, weiche gewiss nicht so fromm sind als die der alten Richtung, zu beschuldigen. Eine io allgemein austretende Erscheinung muß einen allgemein wirkenden Grund haben, und dieser ist auch nicht schwer zu finden. So lange man den eigentlichen Grund der bisherigen Unihäugk-il nicht bloslegr, den Sitz des Uebels vielmehr in ganz falscher Richtung lucht, ist wenig Hoffnung auf Besserung vorhanden. Der freiheitliche Zug unserer Zeit, das beständige Haschen nach materiellen Gütern haben dieses Uebcl verursacht. Euergifches aber kluges Handeln der Nabbiuen statt der bisher fatalistischen Unthätigkeit, sanftes Einwirken auf die Jugend statt sich auf Kosten der Cautoren zu erheben, Hebung des Gottesdienstes durch Gesang und Predigt statt ihn zu verunstalten, wie es Dr. I. Caro wünscht, dass der Rabbiner in die Vvrbeirrolle des CanlorS Eingriffe mache, wodurch ein greller, i ohrenzerreißsnder Con traft entstehen muß; durch all' dieses kann eine Besserung herbeigeführt werden. Dr. I. Caro ist im Jrrthum, wenn er glaubt, dass nur durch sein Milvorbelen die Ruhe und Andacht im Pilsener Tempel gefördert werden wird. Er versuche einmal — als ,geistliches Oberhaupt*, wie er sich nennt — vier Wochen lang allein vorzubelen, so wirb er sich überzeugen, dass er im Tempel wohl Ruhe, aber kein betendes Publikum haben wird. Die jüdische Religion kennt wohl keine Hierarchie, und der Rabbiner ist auch kein Priester oder Geistlicher im Sinne des Katholicismus z. B., umsomehr könnte also die Pilsener Gemeinde auf ihren Dr. I. Caro stolz sein, indem dieselbe wohl nur die zweitgrößte Gemeinde Böhmens, trotzdem die erste in der Welt ist, welche ein geistliches Oberhaupt — in gemeinverständlicher Sprache: einen Papst — besitzt, wenn sie dieser jüdische Papst nur nicht öffentlich ihres unanständigen Benehmens beim Gottesdienste angeklagt hätte. Was ein Papst öffentlich schreibt, daS wird mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen, bingegen das, was ein Rabbiner über seine Gemeinde öffentlich klagt, wird verschiedenartig commentirt. Dr. I. Earo schließt die Wirkung seiner Autorität auö dem Umstande, dass bei feiner Predigt vollste Ruhe, beim Gottesdienste aber Geschwätz herrsche. Weshalb will er diese