Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 41 (24.12.1886)
- Date
- 1886-12-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Uelier die Entwickelung des Synagogengesanges. Von Ober-Cantor Z. Singer in Wien. K. Serie. X. Lewandowski erfüllte mit der Herausgabe seines Werkes Lol rimiah utefillak eine zweifache künstlerische Mission, und zwar: 1) eine didaktische, indem durch die meisterhafle Behändlung der beschränkten Musikform anderen, aufstrebenden Talenreu die Anleitung ertbeilt wird, wie sie zu arbeiten haben, um mit knappen Mitteln dennoch Ersprießliches zu leisten, und 2. eine praktische, da der Inhalt des bezeichneten Buches es selbst der allerkleinsten Gemeinde möglich macht, den gottesdienstlichen Gesang hervorragend künstlerisch zu gestalten. Diese beiden Nichtungen bezeichnen vollauf den hohen Kunstwerth des Buches und rechtfertigen das große Aufsehen, welches dasselbe bei seinein Erscheinen erregte und das vollauf geeignet war, dem Schöpfer solcher Kuuftgebilde den ewig grünenden Lorbeer zu sichern. Zeder andere synagozale Componist hätte es bei diesem künstlerischen Erfolge bewenden lassen; für Lewandowski jedoch, dem niemals der Weihrauch der Anerkennung, sondern stets nur die Betbätlgunz der stürmischen Schaffenskraft genügte, war das im Zahre 1871 veröffentlichte Werk Lol rinnah utefillah nur der Anbeginn einer weiteren reichen Musikarbeit auf dem heiligen Boden des jüdischen Gotteshauses. Zm Juli 1871 erschien Lol rinn ah utefillah, und schon im März 1876, also nach kaum 472 Jahren, veröffentlichte Lewandowski einen stattlichen Band vierstimmiger Sabbathgesängc (Todah wesimrak). In diese Zwischenzeit fallen noch die Bearbeitungen sämmtlicher synagogaler Zahreszesänge für die Gemeinden Nürnberg und Stettin, wie eine große Anzahl liturgischer Psalmen mit deutschem Texte. Bedenkt man nun, dass dem Dirigenten der Synagogenchöre zu Berlin und dem gesuchten und vielverlangten Gesangs-, Clavier- und Compositiouslehrer nur sehr wenig freie Zeit zur Verfügung stand, so kann man annähernd eine Vorstellung von jener rastlosen Thätigkeit gewinnen, die Meister Lewandowski beseelte, um ein solches Werk in der vorgeführten kurzen Zeit zu vollenden. Das Werk Todah wesimrak eröffnet uns keineswegs den Einblick in eine neue Schaffensphase des Componisten, sondern ist nur eine räumliche Erweiterung der bereits in Lol riunah utefillah begonnenen Arbeit, und wenn auch vereinzelte neue Piecen hiuzucomponirt, oder mannigfacheu Bedürfnißeu entsprechend, hinzugefügt erscheinen, das künstlerische Gefüge des Werkes vleibt überall dasselbe. Auch hier, wie überall, bekundet sich die küustlerische Individualität Lewandowski's. Wie die Gesinnung eines zielbewussten Mannes unter etwaig veränderten Verbältnißen unwandelbar bleiben mich, so muß auch das künstlerische Glaubensbekennlnis eines fachmännisch und wissenschaftlich reifen Com- - ponisten zu allen Zeiten dasselbe bleiben, wenn auch die Formen und äußern Hinzutbaien andere geworden. Mau machte Lewandowski von gewisser Seite den Vor- Wurf, er habe mit dem Inhalte seines Todah wesimrak eigentliefe nichts Neues geschaffen; nun, wir wollen dieses Urtheil auch fürder unangetastet lassen, fühlen uns jedoch gleichzeitig gedrängt, die Erklärung abzuzebeu, daß wir Meister Lewandowski zu diesem Vorwürfe herzlichst gratuliren. Für uns sind einige oder mehrere neue Piecen weniger maßgebend, als der Umstand, dass der Herausgeber des Lol rlnuah utefillah schon bei Bearbeitung dieses zweistimmigen Werkes an eine spätere Erweiterung der Form dachte und dementsprechend auch den ganzen Aufbau desselben gestaltete. Lewandowski's Hauptzweck als synagogaler Componist war es niemals, in klingenden Tonsormeu zu wirken, ihm, dem nach jeder Richtung vorgebildcteu Künstler, wäre eine solche Arbeit wahrlich eine sehr leichte gewesen; sondern seine künstlerische Aufgabe war eine gestaltende. Die künstlerische Gestaltung des Synagogengesanges in einheitlicher Form konnte nach seiner Ueberzeugung nicht von einem Leiter und mehreren Mitarbritern, die auf Bestellung des Leiters Arbeiten zu liefern hätten, sondern musste vielmehr aus dem reichen und vielseitigen Können und Schaffen eines Einzelnen hervo! sprießen, wenn überhaupt an eine Einheitlichkeit zu denken fei. Und Lewandowski war dieser Eine, der keiner fremden Beihilfe bedurfte, ja dieselbe verpönte. Wie außerordentlich viel dazu gehört, all' die künstlerischen Bedingungen eines maßgebenden Synagozen-Componiftcn in einer Person harmonisch geeint zu sehen, braucht hier wahrlich nicht auseinandergefetzt zn werden; es dürfte der Hinweis genügen, dass außer den׳ technischen Kenntnißen namentlich ein tiefes, wissenschaftliches Erfassen der poetischen Schönheiten unserer Synagogengebete, sowie eine eingehende Kenntnis der jüdischreligiösen Ceremonien, ihrer historischen Bedeutung, nach und so viel Sonstiges nöthig erscheint, was sich niemals durch Erlernen, fondein nur im Selbsterleben aneignen lässt. So viel es uns möglich war, versuchten wir in dem specisisch biographischen Theil der vorliegenden Besprechung auf die Atmosphäre hinzuweisen, in welcher der Knabe und Jüngling Lewandowski athmetc, allein wer vermag die ganze Scala jener Einzelneindrücke anzuführen, unter denen jeder von uns zum Jüngling, zum Manne gereift, und welche sicherlich dazu beitrugen, die Gelammtfumme unseres späteren Könnens nach und nach vorzubereiten? So auch bei Lewandowski! — Seine übermäßig große Thätigkeit auf synagogalgefanglichem Gebiete weist ganz entschieden auf den trauten Kreis des frommen Elternhauses hin; denn wie sehr auch spätere Erlebniße, neue Verhältniße diese jugendlichen Eindrücke in den Hintergrund zn drängen geeignet waren, so erwachten dieselben wieder zn neuem Leben, als seine Studien nur einigermaßen vollendet, als er bei jenem Marksteine seines Lebens angelangt war, einen Lebensberuf zu wählen, seine künftige Thätigkeit zn sixireu. Der junge Lewandowski war mit allen künstlerischen und wissenschaftlichen Vorbedingungen ausgerüstet, die ihn zum Eintritte in die unabsehbaren Hallen der allgemeinen Tonkunst berechtigten; in seinem Busen erwachte der Trieb zur dramatischen und symphonischen Gestaltung der ihn umbraufenden Tonwellen; Symphonien, ja Opern wurden von ihm geschaffen und fanden reiche Anerkennung, und dennoch sehen wir, wie er seine Schritte von den stolzen Nuhmeshallen der allgemeinen Tonkunst ablenkt, um jene düstern, engbegrenzten Räume zu betreten, die wir Synagoge nennen. Sollte eine solch' bemerkenswerthe Thaisache vielleicht einem planlosen Ungefähr zugeschrieben werden? Wir sind nicht im Stande, dieser Anschauung bcizupflichten; in uns lebt vielmehr die Ueberzeugung, dass der ganze Lebensgang Lewandowski's, wenn auch hie und da vom Glücke begünstigt oder von störenden Einflüssen gehemmt, doch im Totaleindrucke das Product einer bewussten Absicht darstellt, und, wenn der Knabe auch vom Elternhause aus nicht die Richtung für sein künftiges Leben empfleng, jener jüdisch-heilige Quell, ans dem seine Synagogengesänge fließen, er entspringt sicherlich dem frommen Boden seines Elternhauses. Hätte der Knabe