Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 40 (16.12.1886)
- Date
- 1886-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453084--1953-3456150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 des deutschen Gesanges in die Synagoge werden Rechnung tragen müssen. Lnzatto's Divan bietet Originale genug für festliche Gelegenheiten dar, und selbst die Ucbersetznngen übertreffen alle modernen, färb- und schwunglosen Tempelgesänge. Viele jedoch ans dem jetzt in der Oxford. Bibl. vorhandenen Divan :harren noch der Veröffentlichung, welche zur Verherrlichung der Andacht, zur Hebung des religiösen Gefühles, der nationalen Begeisterung beitragen werden. So viel können wir schon jetzt behaupten: Die Zukunft der Synagoge gehört Zuda Halevi, dem unerschöpflichen religiös-nationalen Dichter. Und wie seinen poetischen Erzeugnißen zollt unsere Zeil seiner gediegenen Proja volle Anerkennung und fügt die Gegenwart zu den alten Huldigungen De Nossi's, Aboab's Bedaresi, David Nito, Luzzatto's (in Kochbe Jizchak, Brecher's Kus. Virgo 21) neue hinzu, jo dass wir auf das meisterhafte und mnstergiltige Buch Kusari den Vers ,Viele von den Völkern bekennen sich zu Zuda' anwenden können. Weder räumliche noch zeitliche Entfernung haben die in demselben niedergelegten Anschauungen unserm Gedankenkreise entrückr, und mit gleichem Interesse lauschen die erwachsenen Zuhörer auf die Vorträge, mit dem reife Schüler die religiösen Themen aus demselben bearbeiten. Es ist eines der populärsten Werke der jüdischen Litteratur, an dem Glauben und Wissen, Geist und Herz, Verminst und Gefühl, Gedankenfülle und Formvollendung gleichen Antheil haben. Eingeleitet wird dieses Buch mit einer Erzählung, auf welche Weise die Bekehrung deS Chazarenköuigs stattgefunden hat. (740) Diese Thatsache ist durch einen authentischen Briefwechsel (dessen Styl stark an Kus. des. 1, 11, 13 erinnert) des spanischeu Ministers Chisdai mit dem Chazarenkönig Zosef (1000) bestätigt. Die damit in chronologischem Widerspruche stehende Legende von der Bekehrung der Chazaren durch den Slavenapostel Cirpll (Münchener Allg. Ztg. Mai 85) ist, wie auch aus benanntem Briefe sich ergibt, auf einen bloßen, bei Einzelnen gelungenen Versuch zurückzuführen, weil Z. H., dessen Dichtungen auf Wahrheit beruhen, von dem das Wort galt, ,alle seine Aussprüche sind wahr', in einem Buche, das ein Religionssystem auf historische Thatsachen aufbaut, nicht eine Crsindung zur Unterlage gemacht und sicherlich den König der Chazaren, von deren angeblicher Taufe er zur Zeit der Abfassung (1140) Kunde haben mußte, nicht zum Träger seiner Ideen gewählt hätte.!) In der Form eines Dialogs mit dem König nämlich ergeht sich Z. H. über alle Gebiete des Wissens, offenbart er seine umfangreiche theologische Kenntnis, sein kritisches unparteiisches Urtheil über die existireuden Religionen, zeigt er seine große Belesenheit in philosophischen, ethischen, Naturwissenschaftlichen und medicinischeu Schriften.׳) SelbstverstänSlich hat er auch die Werke seiner Zeitgenossen gekannt, wenn er auch wegen der Zurückversetzuug seines Buches in das achte Jahrhundert (1, 1. 47) ihre Directe- Benützung nicht merken lässt. Seine polemische Tendenz gegen Bachja, namentlich gegen die Beweisführung für das Dasein Gottes, der nach I. H. nur aus seinen Handlungen erkannt werden kann, tritt an vielen Stellen so ') Die Meinung Unger's (Jglau) v. ״Oest. Wschr." I. 2, Nr. 23 und 26 und Grün's (Hohenems), dass der König Bulan nur einen Theil seines Volkes, den Adel etwa, zur Annahme des Judenthums veranlasst haben dürfte, wird durch Kus. 2, 1 widerlegt. 2) Dieses Wechselgespräch ist durchaus nicht, wie Rubin (Haschachar Jahrg. 8.) meint, dem Dialog ״zwischen Prinz und Derwisch" nachgearbeitet, wenn auch verwandte Ideen in beiden sich vorfinden, da der Chaber im Kus. das Nasiräerthum geradezu bekämpft. deutlich zu Tage, dass der Kusari uns oft als eine Gegenschrift des Chobot Halebabot erscheinen will (2, 47, 3. 18, auch gegen I. E. 5. 21.) *) Fassen wir ihr Verhältnis näher inS Auge, dann siuden wir, dass B. und Z. H. zwei verschiedene Richtungen vertreten, welcher Streitpunkt bereits die alten Philosophen und die Mitglieder der Lydenser Synode in zwei Parteien theilte. Nach der einen, zu der Bachja sich neigt (Einl. zum 3. Abschn. f. 4. 3. 4. 5. S., 57. ed. Baumg. 6. 5. S., 73. 5. 6. S. 79), ist das Innere, das Wissen, nach der anderen, zu der sich Z. H. bekennt (1, 1 f. 98 und A.), ist das Asußere. das Handeln, das Wichtigere (Vgl. Talm. Tr. Ber. S. 6. 12. Juma 29. Sabb. 63 Synh. 106 Sota 49; dag. Ber. 15. 17. Chag. 15 Abot 1, 17. 3, 12. 19. 22. 4. 6. Ab. N. Nat. Cap. 24 und Parallelen). Und aus dieser Meinungsverschiedenheit erklärt sich die düstere zur Weltflucht führende Lebensanschauung Bachja's und die heitere, des Daseins sich freuende I. H.'s. In beiden Ansichten hatte B. die Zeitströmung für sicb, welche zum frohen, thatkräftigen Handeln nicht geeignet war. Denn die drückende Verfolgung, welche sogar dem sanften I. H. Aenßerungen des bitteren Nachegefühls entlockte (Div. 5. 6. 12. 19. 28. 43. 74. 77. 84.), machte die praktische Bewährung der Glaubenspflichten unmöglich. Spanien war auch nicht der Ort für die von Z. H. im Kusari gelehrte Religion der Thätigkeit. Die nationale Idee, die Frucht seines Wirkens und Werkes, war so wenig in das Volksbewusstsein gedrungen, da!s gegen sein Vorhaben, nach Palästina zu reisen, von allen Seiten Bedenken erhoben wurden, denen der König (5. 22. 24. 26) das Wort redete. Doch der standhafte Meister widerlegt die irrige Meinung, als ob der Glaubenszwang und das locale Hindernis, denen man sich entziehen könne, die Ucbcrtretungs- und Unterlassungssünden entschuldigten. Die an den Aufenthalt in Palästina geknüpften Gebote beeinträchkigen nicht unsere Freiheit, vermehren vielmehr unsere Verdienste. (5. 25) ״Und wenn man auch, ohne des Erfolges sicher zu sein, der Gefahr des Meeres und der Wüste sich aussetzt, so gelte die Reise an sich schon als Selbstzweck, als Buße und Sühne, als Reinigung und Befreiung von Sünden (5. 23. 27). Mit einer Handlung des Königs hat das Buch begonnen, und mit einer Handlung des Meisters schließt es, mit dem Wege nach Palästina, dem letzten seines Lebens (1140—1146). Als hätte er es geahnt, so blieb ihm keine der Mühseligkeiten zu Wasser und zu Lande erspart. Unwillkürlich wurde er von Ort zu Ort geschleudert, mußte er in Cordova, Granada, Alexandrien, Damietta, Cairo, Egypten, Tyrus, Damascus längere Haltstellen machen. Ueberall feierte er Triumphe, die er aus Dankbarkeit gegen die Gastfreunde der Nachwelt aufbewahrte. Nicht aber Eitelkeit oder gar Geschäftsinteressen, wie ihm Luz. vorwirfr (Virgo, S. 110. iTYlfiE S. 112 ist eingeschobeu), haben den für Fürstengunst, Zureden der Verwandten und Freunds unempfänglichen Mann vom Ziele abgelenkt, sondern die Gewissensqual, dass er noch nicht lauter genug sei, den heiligen, geweihten Boden betreten zu dürfen, um dort den Nest seiner Zahre mit Seelenruhe dem Dienste Gottes zu widmen. Ob er wohl das Ziel der Reise erreichte, seine unsterbliche Seele vor den Thoren Jerusalems, die herrliche Ziouide singend, ausgehaucht, oder was nach ihrem Wortlaute wahrscheinlicher ist, weit entfernt von ihnen in diesem Gedichte seinen letzten und l) Die übrigen abweichenden und ähnlichen Anschauungen, habe ich in einem von Pros. Freudenthal zur Bearbeitung gegebenen Thema ,,Vergleich zwischen Bachja und Jeh. Hal.", ferner in der Prüfungsarbeit ״der rel.-phil. Gehalt des Buches der Weisheit" weiter auszeführt.