Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 39 (8.12.1886)
- Date
- 1886-12-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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<daIS er ihn viel härter bestraft habe. Auch der Befehlshaber des .Gefängnißes muß diese wahre Absicht deS Pvtiphar Wahrgenommen haben, der es sonst gewiss nicht gewagt hätte, den Josef vor den anderen Gefangenen höheren Standes so sehr zu bevor- -zugeu, dass er ihn zum Wärter und Aufseher erhob. 3. War es auch nicht so ganz natürlich, dass Paroh den Josef wegen seiner geschickten Traumdeutung, von deren Nichtigkeit er ja doch erst nach Jahren sich überzeugen konnte, sofort zu seinem Grvßvezier ernannte. In einem Staate, der, wie Egypten zu .jener Zeit, so sehr vom Kastengeiste beherrscht war, einen fremden» ganz unbekannten Jüngling, und noch dazu einen Sclaven zum Mroßvezier zn ernennen, das ist wobl etwas Außergewöhnliches. Es scheint mir hiemit zur Genüge erwiesen, dass Josef -Gunst gefunden in den Augen aller ihn Sehenden von der Zeit, als sein Vater ihn mit dem bunten Seidenrocke bekleidete. Wohl heißt es in dem angeführten Satze nicht משעה, sondern בשעה, *aber auch das stimmt mit meiner Erklärung überein. Der Segen, dass er in den Augen aller ihn Sehenden Gunst, Wohlwollen und Erbarmen finde, wurde ihm in dem Momente zntheil, welcher später die Quelle seines Unglückes geworden. Früher hatte er dessen nicht nöthig. Mögen auch die ehrenwerthcn Leser dieses geschätzten Blattes obigen Segen» in vollem Maße theilhastig werden und mögen sie dessen nie benöthigen. Hotze.nplotz, den 25. November 1886. H. Nu d o l fer, Nabbinnlöverweser und Religioiislebrer. Kleine Lhnniik Wien. Bei der am 28. November stattgehabten ErgänzungSwähl in den Vorstand der israelitischen CulkuSzemeinde wurden die Herren; Architekt Max Fleiicher, Dr. Ludwig Fürth, Tr. Gustav Kohu, Dr. Philipp Mauthner, Gemeinderath Gustav Simon mit großer Majorität wieder gewählt. Wien. Es darf als eine große Errungenschaft für die israelitischen und auch evangelischen NeligionSlehrer an den Wiener Mittelschulen bezeichnet werden, daß dieselben nunmehr in Gemäßheit de- Erlasseder hohen k. k. Ministeriums für CnltuS und Unterricht vom 26. September t. I., Z. 12466, vom Beginn dieses SchuljahreS angefangen, dauernd für die ihnen zugewiesene Lehranstalt bestellt und bestätiget wurden. Dieser Mirristerial-Erlass erfolgte, wie man der ״österr. Wochenschrift" mittheilt, auf Grund einer diesbezüglichen Eingabe, welche von den israelitischen in Gemeinschaft mit den evangelischen Religionslehrern an den Wiener Mikelschulen am 17. März 1885 unmittelbar dem hohen k. k. Ministerium für CnltuS und Unterricht vorgelegt wurde und eine Regelung in ihrer Stellung herbeiführen sollte. Und diese ist nunmehr wirklich erfolgt. Mit dieser in moralischer Beziehung gewonnenen Standeserhöhnng — der Titel Hilfslehrer wurde in ,,israelitischer (resp. evangelischer) NeligionSlehrer" umgewandelt — steht ferner auch eine bedeutende materielle Verbesserung ihrer Bezüge, eine wesentlich- Gehaltserhöhung in Verbinduug, denn während noch vor drei Jahren für die wöchentliche Unterrichtsstunde die jährliche Remuneration von 36 st. österr. Währ, betrug — diese vor zwei Jahren auf 45 fl. erhöht wurde — beträgt dieselbe vom 1. Jänner 1887 ab sechzig Gulden. Diese Remuneration wird nicht mehr wie früher in zehn, sondern in zwölf antici, pativen Monatsraten von der k. k. n.-ö. Landeshanptcassa behobeneine Modifieation ebenso natürlich wie nothwendig, da die Herren Religionslehrer jetzt nicht mehr (wie bisher) immer auf die Dauer eines Schuljahres ernannt, sondern ans die Dauer ihres Bedarfes von nun ab dauernd bestellt und bestätigt sind. Der Religionslehrer nimmt somit int Lehrkörper eine den andern Mitgliedern desselben ganz ceorbinivte Stellung ein und ist dieselbe eine gesicherte, nicht der I Laune und Willkür deS betreffenden DirectorS überlassen, die ' bisher bei Besetzung von ReligionSlehrerstellen wie bei der anderer Die Kinder besprächen sich untereinander, sie wollten dies- I mal wach bleiben, um den Dalles, den großen, dicken Dalles zu! feben, und wirklich blieben sie an dem nächsten Abende alle drei zusammen wach in ihren Bellchen, bis cs wieder draußen vor cher Tbür zu ןcbvetcu und zu poltern begann, dann verließ sie .aber der Mn!b, und sie steckten rasch die kleinen krausen Köpfe unter die Decke. Sie hörten noch, wie der Dalles in der kleinen Stube Alles umherwars und zcrlchlug, und sie hörten den Vater -schreien und die Müller laut stöhnen und weinen, dann wurde es wieder stille, und sie schliefen ein. Als sie am andern Morgen die Hellen Augen öffneten und, ׳scheuen Mäuschen gleich, vorsichtig um sich blickten, sahen sie -Len Vater auf seinem niedern Stuhl sitzen und stcißig arbeiten, während die Mutter ihm das Leder zurichtete. Um sie herum auf dem Boden lagen Glassvlitter und Trümmer irdenen Geschirrs, der einzige Sessel, den sie noch gehabt hatten, war | zerbrochen und, was das Traurigste war, die Mutter hatte den .Kops mit einem Tuche eingebnuden, und das Gesicht des Vaters war zerkratzt und sein Nock zeigte einen klaffenden Riss ans dem Rückeil. Der rothe Psrffermann sprach wenig an diesem Tage und das Wenige, ohne Slobe, seine Frau, dabei anzusehen, und sie -gab ihm nur kurze, unfreundliche Antworten. Sie war einst hübsch und frisch gewesen, wie ein Heckenröschen am Waldeshang, als sie ihm unter dem Trauhimmel ,zugeführt worden war, jetzt war ihr Gesichtchen bleich und verhärmt, und finstere Schatten lagen unter ihren noch immer gluthvollen, dunklen Aügen. Als der rothe Pfeffermann in der Dämmerung sein Ge- 7wölbchen verließ, begannen die drei Kinder, alle zugleich, laut .zn weinen. ,Was weint ihr denn?' fragte Slobe, .ich habe auch so -schon Kummer genug.' ״Wie sollen wir nicht weinen?' sagte Jakoble ,wenn der! DalleS unsere süße Mäme so schlagen thut in der Nacht.' ״Und auch der Tale", ries Sara, ,,wie soll er arbeiten, wenn er so zerschlagen ist. da müssen wir doch arm lein."' Slobe wischte sich die Augen ab und ging hinaus, mit den Nachbarn zn sprechen, die sich bitter über den mächtigen Lärm beklagten. ״Ich würde ihn lieber erschlagen", horten die Kinder Frau Diamant, die Krämerin. sagen, ״als dies länger dulden." »Wie soll idn die Mame erschlagen,' versetzte der kleine Jakoble, .ist er doch Geist. Die Lust kann man schlagen, wie man will, sie fühlt es nicht, und der Dalles ist auch wie die Lust.' Als es Nacht wurde, brachte Slobe ihre Kinder zu Bett. Sie lagen aus bloßem Stroh, aber sie batten noch ein mit Heu gefülltes Polster und alle zusammen eine alle, bei zwanzigmal! geflickte Decke und schliefen unter derselben uutg, wie die Engel im Himmel. Sie hatten sich gelovt wach zn bleiben, aber die Augen flelen ihnen zu, und sie wurden erst wieder munter, als draußen vor der Tbür ein wüstes Toben und ein schreckliches Gebrüll, das Gebrüll eines wilden Tyieres erscholl. Slobe war aufgestanden, dis Kinder sahen sie Licht machen, und sie saben auch, wie sie sich den Knieriemen zurecht legte. Sie wollte sich offenbar gegen den Dalles verlheidigen. ,Ich will hinausspringen und ihn bei den Beinen fassen,' .flüsterte Jakoble. »er darf die Mame nicht mehr schlagen, ich leid' eS nicht.' Eben ging die Thüre aus, und ein Mann schwankte berein, den die Kinder nicht kannten, sein langer, grauer Kaftan hieng in Fetzen von ihm herab und war bis oben mit Koth bespritzt, den einen Pantoffel hatte er verloren, der Hut, von dem die Krämpe zur Hälfte abgelrennt war nnS in das wilde, rothe Gesicht herabhing, laß im Nacken, in der Hand hielt er den dürren Wirthshausbusch und focht mit demselben wie mir einem Säbel wüihend herum. (Schluss folgt).