Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 39 (8.12.1886)
- Date
- 1886-12-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 seine Familienverhältniße sich erhalten haben. Sein ganzes Dichten-und' Denken versenkte sich in das Geschick seines Volkes, welchem seine eigenen Angelegenheiten weichen mussten. Wie es vom Stamme Levi im Akosestcgen beißt, das kann gleichsam auch von Juda- Halevy gesagt werden: .Ec spricht von seinem Vater und von seiner Mutter, ich habe sie nie gesehen; seine Brüder kennt er nicht, und von seinen Söhnen wusste er nichts.' (Deut. 33, 9.) Außer Israel und Palästina war für ihn eben nichts Beachtenswerlhcs volhanden. Nur aus den Anfangsbnchstaben einiger Gedichte und der Unterschrift aus Briefen (Lnzatlo's Virgo S. 113, 115) e! fahren wir den Namen seines Vaters Samuel. Sonst lässt er die Zahl der Mitglieder seiner Familie sowohl als die ihn persönlich betreffenden Ereigniße aus schwachen Andeutungen crrathen '). Doch sollen die bekannten Notizen, nebst manchen neuen, aus Schlussfolgerungen sich ergebenden Momenten hier zusammengestellt werden. Juda Haler!) wurde zu Toledo wahrscheinlich zwischen 1080 und 1086 geboren. Das Geburtsjahr mit Bestimmtheit festzusetzen, ist selbst den gründlichen Forschungen Kaufmann'» nicht gelungen, weil kein genügender Anhaltspunkt sich vorfindet, zwischen den Combinationen Lnzatto's (Edelmann, Geiger, Kämpf), der cs auf 1080, und Rapaporl (Sachs, Cassel), der es auf 1085 verlegte, mit Evidenz zu entscheiden. Um diese Zeit kam Castilien nach langem, bitterem Kampfe, den das Kreuz gegen den Halbmond führte, unter die Herrschaft Alfonso VI., der Schild der Spanier genannt. Wie der besiegte arabische König, dem ein Jude sogar in die Gefangenschaft treu gefolgt war — so strebte auch er, die Inden für sich zu gewinnen, indem er ihre alten Rechte bestätigte und noch manche neue ihnen einräumte, ungeachtet dcS Vorwurfes, den ihm der Papst darüber machte, dass an seinem Hose ein Jude freier als die Großen des Reiche» sprechen dürfe. Nicht blos zu diplomatischen Sendungen an die muhamedänischen Kalifate, zu Führern der Feder und des Wortes, als welche die jüdischen Unlerlhanen besonders geeignet erschienen, sondern auch zu Führern des Schwerte» bei großen Kriegsunternehmungen verwendete er sie, wobei ibm an ibnen so viel gelegen war, dass er ihnen zu Liebe die Schlachten am Sabbath und Feste unterbrochen hat. Die Jugend I. H.'s siel demnach in einen für seine Erziehung glücklichen Zeitpunkt. Und wie die politischen, waren auch die häuslichen Verhältniße seiner geistigen Entwicklung günstig, weshalb ein kindlich froher Eindruck in seinen Dichtungen und Anschauungen vorherrscht, zum Unterschiede von der trüben, weltschmerzlichen Stimmung der zeitgenössischen Schriftsteller. Die Mittel feines Vaters reichten hin, um ihm frühzeitig eine allseitige Bildung zu verschaffen, welche ihm, dem Jüngling, die größten damaligen Gelehrten und Dichter zu Freunden und Verehrern machte 2), deren Anerkennung und Bewunderung ihn zum wissenschaftlichen Fortfcbreiten anspornte und aufmunterte. (Dukes, Mos. i. Esra S. 98.) Zu seinem LebeuSberufe wählte er die Medici», ohne jedoch in dieses Studium so ganz aufzugehen, um nicht noch, selbst während der anstrengenden, ihm lästigen Praxis an dem Hofe zu Cordova, für die Pflege des nationalen Schriftlhums freie Zeit zu gewinnen. In Lucena hörte er die scharfsinnigen talmudi- 1) In Lnzatto's Divan Nr. 9 wird einer Tochter und eines Enkels erwähnt, -Anmerk. Das. 'und Virgo S. 62, 63, 69. Ginse Oxford S. 45. Nach Ozar Nechmod ed. Blum. III S. 48 bezieht I. H. auf seine Vereinsamung den Vers aus Kohelet 3, 8. יש אחד 3) Diejenigen, an welche er Gedichte richtete, sind Virgo 17 f. aufgezählt v. 77 f. Abraham i. Esra ist nicht darunter. r*iap*<Re3v: scheu Vorträge Alfasi's, und nach dessen Tode (1103), ans den er eine Elegie verfasste, die des thatenreichen Josef ihn Migaseh, dem er bei sechs verschiedenen Anlässen Gedichte widmete')- Dort erwarb er, als Dichter bereits gekannt, den damals klangvolleren Titel eines Gesetckundigen, welcher Nuf seinen Pismoniu in alle, selbst karailiscben Gemeinden Eingang verschaffte. Die in der Schule Alfasi's sich angeeignete Methode der einfachen und geraden Auslegung des Talmud übertrug I. H. auf die Bibel, welche er allsabbathlich nach den Wochenabschnitten in seinem Lehrbause erklärte, dessen er auf der Seereise in banger Wehmnth gedenkt (Virgo 62), und woran sich auch die Sage von der Verschwägerung mit Jbu Esra knüpft. Aus diesen Vorlesungen ist meines Erachtens ein eregetischer Commentar zur heil. Schrift entstanden, der, wie das im Kus. citirte anatomische Werk, verloren gegangen ist. Für diese Vermuthung, in welcher ich auch durch 377 exegetische Stellen in Kus. bes. 2, 34. 4, 22, 23. bestärkt werde, sprechen folgende Momente: Das 55. Gedicht im Divan ist ,Bei der Vollendung der Erklärung zur Thora' überschrieben (vergl. Lnzz. Anmerk.). Diesem Commentar scheint Jbn Esra die Citate Erod. 4, 10. 9, 1. 13, 14. 27, 11. Num. 37, 3. Deut. 14, 22. 21, 19. 26, 17. 29, 8 entnommen zu haben; nur Ex. 20, 2 führt er eine von I. H. au ihn gerichtete Frage an, die er im Wesentlichen identisch mit Kus. 1, 25 beantwortet (vgl. Nachm. Dis. S. 5), den er, wie auch aus einem Virgleiche Kus. 1, 12. 67. 4, 3. 15. 25 mit I. E. Gen. 1, 2. 28. 2, 12. Ex. 5, 34 ersichtlich ist, um diese Zeit, 13 Jahre nach dem Tode I. H.'s, gekanur haben muß. Was aber den gefühlsinnigen I. H. dem nüchtcr׳ neu I. E. als Exegeterr so sinnverwandt machte, dass dieser ibn mit Vorliebe . unter den ehrenhaftesten Prädicaten, wie הגאו' ד,לוי Lev. 16. 8. Ps. 18. 5. 30, 8. 49, 21, rei'p. 13. 6. 51, חכם גדול םפרחי citirt, ist die ungekünstelte, strenge au die grammatischen Regeln sich haltende Erklärungsweise, die Vertiefunz in den Geist der hl. Sprache, der Sprache seines FühlruS und Denkens, seines Empsindeus in Freuden und Leiden. In ihr eurfaUete er die schönsten Blüthen sec'ner Dichtungen, welche nach dem Unheils Charisi's (Tackkm. Cap. 3. 47. S. 78, ecL Am st., Kämpf Nichtandalusische Mak. S. 14) einfach und glatt, süß und lieblich sind, die bald den herzzerreißenden Klageliedern Jeremia's gleichen, wenn sein Tranerlied über dis in Schutt versunkene Gotlesstadt erklingt, bald den erbebenden Tröstungen Jesaia's, wenn seine Hoffnung auf ihre Wiederherstellung in Jubel ansbricht; sie war ibm leicht und fließend, als wäre er in dem von Milch und Honig überströurenden Lande großgezogen und ausgewachsen. Und hat ihn Heine als den gvttbegnadeten Dichter schon längst in die deutsche Li'tteratnr eingcsührt, so wird in unfern Tagen leine Poesie durch einen vaterländischeu Dichter verbreitet (Rosegger» Heimgarten, Machest 1885). Der Divan de» I. H., eine Sammlung von mehr als 800 Gcdichten in drei Theilen, welche fein Verehrer N. Cbia angelegt und welche später N. Josua mit einigen, ans zwei Handschriften und verschiedenen Tempelriten entnommenen Gebeten und Ueberschriften vermehrt hat, wurde durch einen Reisenden in Tunis aufgefttnden (1839). Luzatto bat den Divan gekauft und einen Auszug mit Anmerkungen, Punktation, Correcturen durch Vergleich mit mehreren Handschriften, Einleitung und einem Jnhaltsverzeichniße versehen und im Virgo Filia Jehuda (1840) und Divan (1864) veröffentlicht. Elfteres enthält Gelegenheits-, letzteres gottesdienstliche Dichtungen. Nach genauer Prüfung J) Nach Responsen N. 186 theilte er nicht die Sympathie I. H.'s für Palästina.