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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-11-30 · Heft 38 (30.11.1886) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 38 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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1'enden Gegenwart ein Ereignis, daß, von seiner lktterarkschcn Bedeutung ganz abgesehen, jeden human fühlenden Menschen erfreuen konnte. Es war wie ein Augenblick der gegenseitigen 'Verständigung unter den Anspieien eines Mannes, der jederzeit für Duldung und Menschlichkeit gestritten. Heute, an seinem Sarge, ziemt es, einen Rückblick zu thun -auf Leopold Kompert's einfaches, aber erfolgreiches Leben. Er war am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz geboren als ein Kind .der ,Gastes des Ghetto, dessen Dichter er werden sollte. Zn Zung-Bunzlau besuchte er daS Gymnasium, in Prag die Universität, unterbrach aber das Studium, um wie tausend andere ״Glaubensgenossen das Los deS Hauslehrers zu kosten. Er hatte soweit Glück, dass, er wenigstens gute Häuser kennen lernte, insbesondere das gräflich Andrassy'sche in Prcßburg. Im Vor- .märz sehen wir ihn an der Wiener Universität seine Studien -fortsetzeu, aber die Ereigniße drücken ihm bald die pnbliciftische .Feder in die Hand, er übernimmt die Nedaction des ,Oester- .reichischen Lloyds die er bis 1852 führt. Nun geräth er nach West, abermals als Erzieher, aber Wien bleibt doch das Centrum, nach dem er gravilirt. 1857 erhält er daselbst eine Stellung an der Crcditanstalt, und nun ist seine Existenz gesichert. Aber der Litteratur gehört stets fein Hauptinteresse, und schon im Jahre 1.848, als auch so viele andere junge Triebe aufgingen, ist sein erstes. Buch: ,Geschichten aus dem Ghetto* erschienen. Selbst in dem damaligen Kampfgelöse wurde dieses Buch bemerkt, denn es bedeutete die Entdeckung einer neuen Welt. War doch dieses uralte Ghetto wirklich urnen für die Litteratur. Alan fragte sich erstaunt: Wie? Dieser verfallene Winkel ist also Zein schauriges Märchen, sondern eine noch viel schaurigere Wirklichkeit? Und eö wohnen wahrhaftige, lebendige Menschen darin, und diese haben nicht nur Tatchen, wie wir bisher glaubten, sondern auch Herzen und in den Herzen kein großes und kleines Einmaleins, sondern große und kleine Gefühle, so .wie wir getauften Christen? Und diese Gefühle lassen sich ebenso gut sormuliren und dichterisch gestalten, und sie sind auf Ehre sogar interessant, obgleich sie in lauter Zudenseelen gebannt sind! ... Es war eine rechte Verwunderung darob, gerade wie .damals, als die Dorfgeschichte erfunden wurde, auf Grund der großen Entdeckung, daß auch der Bauer sozusagen eine Seele -habe und menschliche Empfindung darin, gerade wie der Adel und Bürgerstand, die biß dahin allein litteraturfähig gewesen .. . Zn jenem Zabre lag viel Mitgefühl in der Luft. Mitgefühl für Alles, was irgendwie unterdrückt aussah, und das thaten, weiß -Gott, die Koinperl'schen Juden. Der Dichter war es, der seine Stammesgenossen zuerst auf die allgemeine Atenschenstufe cmporhob, der ihnen den ersten Strahl von Freiheitshoffnung in ihre Nacht hinabiandte. Und das gebildete Lefepubliknm kam den politischen Bebörden zuvor, indem es auf eigene Faust die Kompert'schcn Juden litterarisch gleichberechtigte, ehe ihre Urbilder -die politische Emanzipation erhielten. Diese alten und neuen Geschichten ans dem Ghetto und aus ,,einer Gasse", sowie die Sammlung: ״Böhmische Juden" haben rasch einen weilen und treuen Leserkreis gesunden. Und --mit Recht, denn sie gingen nicht in ethnographischer Pikanterie und humanisirender Tendenzmacherei auf, sondern waren von echtem dichterischem Verdienst. Kompert schildert seine armen .Judenleutchen mit dem liebevollen Blick des Kleinmalers, der -selber aus diesem engen, dürftigen Kleinlebeu hervorgegangen. Sie sind ein Theil seiner selbst, denn er hat sie gelebt oder erlebt, er hat ihnen die Hand geschüttelt, und sie haben Du zu ihm gesagt, als er noch ein kleiner Junge war in seiner eigenen ..״Gasse" zu Hause. Sie sind steine Jugend-Erinnerungen, und diese werden ja stets in gewissem Grade zu Selbstbekenntnißen; dies aber gibt ihnen jene Unmittelbarkeit und Frische, welche das objectivere Streben älterer Jahre nicht mehr erreicht. Dabei liegt ihm nichts ferner als eifernde Voreingenommenheit für die Geschilderten. Gewiss, er idealisirt sie, denn ein Naturselbstdruck wäre kein Gemälde, aber wenn er sie auch gewaschen und gekämmt unter die Leute schickt, lässt er ihnen doch ihre Wahrheit, obgleich er weiß, dass diese nicht in allen Kreisen beliebt ist. Ein Wunder, dass er kein Schwarzmaler wird in der Schilderung deS vielen Elends, das sich unter seinen Juden findet; aber auch daS Elend hat seinen eigenen Humor und seine besondere Gemüthlichkeit, und dafür hat wieder Kompert einen eigenen Sinn. So ist er auch kein pessimistischer Poet der Rache, der die Unterdrücker feines Stammes wenigstens academisch für ihre Härte züchtigt, sondern ein Versöhner und Vermittler, der milden Herzens zwischen den beiden Lagern ab und zu geht und aus irdischer Bedrängnis poetische Befreiung sucht und suchen lehrt. Man lese die rührende Erzählung: ״Christian und Lea", diese Verherrlichung der entsagenden Liebe, man lese die ״Jabrzeit" und suche das eigenartige Gemüthsleben darin mitzuempfinden; oder wird man nicht ,Die Verlorne" von Herzen bedauern und bei ״Julius Arnsteiner's Brautfahrt" von Herzen lachen können? Kompert hat hier den Punkt getroffen, wo die Confession aufhört und die Poesie beginnt. Auch größere Erzählungen und Romane hat Kompert gcbracht, wenn auch seine ganze Geistesanlage mehr auf'S Intime deö Details, auf liebevolle Durchdringung des Stoffes bis in feine feinsten Fasern gerichtet war. Dennoch streben seine Romane natürlicherweise ins Große hinaus und trachten eS selbst mit so feinen, kleinen Mitteln zu erreichen. Die größere Absicht wird bei ihm zum Adler, unter dessen Fittig daS Singvöglein der Poesie mit cmporschwcbt in höhere Regionen. Da ist die Erzählung: .Am Pflug". Kompert sucht darin den sterectypen Vorwurf zu entkräften, dass der Jude ewig in Schacher stecken bleibe und niemals lernen werde, den Acker zu bauen. Er zeigt den Juden in diesem schweren Kampfe um die Scholle, einem Kampfe, dessen psychologische Schilderung auf's Feinste dnrchgeführt ist. Hat er hier ein großes volkswirthschaftliches und völkerpiycholozisches Problem zu ergründen gesucht, so tritt er in dem Romane: ״Zwischen den Ruinen" an ein religiöses heran, an das wichtigste vielleicht, nämlich die Frage der Eheschließuug zwischen den Confessionen. Seine poetischen Argumente welche entschieden die Tendenz der Civilehe. aber nicht der ״Roth- Civilehe* verfechten, mögen praktisch keine Früchte tragen, menschlich kommen sie der Frage gewiss näher. Sein letzter Roman: ,,Heini und Franzi" schlägt insofern aus der Art, als er nicht mehr ganz und gar in der jüdischen Stoffwelt aufgebt. Kompert schildert darin die Kämpfe des modernen Geistes, besonders ans dem Felde tes Erziehungswesens, Kämpfe zwischen altem, starrem Glauben und neuer, nnvergohrener Bildung, Kämpfe um den Schlüssel der Zukunft, der ja auf diesem weiten Felde begraben liegt und mit fanatischem Eifer von den verschiedensten Parteien gesucht wird. Auch in dieser ,Geschichte zweier Wiener Kinder* bewährt sich noch die alte Erzählnngskuvft; es fehlt weder die seine Beobachtung aller Seelenvorgänge (das Materiale dazu hat er ja in seiner eigenen Familie mit liebevoller Sorgfalt gesammelt), noch die genaue Zeichnung der Charaktere; ein tiefer sittlicher Ernst bekundet sich in der ganzen Behandlung dieses didaktischen Epos in Prosa und die milde Menschlichkeit deS Weisen, welche von ihrer höheren Stufe theilnahmsvoll auf diese unklar tosenden Kämpfe hcrabblickr. Keine traumhaften Utopien schweben ihm vor, welche, der haschenden Hand tagtäglich wieder

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