Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 38 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ich gestehe, etwas Merkwürdigeres als den Gesang dieses; Mannes habe ich nie wieder im Leben gehört. So mag wobl einst David vor Sau! gesungen habe», wenn er den kränkere Geist des Königs beschwichtigte. Von dem hebräischen Text verstanden wir Damen freilich nichts, dafür sprach der Ausdruck im Antlitz des Sängers zu uns, der sich bald in tiefster, innigster Frömmigkeit, bald in der höchsten Begeisterung eines Lob- Preisenden vor Gottes Thron emporschwang.. Was der Mensch sich von einer Verherrlichung des Höchsten auf den Flügeln der Gesangkunst nur zu träumen vermag, das gab uns Herr Lichtensteiu mit feinen nahezu unerschöpflichen Mitteln. Vor meinem geistigen Auge aber gestaltete sich allmälig der Tempel Salomonis, hervorstrahlend aus dem Nebel der Vergangenheit, wie die untergehende Sonne, wenn sie vor ihrem Scheiden noch einmal die Wolken umsäumt. Ich sah dak Allerheiligste verhüllt mir dem Vorhang von blauem und rothem Purpur, Karmesin und Byssus und bedeckt mit den ausgebreiteten Flügeln der Cherubim, ich sah das Heilige mit den zehn goldenen Leuchtern und dem goldenen Nauchaltar. Vor dem Tempel aber ragten zwei eherne Säulen empor, mit dem Dach, daß sie trugen, eine Halle bildend und verziert mit leichtem Ketternverk Und vor dem Altar des Herrn erschien die Gestalt des Königs Salomo, wie ec seine Hände ausbreitele gen Himmel und für ganz Israel zu dem Herrn flehte. Dann wieder war es bei dem wundersamen Gesänge, den ich vernahm, als en-- strömte d-n Lippen Salomo'S das Lied von der ״Blume von Saron", der .,Rose aus dem Thal von Engedi ', der ,,Schönen Sulamit", wie sie an der Hand ihres göttlichen Hinrn allen Herrlichkeiten des prächtigen Königs entsagt und dem Bräutigam folgt, denn Liebe ist stark wie der Tod, ihr Elser ist fest wie die Hölle, und ihre Glut feurig, wie eine Flamme des Herrn, Las auch viele Wasser nicht mögen die Liebe anslöschen, und gäbe Einer all sein Gut, er kaufte nicht Liebe dafür. Ich erwachte erst aus meinem Traum, sals Herr Lichtenstein längst geendet hatte. Gleich Anfangs hatte Papa ihn einigemal erstaunt an-! gesehen, bis er ebenso wie die andern Zuhörer sich in tiefe Gedanken verlor. Als der Gesang verklungen war, erhob er sich und ging immer noch schweigend an dem Sänger vorüber an seinen Schreibpull. Bald aber wandte er sich nach dem Sänger um, und ihm einen versiegelten Brief überreichend, sagte er: ״Nehmen Sie Lies, lieber Lichtensteiu. Geben Sie es in Berlin ab, und ich will von Herzen wünschen, dass Sie die gute Stelle der dortigen Synagoge erhalten, denn ich wüsste nicht, wie ein Mitbewerber Sie übertreffen könnte. Ihr Gesang hat mich außerordentlich überrascht und einen Entschluss in mir zur Reife gebracht, den ich wohl längere Zeit gehegt, aber mir bis heute immer noch nicht ganz klar gemacht batte. Während Ihres Vortrages trat die ganze Herrlichkeit des ״Hohen Liedes" vor meine Seele, dieses Gedichtes von Gott selbst gemacht, wie Goethe sagt. Der Text liegt bereit da, trotzdem schob ich seine Composition hinaus. Nun aber hat sich Alles in mir gestaltet. Wenn wir Beide eS erleben, so sollen Sie bald von dem Oratorium hören. Reisen Sie glücklich!" Tief bewegt von feinem Gefühl der Dankbarkeit empfahl sich Herr Lichtensteiu, und noch längere Zeit drehte sich unsere Unterhaltung um seine Gesangsweise, wie sie an Glanz und Reichthnm des Geistes uns fast noch nie vorgekommen war.- Das Oratorium .das jhohe Lied Salomo»,s^ wurde bald fertig. Löwe führte das Werk erst in Stettin auf, für Alle, die es hörten, ein unvergesslicher geistiger Hochgenuss. Die zweite Aufführung fand in Berlin statt. Herr Professor Ed. Grell dirigirte das Werk im Saale der Singacademie. Unter den Zuhörern stand im mittleren Gange des Saales der neue Vorsänger der Synagoge, Herr Lichtenstein. Er batte seine Arme wie ein Betender über der Brust gekreuzt und warf von Zeit zu Zeit strahlende Blicke zur Nadziwill'fchen Loge hinauf, wo Löwe saß und das Werk hörte. In dieser Stellung verharrte Herr Lichtenstein während der ganzen Dauer der Aufführung, mit unverhohlenem Entzücken den Schönheiten der einzelnen Nummern folgend. Beim Beginn deS Schlußchores aber wurde er unruhig. Es schien, als wenn eine innere Macht ihn forttreiben wollte, während er doch auch wieder nicht im Stande zu sein schien, sich von der schönen Musik losreißen zu können. Er war das Bild Eines, dessen Geist im heftigsten Aufruhr, seinen Repräsentanten so zu sagen nach zwei Seiten hinriß. Dolce, in aiimulhiger Bewegung schmeichelt der Chor sich feden Augenblick unwiderstehlicher in sein musikalisches Ohr ein: Mög' er ewig wiederkehren — Deiner Liebe Hochzefang, — Trost der Seele zu gewähren, — Die da schmachtet lebenslang. — Nach dem Einen ohne Fehle —- Nach dem Bräutigam der Seele! — Mit des heil'gen Geistes Oele — Salbt die Braut er wundersam, — Dass sie freudig ihn erwähle, — Ans ihn hoffe, auf ihn zähle — Glanbensvoll wie Abraham. — Bis hieher hatte Lichtensteiu sich umstricken lassen, aber nun sctzre die Menge der Sänger mit einem Forte ein, da» allgewaltig und gebieterisch seinem Schwanken ein Ende machen musste: Christus ist der Bräutigam — Und die Braut die fromme, reine, — Seine liebende Gemeinde! — Getrieben von den Wogen des Chorals warf Herr Lichtenstein noch einen dunklen Blick nach der Loge hin, verbeugte sich tief und War verschwunden, ohne dass der Schluss ein Siegel auf die herrliche Aufführung hat drücken können.- Es ist noch nicht gar lange hcr, dass Leopold Kompert sein vierzigjähriges Schriftsteller-Jubiläum gefeiert bat. Als bleibendes Denkmal jenes Znbeltages erschienen die ersten Lieferungen der gesammelten Schriften Kompert's (Berlin, Verlag von Louis Gerschel), welche Gesammtansgabe zu Weihnachten vorigen Jahres beendigt wurde. Der Dichter machte damit gleichsam sein littcrarisches Testament zu Gunsten des deutschen L-sepubliknms, und als er diese Herzenspflicht seines Alters erfüllt hatte, starb er. Seine Leser haben kaum Zeit gehabt, den letzten Band durchzulesen, da stehen sie auch schon trauernd an seiner Bahre. Gerne wendet sich der Blick in einem so trüben Momente nach jenem Hellen Jubeltage zurück und lässt das Bild desselben im Gerste neu aufleben. Es war gewiss überraschend, in einer Zeit, da einige der gebildetsten Länder vom wüsten Feldgeschrei des Antrsemitenthums widerhallten, einen jüdischen Schriftsteller, der seine litterarische Geltung in erster Reihe der Schilderung jüdischer Zustände verdankte, von allen Confessionen einstimmig feiern zu hören. Jenes Jubiläum war schon als eine der seltenen harmonischen Episoden in der disharmonisch durcheinander brau-