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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-11-30 · Heft 38 (30.11.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 38 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 gen ans den Propheten ans einer anderen Veranlassung herleiten, die besondere Beachtung verdient. Die Veranlassung dazu lag in dem Gegensatz, in den die Jndäer zn den Samaritanern getreten waren. Diese stellten die Heiligkeit des Tempels und Jerusalems in Abrede und verwarfen das prophetische Schriftthuttl vollständig, weil dieses von der Gottesstadt und von der Auserwähltbcit des Heiligtbnms in ihrer Mitte voll ist. Um io dringlicher schien cs den Vertretern des Indenthums, die Propheten als Zeugen für diesen gewissermaßen zu allererst aufgestellien Glaubensartikel anzurnfe.,. Dieses Zeugnis hochanznschlagen und cs den Bekennern desselben Sabbatb für Sabbath und au allen Feiertagen zur Erkenntnis zu bringen. In Folge dieser Anordnung -ertönte das Wort der Propheten, das während ihrer Lebenszeit nur selten Gehör und Beachtung gefunden hatte, aus jeder judäischen Synagoge, und gab, wenn auch von den Meisten nur halb verstanden, dem Geiste und Genrnthe die Anreguug zn einer schwunghaften Stimmung. Wir begreifen es Wohl, warum früher in jedem jüdischen Hause sämmtliche Bücher der heiligen Schrift und nicht selten auch Talmud und Midraschint vorhanden waren, wenn auch die Besitzer derselben wenig davon verstanden, aber cs war die erhöht? religiöse Stimmung. Was man liebt, hat man gern neben und um sich. Da wurde auch die jüdische Litteratur stark gesürdert, während man Heine kaum ein jüdisches Gebetbuch bei mancher Familie vorfir:- der. Es ist das ein trauriges Zeichen unseres materiellen Zeitalters. Doch kehren wir zn unserem früheren Thema zurück. Da die prophetische Vorlesung den Morgsngoltcsdienst zn beschließen pflegte, wurde sie der Schluss, Hafthora, genannt. Diese Einrichtung machte es zum Bedürsuis, das prophetische > Schriftlhum zu sammeln und abzuschließen, oder vielmehr zu erklären, welche Bücher dazu gehörten und welche davon ausgeschlossen werden sollten. Diese Auswahl wurde höchst wahrscher!:- lich von der gesetzgebenden Behörde der sopherischen Zeit getroffen. Ausgenommen wurden in diese Sammlung die 24 Bücher (כ" ד ספדי קד עז), wie wir sie noch jetzt besitzen unter dem Schlagworte (תנך)♦ Diese Ausnahme und Bestimmung für den gottesdienstlichen Gebrauch verlieb dem prophetischen Schriftthnm den Charakter der Heiligkeit, Canon. Während es bis dahin nur als theures Uebcrbleibsel aus der gnadenreichen Zeit galt, als Gott noch anserwählten Männern seinen Geist eiugehanchi und ans deren Mund gesprochen, wurde es in Folge der Einreihnng in den Gottesdienst als heilige Schrift anerkannt, der Thora zwar nicht gleich gestellt, aber ihr nahestehend auf der -Nangstnse der Heiligkeit zweiten Grades. So wurde der Gottesdienst in der sopherischen Zeit gestaltst,. er war einfach und erhebend, hatte nichts UeberflüssigeS, Störendes oder Ermüdendes und war im Sinne und Geiste der vollen Errungenschaslen aus der alten Zeit der Propheten und Psalmisten geschaffen. Nur ein einziges fremdes Element war darin aufgenommen, die Hoffnung und der Glaube an die Auferstehung der Todten nach der Grabesfahrt in einer erwarteten gnadenreichen Zeit deä jüngsten Tages. Sonst war alles darin aus der reiusten Quelle der uralten Lehre geschöpft. Da die Bewohner der Landstädte, in dem nahen Umkreise der Hauptstadt augesiedelt, auch außerhalb der Festtage nach Zernsalem zu kommen öfter Gelegenheit hatten und hier dem Gottesdienste beiwohnten, so richteten sie ihn in ihrem Kreise aus dieselbe Weise ein. So entstanden mindestens in allen Landstädten Gebethäuser, Synagogen (.מועדי אד), welche die Gebetordnnng cinsührten, die bis aus den heutigen Tag in den j Gemeinden den Grundstock des Gottesdienstes bildet. Von weit- ' tragender- Wichtigkeit war der Umstand, dass bei diesem ' geistigen Cnltns für den Priester kein Platz war. Er galt dabei nicht mehr als die übrigen zum Gebete versammelten Mitglieder, von denen je zehn eine volle Gemeinde bildeten. Diese Anzahl für die Gemeinde ist schon angedentet im Buche Nnth (4, 2). Jeder Kundige galt im Bethansc soviel, wo nicht noch mebr als der Priester; denn nur Sckriflkundige konnten als Vorbeter und Vorleser fnngircn. Das Prophetenthum und das Sängerthurn. deren Gedanken und Gefühle von den Lippen der Betenden wiederlönleu, batten das Priesterthnm ans der Gemeinde wenigstens verdrängt, und diese Beseitigung des Priestcrlhums war für die Zukunft entscheidend. W.r. (Fortsetzung folgt.) Cantor Lichtenstritt und Löwe's Bratorinm Es ist eine äußerst interessante Episode aus dem Leben des berübmten Balladencomponisten und Oratoriendichters Johann Carl Gottfried Löwe (starb am 20. April 1867 zu Kiel), bei der Cantor Lichlenstciu ct::e bervorragende Nolle spielt, die auch seine Per'önlichkett in Bezug auf Begabung und Charakter beleuchtet, welche wir unfern Lesern auf Grund von Erzählungen von Lowe's ältester Tochter Juli׳, mitgetheilL von August Wcllmer in der Zeitschrift Halleluja (IV. Jahrg., Nr. 10), in Folgendem miltheileu*): ES war um die Zeit der lieben deutschen Kaffee stur: de. Die Maschine dampfte den belebenden Duft ihres Inhalts von sich, und die Löwe'sche Familie saß beiter plaudernd rim den Tisch herum. Caroline Velrhuyien, unsere liebe al-e Hansfreuudin, eine Nachkommin von dem Freunde Spiuoza'ö,!aß neben meinem Vater auf dem Sopha, meine Mutter auf ihrem gewohnten Platze, und!!!eine Schwestern Helene und Anna waren an meiner Seite. Die. gemütbliche, aber zugleich anregende Unterhaltung wurde durch die Meldung des Dieners unterbrocken. ״Herr Lichtenstein, der Vorsänger der jüdischere Gemeinde, bittet um Erlaubnis-, dein Herrn Dircctor seine Aufwartung machen zu dürfen." »Führen Sie", antwortete mein Vater, .Herrn Licktenftein einstweilen in mein Zimmer, Ne einen Augenblick zn verweilen." nler'chen, und bitten str ihn, ״Ist das derselbe Lickten st ei!!, der in den g-ößer Cll Concecten im Orchester miüpiett?" — fragte He! leuchen — ׳ich kann Nathan den Weisen nicht leien, ohne meine Vorstellung von ihm urit diesem Lichteustein in Verbirrdnug zn briugwr.' ״Er ist derselbe" — antwortete Fräulein Belthuysen —; ״mir geht es übrigens ähnlich mit ihm. Sein schöner Kopf, die würdige Haltung könnten einem Maler zum Modell dienen." Inzwischen hatte sich mein Vater entfernt, Mch bald keh.rie er mit der Frage zurück, ob wir gestatteten, dass er sänun'.lichs Flügelthüren öffnen dürfe, da Herr Licktenftein beabsichtige, etwas vorzusingen, wozu er eines weiten Raumes bedürfe. Wir wollten uns erheben, aber Papa bat Platz zn behalten und setzte sich dann ebenfalls wieder bin, da Herr Lichteustein jede Clavierbegleitnng abgelehnt batte. ״Fangen Sie nur immer an, mein lieber Luchtenstein", rief Papa ihm zu, ״ich höre!" Bei diesen Worten erschien der Sänger in der letzten geöffneten Thür und grüßte sein Auditorium. *) Populär-wissenschaftliche MoiralMcirter, Nr. 12, Frankfurt a. M.

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