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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-11-30 · Heft 38 (30.11.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 38 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 d i e schwierigste s e i. Schon im praktischen Leben ist es leicht, mit reichlichen Mitteln auch Großes zu schassen, und ungemein schwer, mit geringen Mitteln nur einigermaßen den Bedürfnissen zu entsprechen; wer demnach ans dem ihm zu Gebotc stehenden geringfügigen Material dennoch bedeutende Resultate zu erzielen befähigt ist, der muß doch sicherlich in der Kunst heimisch sein, die beschränkten Milte! voll und ganz zu verwerthen, und ein solcher M e i st e r i n der Beschränk u n g ist Lewandowski. Gleich Nr. 1 ma towu B-Dur Vierviertel-Takt erweist sich als eine solche Meistcrarbeit; nicht den reinen Satz wollen wir betonen, das ist bei einem Contrapnnktisteu von der Bedeutung Llwantomski's selbstverständlich, nur aus jene Merkmale, die sich nicht allein aus dis Wesenheit einer corrccten Arbeit beschränken, sondern stets nur den Ausfluss einer genialen Schassenskrast bekunden, aus diese müssen wir nachdrücklichst Hinweisen. Die Piece enthalt 31 Takte und hat dis Ausgabe, den Text von ma towu bis bejirosecho zweistimmig-chorisch musikalisch zu ' illustriren, ohne hiebei den Hinblick ans die zu Gebote stehenden beschränkten Gesangsmiltcl kleinerer Gemeinden außer Acht zu j lassen. Finden wir nun den letzten Ausorderungen schon dadurch vollauf Rechnung getragen, dals die Oberstimme wie die Unterstimme sich nur im Nahmen einer Octave (elftere von F bis f; letztere von 0 bis e) brwegt, dass in beiden Stimmen Intervalle, die über die Sexte hinausscbreiten, strenge vermieden erscheinen; dass daß Naumverhältnis zwischen beiden Stimmen nur an zwei Stellen (beim Texte 6ba8d6eho und 61 hechal) die Decime austreten läist, so dürste wodl ein Verzichten ans außergewöhnliche, melodische und harmonische Bedingungen selbstverständlich erscheinen. Allein die vorlregende Arbeit Meister Lewandowskl's liefert den erfreulichen Beweis, dass selbst die angeführte Mittelbeschränkung die Möglichkeit nicht ausschließt, auch den ästhetischen und künstlerischen Erfordernissen, Melodie und Harmonie' bctreffend, genügend Nechnnng zu tragen. WaS die Melodie betrifft, so bildet dieselbe nicht blos das Wesen der Oberstimme allein, sondern auch die zweite Stimme besitzt eine solche Opulenz derselben, dass sie ganz getrost, von der Oberstimme losgelöst, als eine für sich vollwcrthige Tonmalerei erscheint, und daher eine Selbständigkeit bekundet, wie dieselbe nur von einer Meister- Hand verliehen werden kann. Auch der harmonische Inhalt dieser 31 Takte ist ein bedeutsamer und interessanter. Die Originaltonarl (B-Dur) bewegt sich bei der Wiederbolung des ersten VcrjeS leicht nach D-Dur, um bei dem Worte waani unvermittelt nach O-Noll und durch ein leise angedeuteles Hinneigen nach D-N011 beim Worte chasdeclio die Paralleltonart in LI011 austreien zu lassen; ein zweimaliges Einfügen der B-1U011- Harmonie bei der Wiederholung des Textes eschtachaweh, welche den Inhalt musikalisch trefflich wiedergibt, vermittelt sodann leicht und zart die Rückkehr zur Ansangstonart und wirkt mit ihrer großen Lcrz in der Unterstimme bei der Stelle 61 bcebal ködschecho gewissermaßen auf die Phantasie des Hörers, dass er durch die kloll-Harmonie bei eschtachaweh eines Gefühles der Demnth sich nicht erwehren kann, wie er durch die unvermittel! auftretende Dur-Harmonie beim Worte 61 lieohal kodscliecho die weitgedehnten Bogen des Gotteshauses zu erblicken vermeint; eine zarte Touimitatiou in beiden Stimmen beendigt dann mit dem Schlußworte bejirosecho sach- und inhaltsgemäß die duslig angelegte, anspruchslose und doch so werthvolle Nummer. Alle im vorliegenden Werke enthaltenen zweistimmigen Gesänge Lewandowski's wie adon 010m Nr. 28 und 29; jecliadeschehu Nr. 48 und die Ehorsätze von Nr. 51 uwuueko etc. besitzen die von uns geschilderten und ähnlich iuteveffaiite Vorzüge, so dass es schwer fällt, dieser oder jener Nummer den Vorrang zuzusprechen. Wenn es jedoch gestattet ist,, einer rein individuellen Anschauung Ausdruck zu geben, so würden wir die Lewandcwski'schen zweistimmigen Gesänge nichtmodernen Charas ters, und unter diesen namentlich Jigdal Nr. 142 und wjeesoju Nr. 188, geradezu ''als Perlen der zweistimmigen Synagogenlitteratur anenipsehlen: was ein glaubenssrendiges jüdisches Herz in diese betreffenden Texte hinein zu dichten im Stande ist, das fand hier lebendige und lebenswarme Verwirklichung, und was die reichste Sangesbegabuug eines andächtigen Bai tefülah aus diesem Inhalt in Tönen zu malen fähig war, das ward hier wahrhaft künstlerisch und formgerecht gestaltet. An diesen zweistimmigen Syuagogengesängen Meister Lewandowskl's erbauen sich bereits die Gemüther von Hunderten jüdischer Gemcinden, und wir sind der sichern Uebcrzengnng, dass über nah oder kurz das Lewandowski'lchc Werk kol rinnali utefillah Gemeingut all' jener jüdischen Gemeinden weiden müsse, die nur beschränkte Gesangsmittel zur Velsügnug, troßdem dennoch das Bestreben haben, in ihren Gotteshäusern möglichst formgerechte und künstlerisch bedeutende Gesänge erlönen zu hören. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dem ulten jüdischen Lebet: im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) XV11I. Z>ie synagogale Geöetordrrung. Die synagogalen Gebete, welche von der sopherischen Be- Hörde vorgeschriebe!! wurden, hatten wohl kein festes Gepräge, aber der Gedankengang war da im Allgemeinen vorgezeichnet. Die Gebetweise im Tempel wurde für die Synagogen außerhalb Jerusalems als Muster. Ucbcr die Gebetstücke und Gebetformeln in alter Zeit ist Nisohnah Tamid 5 11. 7 nachznlesen. An Sabbathen und Feiertagen war der Morgeugottcsdienst nicht wesentlich vom alltägigen unterschieden, nur dass ein besonderes Gebetstück eingefügt wurde, wodurch die Heiligkeit des Tages hervorgehoben und zum Bewusstsein gebracht werden sollte. Nur dadurch erhielt der Festgottesdienft eine höhere Bedeutung, dass zum Schlüße desselben ein längerer Abschnitt aus der Thora vorgelesen wurde. Mit der Entstehung der Synagoge sind auch die Thoravorlesungen ein integrirender Theil des Gottesdienstes geworden, die in gleichem Range mit den Gebelstücken stehen, um zugleich aus Geist und Herz, Thora und Aboda, cindring-!ich zu wirken. Dazu kam noch mit der Zeit die Vorlesung aus den Propheten, und zwar solcher Abschnitte, welche ans die Tagesseier Bezug haben und sie zum Ausdruck bringen. Nach Elias Levita hätte Antiochus Epiphanes den Juden in Palästina ans unpolitischem Neformationseiser die Schriften Moses in den Synagogen vorzulesen verboten. Um nun weder diesem Befehle entgegen zu handeln, noch auch ihre heiligen Bücher aus ihren öffentlichen Versammlungen verdrängen zu lassen, hatten sie hierauf die Propheten in den Synagogen vorzulesen angesangen. Als nachher die Verpflichtung an jenes Verbot anfhörte, blieben die Thoravorlesungen an Sabbathen und Feiertagen mit einer passenden Stelle aus den Propheten als Hafthora verbunden. (S. auch Apostelgesch. 13, 15. 27.) ׳Jedoch wollen neuere Geschichtsforscher, besonders Grätz (Gesch- ' der Israel. 2. Band, S. 189), diese Einführung der Vorlesun-

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