Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 37 (22.11.1886)
- Date
- 1886-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wirksamkeit der ClNltqM. Als ich in der drittletzten Nummer der Cautören-Zeitung Len Artikel ״über unser weißes Amtsgewand" las. verspürte ich ein so eigenes Gefühl, das sich sehr schwer definiren lässt, und wusste nicht, was ich mit dem Artikel machen sollte: war derselbe ein Ausfluss der Naivetät, oder war er ernstgemeint; und doch enthielt er so manchen wahren Kern. Das weiße Amtskleid sei das Zeichen unserer Unschuld. Welcher Sterbliche kann sich rühmen, unschuldig zu sein, und gar wir Cantorcn! Dem Einen ist man zu freigeiftig, dem Andern zu orthodox,- beide Richtungen haben aber mir Unschuld nichts zu thuu. So Mailcher tritt "bin vor den Altar und betet vor, ohne eine Spur dieser Eigenschaft zu besitzen, ja ich gestehe es offen, so mancher der Cantoren, von dem man sagen könnte, er fei eher zum niedrigsten der Plebejer geschaffen, als zum Fürsprecher der Gemeinde, steht auf diesem heiligen Platze. Leider ist die Pille bitter aber wahr. Das Kleid macht nicht die Unschuld; die tägliche Lebensweise, die Thaten charakterisireu den reinen Mann. Das Wort unschuldig ist auch nicht am Platze; denn das Kind vollführt manchmal in seiner Unschuld Handlungen, die vom Erwachsenen nicht gebilligt werden können. Der Autor jenes Artikels hatte vollkommen recht, wenn er behauptete, der Müßiggang trägt die Schuld, dass man über die Cantoren so abfällig urtheilt. Wie schaut's denn eigentlich in den Gemeinden aus? Es gibt vor allem Großgemeinden, die ihre Obercantoren halten, die nichts anderes zu thun haben, als die Functionen am Freitag Abend und Samstag zu versehen. Za, man würde glauben, diese Herren Collegen sind gut daran, die können die ganze Woche spazieren gehen, die haben das Paradies schon aus Erden. Za, das Paradies verwandelt sich bald in eine Hölle; denn wir sind jüdische Beamte, das heißt jedes Gemeiudemitglicd redet mit. So mancher Bälbos sieht mit Neid, wie gemütblich der Cantor an Wochentagen herumspaziert, während er sich im Schweiße seines Angesichtes um's tägliche Brod sorgen muß. — Mancher der Herren Collegen ist vielleicht Schochet, ja braucht man ihn, dann muß man ihn aus dem Gasthaufe rufen, wo er sein Spielchen macht. Was kommt aber vom Gasthause und Spie?? Zu Hause darben vielleicht Weib und Kind, während er sich unterhält. Muß man da nicht ungehalten sein? Erfüll! der seine Pflichten? Die zwei oder drei wöchentlichen Gesangsstunden, die er vielleicht ertheilt, ermüden ihn, weil er keine Thätigkeii gewohnt ist. Was ist das Facit? Es stellt sich der vielgeschmäbte Dalis ein, er lamentirt bald zu diesem, bald zu jenem, wird in Folge seiner Lebensweise knauserisch, ich möchte sagen schmutzig, lasst sich jede Kleinigkeit bezahlen, und das ist leider schon ein großer Fehler; denn Uneigeuuützigkeit würde ihm viel mehr Ehre und Achtung bringen. Verliert nun ein solcher Cantor noch obendrein seine Stimme, waS bann? Es sollte Niemand Cantor werden, der nicht eine ihm angemessene Beschäftigung bat. Nicht die Schechita Passt für ihn, denn er muß dabei zu oft mit dem niedrigen, rohen Volke in Berührung kommen. Welchen Eindruck muß cs auf' Andersgläubige und auch auf uns Juden machen, wenn derselbe Mann, der an Wochenlagen von Fleischhauer zu Fleischhauer wandelt, um Las Vieh in's Jenseits zu befördern, sich am Samstag im Ornat hinstellt, um für die Gemeinde zu beten. Die 8ebeebita soll der Sebames haben, für den passt sie. Der Cantor sei Lehrer oder Neligionslehrer. Er beschäftige sich mit Unterricht, das wird seinen Stand heben, seinem Stande Achtung und Ehre bringen; denn er erzieht eine künftige Generation. Er wird nicht so viele freie Zeit habeil, .er wird, nicht so viel Neid und Mißgunst erleben,' weil die GemeinVc'mitglieder einsehen lernen, dass er die Zeit nützlich äussullt zum ZVöhle ihrer Kinder. ' und ich bin überzeugt,׳ dass jede Gemeinde ihm dafür mehr Dank sagen wird, als wenn er jede Woche Concertstucke im Tempel zmn Besten gibt. Ja, mit diesen Concerten hat es bei uns Cantoren ein eigenes Bewandtnis; der Eine sindet eine Bravour darin, eine ewig lange ICeduscho, der Andere ein schönes Howu etc. zu singen, der Dritte wünscht sogar großartige Präludien aufführen zu lassen. Diese Präludien, wie sich mein College und Freund in der vorletzten Nummer ausdrückt,׳ sollen sogar das Publikum aus die folgende Piece hinüberleiten. Ach du mein Gott, sollte da nicht vielleicht auch Jemand sich hinausstellen und die Programmnummeru ausrnsen, so wie ich in einem Prager Gottes- Hause gefunden, dass vor der Eingangstbür eine riesige Tafel sich befand, aus der stets das ganze Programm theaterinäßig ausgeschrieben stand, wie: En komocho 011ע x, wajehi binsoa von y etc. Ich bitte, das ist keine Phantasie, sondern aufrichtigste Wahrheit. So weit - kann Uebereifec gehen, und der Cantor wird dadurch zum Gelächter und zum Spotte. Wann sollen denn eigentlich diese Präludien sein?. Meine Ansicht ist die: Vor dem Gesänge des betreffenden Stückes hat der Organist die möglichst kürzeste Cadenz zu geben, denn diese sei nur da, um dem Sänger, resp. dem Chore, den richtigen Ton anzugeben, alle übrigen langen Cadenzen gehören nicht in den Tempel. Bei einer Hochzeit oder bei einem sonstigen feierlichen Anlässe kann prälndirt werden, so viel man will, aber an einem Samstage oder Feiertage nicht; denn das wärecine unnütze Ausdehnung des Gottesdienstes,, wofür das heutige Publi-- kum nicht ist. Ueberhaupt ist der Organist nicht da, um Concerte aufznführen. Nächstens mehr Darüber! La nn, 8- November 1886.^ S. Abel es. Bemerkungen zu den Gebeten wnlirend des Priestersegens. Das Gebet ,שלךיחלמותי ^X 2^2'"1V welches wir, während die Priester die Schlussworte der, beiden. Verse im Prjestersegen vortragen, nämlich zwischen ,,Wjischmrecho““ und ״•vvijchuneko“, verrichten, ist uralt, und sindet sich in extenso im Talmud (Ir. Beraeb. Fol. 55b). Daselbst heißt es: »Wer einen Traum hatte und dessen Deutung nicht kennt, verrichte, während die Priester ihre Hände zum Segen ausbreiten, das bekannte Gebet, dass Gott die guten Träume, wie die des Joses, verwirkliche, die bösen Träume hingegen nicht in Ersüllung gehen lasse; er beende dieses Gebet, während die Priester mit dem Segensworte schließen, woraus die Gemeinde Amen spricht.' AuS dieser Stelle geht mit Evidenz hervor, dass diese FeüIIab noch vor dem fünften Säculum concipirt und schon bekannt war, von der Gemeinde aber dennoch nicht verrichtet wurde, nur vom Einzelnen, der sich seines Traumes nicht zu entsinnen vermochte, oder der einen bösen Traum hatte. Die Zeit zu fixiren, wann besagtes Gebet Eingang in daS ׳Gebetbuch gefunden und beschlossen wurde, dass -die Gemeinde es ohne besondere Veranlassung, also ohne vorhergegangeue gute oder böse Träume, verrichte, ist unseres Wissens noch keinem Forscher zu eruiren möglich geworden. Diese Tefillah schließen wir mit einem- Satze, der sich im Talmud nicht sindet, mit den drei Worten, nämlich ^v8i8ebrnreni, utcbonenu, wsirzeni; es leidet keinen Zweifel, dass dieser nur