Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 37 (22.11.1886)
- Date
- 1886-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 wenn ihm seine Amtsthätigkeit auch noch einen Spielraum für seine wissenschaftlichen Arbeiten frei lässt, dass derjenige .Geistliche", der sein Amt nicht, wie Herr Dr. Caro empfiehlt, blos in ״werrthätig theologischer Weise" ausübt, sondern auch wissenschaftlich hoch strebt, niemals um ein Mittel verlegen sein dürfte und nicht erst zu exotischen ZwangSmaßregeln wie UQ6SÄN6 tokef 2c. zu greifen brancht, NM seine Gemeinde andächiig zu stimmen. Wenn demnach in der Pilsener Synagoge trotz Orgelklang. Chorgesang dennoch Andachtslvsigkeit berrscht, so wird es gewiss auch der würdige Saug des ״Geistlichen" nicht bessern: denn, das dürfte doch Herr Dr. Caro zugeben, Singen kann der Cantor besser als er. Da muß anderwärts ein Schräubchen locker sein, vielleicht findet es Herr Dr. Caro. 8 .... r. Unser Gottesdienst*). Von Dr. I. ßaro, Rabbiner in Pilsen. Die drei Tage, an denen unsere Gotteshäuser von Andächtigen überfüllt waren, an denen die Weltbörsen von London, Paris, Berlin und Wien ,der jüdischen'Feiertage wegen' geschästslos mitfeierten, sind vorüber. Das neue Jahr beginnt und mit ibm die alte Gleichgiltigkeit, die alte Theilnahmlosigkeit, die alte Unwürde in Bezug auf die Interessen des öffentlichen Go!:esdie!!stes. Gestehen wir es nur ganz offen — es hilft liicbiv, die Äugen vor einer traurigen Wahrheit zu verschließen — bei keiner anderen Confession findet man durchschnittlich so wenig Theilnahme und Andacht, ja so wenig Anstand beim Gottesdienste, als wie bei uns. Man schiebe nur ja nicht Mangel an Verständnis der Gebetsprache als Entschnldigungsgrund vor; der größte Theil der jetzigen und der Heranwachsenden Generation in Deutschland und Oesterreich hat in den Neligivnsschulen die Gebete übersetzen gelernt, und in den katholischen Kirchen herrscht gerade bei jenen Lheilen des Gottesdienstes die feierlichste Stille, die andächtigste Stimmung, bei denen die unverstandene lateinische Sprache gebraucht wird. Nun ist es ja bekannt, dass die gerügte traurige Erscheinung ihre historische Begründung hat, dass der familiäre, legere, andachtslose Ton aus jenen Ghettojynagogen stammt, die ihren Besuchern Alles in Allem waren: Bethaus, Schule, Nathsftube, Theater, Concerlhaus u. dgl. Ich brauche das nicht näher auseinanderzusetzen, aber ich meine, wir sind nun schon lange genug auS dem Ghetto heraus, um seine Nachwirkungen ausmerzen zu können, wir haben es ja in vielen anderen Dingen furchtbar eilig gehabt, mir den alten Traditionen zu brechen, warum lebt in der Synagoge allein noch zumeist das alte Ghetto fort? Ich weiß eine Antwort, wegen deren mich die Idealisten vielleicht verspotten, die idealsten Idealisten aber, die Herren Cantoren, geradezu verketzern werden, aber die bleiche Furcht war nie im Stande, mich meine innerste Ueberzeugung verschweigen zu lassen. Meine innerste 'Ueberzeugung geht dahin: Es fehlt dem jüdischen öffentlichen Gottesdienste an äußerlichen, packenden Momenten. Es wird meistens nur gesagt, und fast gar nichts gethan. In den Momenten, wo wirklich etwas geschieht, beim *) Wir werden vielleicht von manchem unserer Leser der Pflichtvergefsenheit geziehen werden, wenn wir dem obigen in der ״Magdeburg. Wochenschrift" veröffentlichten Artikel, depen Autor offenbar nicht zu den besten Freunden des CantorenthumS zählt, durch die Wiedergabe eine größere Public cität verleihen. Trotzdem können wir es nus rächt versagen, unsere Leser mit dem Geistesproducle des Herrn Dr. Caro bekannt zu machen, da einerseits dadurch das volle Verständnis des vorangehenden ArnrelS heibcigeführt wird, und andererseits unsere Collegen auch erfahren sollen, welcyer An die Bestrebungen find, die gegen ihre Amtsthätigkeit gerichtet werden.! Ausheben der Thora, beim Umzug mir dem-Feststrauß, beim Scbauforblasen, und so oft der Rabbiner spricht, ו ei es ein Gebet, sei es eine Predigt, da finden wir die weihevollste Stimmung, die aufmerksamste Stille und die seierlicdsie Ruhe; wo aber nur gesagt wird, seien es lange Liturgien, sei es ein langes Leinen, da wird geschwatzt, da langweilt man sich, und mit der Andacdt ist es vorbei. Die Oieform des Gottesdicnstes, wie sie vor 60 Jahren begonnen wurde, bat euren ganz falschen Weg eingeschlagen, sie hat sich derr poesielosen ProlestanlismuS und nicht den jüdischer Eigenart viel naher stehenden Kalholicismus znm Muster ansersehen. Sie bat aus dem alten gefühlsinnigen Chasan, der sich in jeder Faser als ,Schliach Zibbur' fühlte, einen musikalisch, höchst gebildeten Cantor geschaffen, dem die Reinheit des Tones meist noch über die Reinheit der Andacht geht, sie hat den Rabbiner, der früher doch hin und wieder beim Gebet eingriff, (laute Kriaa Schema etc.) degradirt, ihm nur den rein deutschen Theil, Predigt und deutsche Gebete, gelassen. Und das war und ist eben ein großer Fehler. Hier muß eine gesunde Reform einsetzen. Ein Stück Pint mehr oder weniger macdr's nicht, die Orgel allein machl's auch nicht, und das hohe C des Eantors erst recht nicht. Der Gottesdienst muß lebensvoller gemacht werden, gewissen Momenten muß dadurch eine böbere. stärker wirkende Weihe ertheill werden, dass das geisrttwe Oberhaupt eingreift und sie trägt. Ich habe cs mir selbst bet einem stark resormirteu Gottesdienste nicht nehmen lassen, nach alter Weise den letzten Theil des SchmagebeteS, das Unsannc-Taukes, den Prieftersegen rc. laut vorzuberen, und ich habe damit außerordentliche Erfolge erzielt. Warum soll der Rabbiner, der der Thora am nächsten Stehende, nicht die Thora aus- und einheben, warum!oll z- B. der Rabbiner nicht den Kiddusch vor-!ragen? Za für das Thoravorlesen (ich verbeuge mich nach dem Weisheitsguell in meiner Heimatsprovinz: nach Gnefen!)» diesem heiligsten und zum Stiefkind herabgeivnrdigten Theil des Gottesdienstes, kenne ich keinen berufeneren Träger als den Rabbiner. Soll er ohne oder mit Trop vorlefen, soll die Sidra in vier Theilen über die Woche verlheitr werden, soll der Rabbiner an das Verlesene eine kürzere oder längere Betrachtung knüpfen, ich garantire, das Publikum wird sich dabei ruhiger aufmerksamer verhalten, als bei dem Singsang des Untercantvrs. (Bei uns in Oesterreich halten es die Obereantoren unter ihrer Würde jeden Sabbalh zu leinen.) Zn den Vortrag mancher Gebete, wie Psalmen, müssen sich nicht Cantor und Damenchor, sondern Cantor und Rabbiner theilen, daS klingt sacerdotaler, feierlicher. Anstatt des fast überall abgeschafften Dnchnen's, müsste der Rabbiner vor die Gemeinde treten und ihr den vorgeschriebenen Segen erthsilen*). College Deutsch in Brünn hat das einmal in diesen Blättern sehr gut ausgesührt, die Rabbiner sollen aufhörcn, mehr große Arabisten, Samaritaner, Historiker und Sprachforscher, als tüchtige, werkthätige Theologen zu sein. Um den Gottesdienst sollen sie sich mehr kümmern, in welcher Weise derselbe anziehender, passender und durch das Eingreifen des gsistiichen Oberhauptes weihevoller und wirkiamer gemacht werden kann. Auch in göttlichen Dingen ist die Menschennatur in Rechnung zu ziehen! *) An dieser Steile fügt die Redaction der ״Magdeburger Wochenschrift" die offenbar auch nicht dem Gedankengange des Autors folgen konnte, die verschämte Ototc bei: ״Sind wir auch nichc mit allen Vorschlägen des geschätzten Collegen einverstanden — man wird da wieder viet über hierarchische Gelüste schreien! — so enthaUen sie doch manche gute Anregung. Wir glauben, dass eine strenge Handhabung der Synagogeno rdnung seitens deS VornandeS oft genügt, um dem ,,Sichgehenlassen" mancher Ungebildeten beim Gottesdienste vorzubeugen.''