Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 36 (14.11.1886)
- Date
- 1886-11-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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e Ungarns gezählt wird, kennen zn lernen. Auch der Gottesdienst, der an den Feiertagen die gelammte Zudenschast in dem großen und prachtvollen Tempel vereinigt fand, wird hier׳ in einer Weise versehen, die den beiden Functionäreu, Herrn Rabbiner Schneckendorf und Obercantor Herrmann Lewin zur Ehre gereicht und vollste Anerkennung verdient. M. Brachfeld aus Wien. Wudapest. Unter den Schülerinnen der Frau Passy-Cornet machte sich vor wenigen Zähren insbesondere die Gesaugselevin Valentine Kepes in vortheilhafter Weise bemerkbar. Einem Engagement dieser reichtalentirten jungen Sängerin an die hiesige Oper stand nichts anderes im Wege, als die eigene Bescheidenheit des genannten Fräuleins, * und der Wunsch derselben nach einer noch gründlicher:» Ausbildung. Es fand sich auch ein edler Kunstfreund, der die KosUn des weiteren Unterrichtes in hochherziger. Weise bestritt, und seit anderthalb Jahren zählt Fräulein Kepeö zu den begabtesten Zöglingen der Wiener Gesangsmeisterin Frau Dustmauu. Vor Kurzem erhielt Fräulein Kspes! in ihrer vier Truppen hoch gelegenen Wohnung in der Tnrkenstraße zu Wien den Besuch ihres Gönners, des Baron Hirsch. Der betagt.׳ Menschenfreund hatte den mühsamen Ausstieg nicht gescheut, nur sich von den Fortschritten feiner Schutzbefohlenen persönlich zu überzeugen. Der Baron war mit Len abgelegten Proben bestens zufrieden; er ermahnte die strebsame junge Sängerin zu weiterem Fleiß und versprach auch, sie zur Beschließüng ihrer Studier, nach Paris zn schicken. Wir Budapester aber dürfen hoffen, seinerzeit von dort in der Person des Fräuleins Valentine Kepes eine vorzügliche.Opernsängerin zu bekommen. — Ein weiterer schöner Zug von Baron Hirsch wird uns aus Eperies geschrieben. In Bartfeld war eine junge Frau, eine Christin, treulos von ihrem Gatten verlassen worden. Um ihr Brod auf rechtschaffene Weise verdienen zu können, erlernte sie die Korb' flechterei und wandte sich sodann an die Regierung und au mehrere hochgestellte Persönlichkeiten um eine Anstellung oder um Arbeit. Blos von einer einzigen Seite kam ein Antwortschreiben, das auch eine Unterstützungssumme von 200 fl. enthielt. Der Wohlthäter war; auch in diesem Falle Baron Hirsch. Wrag. 06. W. Zn den letzten Tagen kamen in Prag zwei Todesfälle vor, die der hiesigen Judenschaft besonders nahegehen und auch in den weitesten Kreisen der nichtjüdischen Bevölkerung ungeheuchelte Theilnahme erregt haben. Donnerstag den 1. d. M. wurde die auf Schloss Liblin verstorbene Herrschaftsbesitzerin Frau Marie Pribram zu Grabe getragen. Eine verehelichte Pribram und geborene Dorm tzer — beides Namen, an welche sich der Klang edlen, humanen Wirkens knüpft — erwarb sich die Verstorbene durch eigenes Verdienst ihren schönsten Namen und dieser lautet: die Wohlthäterin! Diese Worte, die Herr Oberrabbiner Hirsch am frischen Grabe der Verblichenen gesprochen, bezeichnen treffend ihren Charakter und. haben Widerhall in Aller Herzen gefunden. Frau Pribram war eine ideale Erscheinung unter ihren Zeitgeuoffen, eine Mutter der Armen, eine Beschützerin der Verlassenen. Die Familien Dormitzer und Pribram waren schon im Beginn des jetzigen Jahrhunderts berühmt, nicht nur durch Reichthum, sondern durch ihre Humanitären Bestrebungen. Der Wohllhätigkeitssiun beider Häuser ist ein traditioneller und der einzige heute uvcd in Prag lebende Agnat, .Herr Jacob Edler von Dormitzer ist der Träger dieser Tradition. — Der zweite Tranersall betrifft den Sonntag den 7. d. Nt. zu Grabe bestatteten Herrn Ignaz Schütz, Obmann der Prager Beerdigungs-Brüderschaft, Gründer des isra.liiischeu Näckstenlieve-Vereines und Vorsteher der altehrwürdigen Hocksynagoge. Das Leichenbegängnis gab Zeugnis von der seltenen Verehrung, die der Verstorbene genoß. Eine ungewöhnlich große Zahl von Trauergästen, unter denen wir den Präsidenten der israelitischen Culrusgemeiude-Nepräsentanz mit den Mitgliedern derselben, die Vor-, stände der Beerdigungs-Brüderschaft, des israelitischen Nächstenliebe- Ver eines, der Hocksynagoge, Vertreter zahlreicher humanirärer und Wvhlthätigkeits-Vereine, der Smichover und Karoliuentbaler CultuSgemeinde, die Elite der hiesig n Jnden'chaft re., gab dem Dahinge-׳ schiedenen das letzte Geleite und, in den Straßen, die der Trauerzug passirle, waren starke Menschenmengen angesanunelr. Werkin. B. T. Im Frühjahr fanden in der Weißgerbergasse mehrfach Prügeleien zwischen Schulknaben statt. In eine dieser Schlägereien wurde im April d. I. der dreizehn Jahre alte Alfred Schlesinger hineingezogeu, wobei sich dieser von einer großen nümerischen Nebermacht zu erwehren halte. Die kampflustigen Knaben versüßten ihrem Mitschüler die auf ihn niederfallenden Schläge, indem sie ihm - ein über das andere Mal die freundsckanliche Bezeichnung ״Judenjnnge' in's Gesicht schleuderren. Alfred Schlesinger fühlte sich hierdurch auf's Aeußerste gereizt; er juckte sich seiner Angreifer zu erwehren und sich an ihnen zn rächen, indem er mit einem sögenannten Nadirmefser sich vertheidigte. Hierbei wollte es das Unglück, dass er dem elfjährigen Fritz Sckeer am Unterarm eine Wunde beibrachte, welche eine fünfmonatliche ärztliche Behandlung uothwendig machte. Alfred Schlesinger stand in Folge dessen am vorletzten Dienstag unter der Anklage der Körperverletzung mittelst eines gesährlichen Instrumentes vor der ersten Strafkammer des königlichen Landesgerichtes zn Breslau. Zu seiner Vertheibignng machte er geltend, dass er auf's Höchste gereizt gewesen sei, woil er ,Jud njunge' geschimpft worden fei, und dass er sich außerdem in der Nothwehr befundeu habe. »Dass man dich Judenjunge genannt hat, kannst du doch nicht schimpfen nennen*, bemerkte der Vorsitzende, Laudesgerichts- Director Freitag, ״denn du bist doch Jude und ein Junge bist du auch.' Sprach'», und der Staatsanwalt von Reinbaben beantragte eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Das Strafkammercollegium sah indes die Sache mit etwas anderen Augen an und hielt eine Strafe von 50 Mark für Alfred Schlesinger für angemessen. Aewyork. Dre hiesige ״jüdische Auswanderer-Hilfsverein* hat vor einiger Zeit einen Aufruf an-die Juden Amerika'» ergehen lassen, ' dessen Wortlaut wir im Nachfolgenden wiedergeben: ״Die Judenwelt der Vereinigten Staaten hat die Pflicht, den armen verfolgten Jsraeliten Europas, welche an unseren Küsten landen, um hier die Freiheit und Anerkennung der Menschenrechte zn finden, welche unsere nationale Verfaffung Allen gleich gewährleistet, mit Rath und That beizustehen. Als Israeliten schulden wir .unseren armen, leidenden Brüdern den Zoll des Mitgefühls und gastfreundlichen Entgegenkommens, auf welchen sie an uns als Glaubens- und Stammesgenossen einen Anspruch haben. Als Amerikaner ist es unsere Pflicht, die Grundsätze amerikanischen Lebens, Recht und Billigkeit, durch Liebeshandlungen denjenigen gegenüber zu bethätigen, welche auf unser geliebtes Vaterland als Nettungsstätte gegen Leiden der Unterdrückung Hinschauen. Als Menschen ist es unsere Pflicht, nach dem Ausmaße unseres Könnens dazu beizutragen, nufere bedrückten und unglücklichen Mitmenschen zu einer besseren menschenwürdigeren Stelhing zu erh eben, ihnen beizustehen, dass sie sich selbst helfen können, und den üblen Einflüßen entgegenzuarbeiten, welchen das Unglück und die Unerfahrenheir Unbedachtsamer ausgesetzt sind. Der ״Jüdische Einwanderer - Hilssvercin" fordert deshalb alle Israeliten der Vereinigten Staaten auf, ihn zu unterstützen in der Erreichung feiner meuscheusrenndlichen Ziele, welche in Folgendem bestehen: 1) Den - Einwanderern bei ihrer Ankunft hier behilflich zn sein, dass sie die Orte ihrer Bestimmung erreichen, so dass sie sich nicht alle in unserer Stadt zusammendrängen. 2) Ihnen in dem Aufsuchen ihrer Verwandten und Freunde beizustehen, um mit diesen sich in Verbindung zu setzen, damit sie bald unter deren Schutz und Sorge gelangen.' 3) Misverständniße zwischen den Einwanderern und den Behörden von Castle Garden vorznbengen, so dass kein würdiger Einwanderer unnöthiaer Weise in Ward's Island znrückgehalten oder nach Europa znrückge- I schickt wird. 4) Die Einwanderer gegen Betrüger zu schützen, welche