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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-11-14 · Heft 36 (14.11.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 36 (14.11.1886)
Date
1886-11-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 1111b reine Sitten zu verpflanzen. So lautet auch ein gewiss merkwürdiger Ausspruch im Talmud: ״צדקה עשה הקב״ה לישראל שפזרן לבין האומות}'‘ »Es war ein Guadenact Gottes für Israel, dass er dasselbe zerstreut hat unter den Völkern' (Peasach 87). Diese Ansicht findet in der vorangegangeneu Erörterung volles Verständnis. Wie die Colonisirnng der Griechen dazu beigetragen hat, Sinn für Kunst und Wissenschaft unter den verschiedenen Nationen zu wecken, wie die Ansiedelungen der Römer dazu dienten, ein durch Recht und Gesetz geordnetes Gemeinwesen in vielen Ländern zu fördern, so hatte die noch viel ausgebrcitetere Zerstreutheit des ältesten Culturvolkes, der Juden, den nicht zu .übersehenden Zweck, den Wahngebilden und den verthierten Lastern des Heidenthums entgegen zu wirken. Wie zersprengt aber auch der jüdische Stamm war, so waren seine'Glieder doch nicht von einander losgelöst. So lange der Tempel in Jerusalem stand, war er der Einigungspunkl aller zerstreut lebenden Glieder, wenn auch die politischen Verhältniße sich noch so trübe gestaltete und die jüdische Slaatsleitung nur ein Scheinleben in letzterer Zeit fristete; und das Besuchen des Tempels von Seiten der außerpalästiuischen Juden befestigte immer noch das Band der Einheit. Einen besonders mächtigen Factor aber bildete der schon damals eingefnhrte synagogale Gottesdienst, woran sich das Volk dnrch Gebete erbaute und durch die Lehre Gottes, die daselbst vorgetragen wurde, im Glauben erstackle. Die Pfleger der jüdischen Lehre und des religiösen Geiev.es verstanden es, ein geistiges Band um die weithin versprengten Glieder zu schlingen und das Bewusstsein der Einheit und Zusammengehörigkeit in dem Volke wach zu halten, und dazu hat meist der synagogale Gottesdienst beigetragen. Dass sich bei den Landgemeinden Bethäuser bald Eingang verschafft haben, ist leicht zu begreifen; überraschender ist es, dass es nach zuverlässigen Berichten (Jerus, Megilla 3 und Ketub. 13) in der Hauptstadt Jerusalem, als noch der Tempel stand, 480 «Synagogen gegeben haben soll, was übrigens gar nicht übertrieben zu sei» scheint, wenn man berechnet, dass zum Passafest zuweilen über zwei Millionen Menschen aus allen Ländern zusammeuströmien (Pessach. 64). Auch in Syrien und namentlich in der Hauptstadt Antiochien machten die Juden einen großen Theil der Bevölkerung aus. Die auliochensische Gemeinde hatte eine schöne mit reichen Weihgeschenken gefüllte Synagoge (3os6xbu8 Alterth. VII). Zu welcher Zeit die ersten Synagogen entstanden sind, lässt sich nicht mit Genauigkeit bestimmen. Die Tradition behauptete einen sehr frühen Ursprung derselben, und die Targumim tragen sie selbst in die patriarchalische Zeit über (Onkelos, Gen. 25, 27; Deutr. 32, 10; Targ. Jonatan Richter 5, 9, woselbst es ausdrücklich lautet: ,בבשי בגשתא יתבין ומאלפין יח עמא פתגמי אוריתא ומברבין ומידין", ,die Gelehrten sitzen in der Synogoge und unterweisen das Volk in den Schriften der Gotteslehre und loben und danken dem Ewigen'; ferner eine ähnliche Anspielung findet sich im Targum zu Jes. 1, 13). Mau stützte sich auch, um ihr hohes Altertbum zu erweisen, theils auf JDeutr. 31, 11, weil das Vorlesen des Gesetzes das Hauplstück des Synagogencullus ist;-theils auf Psalm 74, 8; indes ist מועדי אלי., das daselbst vorkommt, mehrdeutig, und es würde sich zuletzt immer fragen, ob dieser ganze Psalm vorexilisch sei. Auch 2. Köu. 4, 23 fanden Einige eine Art Syuagoge'ndienft, der am Sabbath und Neumond unter Leitung der Propheten stattgefunden haben soll. Es könnte dies allerdings der erste Anfang solcher Einrichtung sein, nur dürfte man sich die Sache noch nicht allgemein und regelmäßig denken. Das Bedürfnis religiöser Versammluugshäuser zu gemeinschaftlicher Andacht ohne Opferdienft müsste den Juden im Exil, wo sie vom heiligen Lande und vom gesetzlichen Heiligthum getrennt lebten, zuerst recht fühlbar werden, und so möchten die Synagogen eben in jener verhängnisvollen Periode ihren Anfang genommen haben und bei der Rückkehr nach dem Mutterlande verpstanzt worden sein, wo neben dem Opfercultus die öffentliche Vorlesung des Gesetzes selbstständig auf tritt (Nehemj. 8, 1). Eichhoren, in seiner .Einleitung in das alte Testament' (2. Baud, Seite 18), will die Entstehung der Synagogen durch folgende Veranlassung motivireu. Nach dem babylonischen Exils bestand der größere Theil der Zurückgckehrten ans der jungem Generation, bei dieser war die hebräische Sprache nicht mehr die einzige Umgangssprache, daher sehr mangelhaft, weniger geläufig und gerieth bald ganz in Vergesfenheit. Selbst die Nachhilfe, die Nehemias bei dem Vorlesen der mosaischen Gesetze für daS Volk als nothwendig hielt, setzt nichts weiter als dessen bereits mangelhaft gewordene Kenntnis der hebräischen Sprache voraus, die blos auf ein schwaches Verständnis des Vorgeleseuen rechnen ließ. War das bei den Alten der Fall, was sollte erst aus der Jugend werden? Nun schien es' aber doch nothwendig, dass jeder wohlgebildete Jsraelite, selbst jeder, der nur auf die Bildung des Lesens und Schreibens Anspruch machte, auch seine alten heiligen Nationalschriften im Original müsse lesen und verstehen können. Und dieses Gefühl scheint die erste Veranlassung zur Anlegung der Synagogen gewesen zu sein, die der Jugend, so weit sie dieselbe betrafen, Gelegenheit zu Unterricht in der althebräischen Sprache geben sollten. Wir haben diese Ansicht mitgerheilt, weil wir darin einen Spiegel für die Gegenwart erblicken; nur dass heute die Synagoge diese Zugkraft leider verloren hat. W.r. (Fortsetzung folgt.) Der Wische Cnltnsbesmte. Bei dem sehr geehrten Verfasser der zwei gediegenen Artikel. überschrieben: .Das weiße Amtskleid des jüdischen Cantors an den hohen Feiertagen', lassen sich in eminenter Weise die Worte des Psalmisten anwenden: ,Anmuth ist ausgegossen um deine Lippen und die Feder ist die eines geschickten Schreibers, Dich hat Gott gesegnet.' Die gesinnungstüchtigen und wohlgemeinten Worte eines Beamten an seine Amtsbrüder sind wie goldene Aepfel in silbernen Schalen; möchten sie nur bei den Lesern in ihrer Wahrheit und Klarheit erfasst und beherzigt werden. Ich erlaube mir, im Interesse des Wohles der jüdischen Beamten, zu diesen beiden Artikeln einige unmaßgebliche Bemerkungen hinzuzufügeu, die vielleicht auch beachtenswerlh sind. Die Streitfrage, ob die Herren Rabbinen oder Cantoren die Erben des einstigen Priesterthums seien, kann, wie der Herr Verfasser richtig sagt, nicht so leichthin beantwortet werden, und zwar, weil erstens das Wort בהן in feiner ursprünglichen Bedeutung ,Diener Gottes' bedeutet. Man findet dieses Wort bei Personen, die nicht vom Stamme Levi Herkommen, wie (בני דוד כהנים היו(שמאל״בי יה, hier waren es nicht Priester, sondern Staatsdiener, Beamte. Nach diesem Begriffe wären Beide, Rabbiner und Eantor, Priester, weil sie Beide im Dienste Gottes stehen und sie die gemeinsame Aufgabe haben, im Heiligthume zu verweilen מין המקדש לא יצא und in dem Sinne unserer Rabbinen:

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