Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 36 (14.11.1886)
- Date
- 1886-11-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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rrm fassen den Werkes ift in dem Nahmen irgend eines Necitativs eine Tonbtütbe aus der Pflanzstätte der in0A6n o^vans- oder aäonoj moloeb-Weise, dafür aber zu Hunderten die der ^isebtabbaob-Singweise zur Anwendung gebracht. Allein nicht blos bei den Cantorrecitativeu und einstimmigen Gesängen flndet die Scala des jisebtabbaeb-Steiger Ver- Wendung, auch bei den zweistimmigen Choriätzen wird derselben volle Rechnung getragen. Nr. 33 ruht nämlich auf der G-Basis, allein nach der jisebtabbaeb-Sleiger-Scala darf kein §18 vorkommen, indem die Scala auf der G-Basis G, As, H, C, D, Es, F, Glautet, und diesem Umstande trägt Lewandowski insoferne Rechnung, als er beim jedesmaligen Chor-Amen der zweiten Stimme nicht ein Fis, sondern ein leibhaftiges F zuweift; man höre jedoch die Wirkung dieses F uud man wird von der Charakteristik desselben sofort gefangen sein. Sollten wir nun Angesichts solch' schwerwiegender Thatfachen noch weitere Untersuchungen anftellen? Hier haben wir ׳ -es wirklich nicht nöthig; die Musikform der jischtabbach- Steiger-Scala erscheint von Lewandowski in solch' verschwen- Genscher und strenger Weise angeweudet, dass schon durch diese Anwendung allein ihre souveräne Herrschaft inmitten der anderen Synagogentonarten von ihm anerkannt erscheint. Soweit bezüglich der rein wissenschaftlichen Seite der Lewandowski'schen traditionellen Recitative; was die Praktische Anwendung anbelangt, ist ja unsere Anschauung genügend bekannt. Wir betonten es wiederholt, dass die verzeichneten Recitative unserer Meister nicht dazu geschaffen seien, um die Schaffenskraft der jüdischen Cantoren erlahmen zu machen, indem sie nur ein solches Werk aufzuschlagen brauchen, um all' die Kostbarkeiten des gedeckten Tischlems für sich zu verwerthen und demgemäß der Selbstarbeit überhoben zu sein. Wirkliche Meisterwerke sollen von Eleven und ernststrebenden gehend studirt werden, um nach diesen Musterbildern selbst Versuche mit dem eigenen Können anzustellen und an ihnen den eigenen fachmännischen Flügelschlag zu erbroben und zu stärken. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass wirklich gediegene Recitative ausschließlich am ArbeitsPulte und niemals auch in der Synagoge Verwendung finden, und wir erfüllen nur eine angenehme Pflicht, wenn wir die von Lewandowski in kol rinnab utefillab veröffentlichten Recitative als kostbare Perlen des synagozalen Gesanges allen jüdischen Cantoren angelegentlichst empfehlen. Dieses Werk darf in den Bibliotheken der jüdischen Cantoren nicht fehlen, und namentlich jüdische Cantoralseleven, die gleich vom Beginne ihrer öffentlichen Wirksamkeit in der Atmosphäre einer fachmännisch lautern Umgebung athmeu wollen, sollten die Hilfsmittel für ihre cantorale Wirk« samkeit aus diesem frisch sprudelnden Borne syuagogaler Gcsänge schöpfen. Am Schlüße unserer Besprechung der Lewandowski'schen synagozalen Recitative angelangt, erübrigt cs uns nur noch ein es Umstandes zu erwähnen, der außer Acht gelasicn, zu den mannigfachsten Anschauungen und Deuteleien Veranlassung bieten könnte. Lewandowski ist der Schöpfer der sogenannten synago» galen Psalmodien, d. h. kurzer, rhythmischer, canonartiger Sätze, die abwechselnd zwischen Cantor und Chor oder Gemeinde gesuugen werden; allein die Motive für diese Schöpfungen find nicht durchwegs neu, sondern lehnen sich hie und da an ältere namentlich im Synagogengesange Deutschlands eingebürgerte Melodien, könnten demnach nicht als Orrginalcompositionen betrachtet werden. So finden wir beispielsweise das Motiv zum Lewandowski'schen,לכו נרננה in einer Musikbeilage der Allge» meinen Zeitung des Jndenthums ans dem Jahre 1838, und diese Melodie soll nun, wie eine Notiz der betreffenden Zeitfchrist besagt, schon damals im Hamburger Tempel gesungen worden sein, und es könnte, da doch das Lewandowski'sche Werk kol rinnah utefillab erst 1871 erschien, dem Gedanken Raum gegeben werden, der Autor habe sich hiebei im gewissen Sinne eines Plagiates schuldig gemacht, welchem Gedankengange die Spitze benommen wäre, wenn bei der betreffenden Nummer die Anmerkung .nach einer alten Melodie' angebracht wäre, wie dieselbe im Jnhaltsverzeichniße zu kol rinnab utefillab unzählige Mal angeführt erscheint. Wir müssen cs entschieden znrückweisen, dass selbst die Außerachtlasinng dieses harmlosen Vorbengnugsmittels uns zu der Anschauung leiten könnte, Lewandowski habe mit dieser Nummer keine Originalarbeit geliefert. Wenn es dem Autor gestattet ist, Obasonns-Melodien, wie Nr. 25, 103, 106 rc. zu verarbeiten, weshalb sollte es nicht erlaubt sein, auch eine jüngere, aber in der Synagoge beliebte.Intonation für ähnliche Zwecke verwerthen zu dürfen? — Im Gegentheile, wir begrüßen jedwede Beachtung einer bereits das Bürgerrecht errungenen Einrichtung und die sormgerechte Verarbeilung derselben im Nahmen des Zeitgemäßen und erblicken in diesem Vorkommniße einen weitern Beitrag für die fachmännische und historische Bedeutung der Lewandowski'schen Bestrebungen. Fassen wir nun all' die Gesichtspunkte unserer Auseinandersetzung zusammen, so gelangen wir zu der erfreulichen Ueberzeugung. dass Lewandowski, indem er bei Ausstellung feiner synagogalen Recitative die beinahe abhanden gekommene Tradition wieder zu verwerthen, dieselbe jedoch auch den modernen ästhetischen und technischen Anforderungen anzupassen ' suchte, einen unschätzbaren Beitrag für die Entwickelung des Synagogengesanges geliefert, und wir müssen es an dieser Stelle unumwunden aussprechen, dass Lewandowski auf dem Gebiete des synagogalen Necitativs bisnun als unübertroffen hingestellt *npvfceו|י;ןןי .״?; (Forts, folgt.) Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) XVII. Der synagogake Gottesdienst. Keinem Volke der Erde il't an der Wiege schon das Lied von endloser Wanderung uud Zerstreuung vorgesungen worden, wie dem jüdischen, und dieses schaurige Wiegenlied ist in eis schrecklicher Buchstäblichkeit in Erfüllung gegangen. Es gab kaum einen Winkel in den beiden damals herrschenden Neichen, dem römischen und dem parthischen, worin nicht Juden wohnten, wo sie nicht zu einer religiösen Gemeinschaft zusammengewachsen wären. Der Rand des großen Mittelmeerbeckens und die Mündung aller Hauptströme der alten Welt: Nil. Euphrat, Tigris, Donau, waren von Juden bevölkert. Wie ein unerbittliches Verbängnis trieb es die Söhne Israels immer weiter von ihrem Mittelpunkte fort. Diese Zerstreuung war aber auch ein Segen und ein Werk der Vorsehung. Die Uuvertilgbarkeit und Unsterblichkeit des jüdischen Stammes war dadurch gesichert. In einem Lande verfolgt, zertreten, sammelte es sich in einem andern und gründete Stätten für die immer theuerer gewordene ׳ Lehre. Es waren ansgestreute Samenkörner, welche von der ' Vorsehung bestimmt waren, überallhin lautere Gotteserkenntnis