Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 35 (6.11.1886)
- Date
- 1886-11-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 bin. Durch volle 54 Jahre hübe ich in Frankreich in einer Staatsstellung christlichen jungen Leuten ipiritnalistische Philosophie vorgelrageu. Niemand hat daran Anstand genommen, nicht einmal die Biscköse, nnd als ich mich im Alter von 77 Jahren entschloss, mich zur» ckzuziehen, haben die Bischöfe über diesen Entschluss sich beklagt. Noch eine Thalsache, mein Herr, die ich Ihren Erwägungen und denenJhrer Mitglieder anheimstelle. Das .Institut deFrance‘ hielt es unlängst für angczeigt. beim 400jährigen Jubiläum der .Universität Heidelberg sick vertreten zu lassen. Unter den fünf für diesen Zweck von der gesammten Körperickasr bestimmten Mitgliedern befanden sich zwei Inden: Der Physiker Lipmaun von der ״Academie des Sciences“ und der Assyriologe Oppert. Ich käme zu keinem Ende, wenn ich alle Inden namhaft machen wollte, die in Frankreich, Deutschland, Italien, England Zierden der Wissenschaft, Kunst. Politik, Industrie, der Armee sind, und durch ihren Wohllhätigkeitssinn sich auszeichnen. Die Juden in Rumänien würden dasselbe Schauspiel bieten, wenn Sie die Traditionen der Barbarei, der Routine und des Hasses verlassen wollten, um die Bahn der Gerechtigkeit, Freiheit, nnd ich wage sogar hiuzuzusügeu, die Bahn des wahren.Christentbums zu be- -reten, denn die christliche Moral gipfelt in dem Satze: Liebet euch gegenseitig. Männer wie Sie, mein Herr, sind berufen, .diesen Umschwung herbeizuführen. Daher rechne ich auf Sie, im Interesse der Humanität, deren Sache mir thenerer ist, als die aller Confcssioneu. Ad. Franck. Kleine Chronik Wien. (Zur Stellung des Religionsunterrichtes au den Volks׳ schulen.) In Folge der vielfachen Anfragen, ob die in der neuen Vorschrift über die Lehrbefähigllngs-Prüfungen für allgemeine Volks- und Bürgerschulen enthaltene Anordnung, wonach die Note für jedes l einzelne Fach auf Vorschlag des betreffenden Examinators durch ׳ Stlttlmeiunehrheit zu bestimineu ist, auch für die Feststellung der Nore aus der Religionslehre Geltung habe, bat Minister Dr. von Gautsch an die Landesschulbehörden einen Erlass gerichtet, dem;u׳olge die Beurtheilnng des Erfolges der Prüfung über die Befähigung der Eandidaten znr subsidiarischen Ertheilung des Religionsunterrichtes ausschließlich nur den von der betreffenden Kirche oder Religion»- Gefeslichaft bestellten Examinatoren und abgeordneten Commissären zusteht, und daher selbstverständlich die Bestimmung der Religionsnote kein Gegenstand der Consereuz der PrüsungS-Commission sein kann. Wien. Freitag den 29. Oetober wurde Fräulein Minna Gomperz, die Schwester des Reichsrathsabgeorvneteu Dr. Gomperz zu Grabe getragen. Das Leben dieser hochherzigen Dame war eine Kette von Wohllhaten, und es existirte kein humanitärer Verein und kein Wohlthätigkeits-Justilut in Wien, daS sich nicht ihrer Förderung erfreute. Nom Blindeninstitute zum Waisenhause, vom Frauenvereiue zur Taubstummeilanftalt, von einem Verein zum andern war ihr täglicher Gang. Die Armen Wiens, nird namentlich die jüdischen Armen, haben an ihr eine große Wohlthäterin verloren. Fräulein Gomperz j genoss ein großes Ansehen in der Wiener Gesellschaft, und großartig war auch die Theilnahme der b.sten Kreise Wiens an ihrem Leichenbegänguche. Von der Wertheimstein'schen Villa in Döbling bis zum Währinger Friedhöfe reihte sich Wagen an Wagen von Trauergästen. Die rituelle Leichenstinction versahen Prediger Dr. Gndemann nnd Obercantor Singer, beide in gewohnter Meisterschaft. — Wie es verlautet,! hat Fräulein Gomperz einen großen Theit ihres nicht unbeträchtlichen! Vermögens wohlthätigen Zwecken gewidmet. 1 Wien. Herr Hofrath Joseph Ritter v. Pfeiffer hat anlässlich 1 des Absterbens seines Sohnes eine Spende von 6 000 si. für ein , jüdisches Knabenwaisenhaus gewidmet. Bis zur Eröffnung dieses! Institutes fallen die Zinsen d.m jüdischen Atädchenwaisenbause zu. i Desgleichen hat Ritter v. Pfeiffer den Betrag von 5000 fl. zur I Gründung eines Stipendiums für mittellose Juristen bestiinmr. Hunger, Kälte uud Entbehrungen jeder Art, wie durch uuausbleibliche Krankheiten elend verkümmern müssen, uud dass schließlich nur ein Bruchtheil des alle diese Leiden überlebenden Nestes zum Waffendienste herangebildel werden könne. War ja doch kein Fall vorgekommen, dass Eines dieser Kinder jemals in seine Heimat uud zu seinen Angehörigen wiedergekehrt wäre, und thatsächlich betrachteten die unglücklichen Eltern ihre als Necruten verschickten Söhne als gestorben, und sofort nach stattgehabter Abseuduug des Transports beobachteten sie die bei eiugetreteuem Tode von Blutsverwandten rituell vorgezeichnelen Gebräuche, indem sie die üblichen Sterbegebete recitirten, ihre Kleider zerrissen nnd die vorgeschriebene Traucrzeit aus der Erde sitzend zubrachten. So wird man es denn' begreiflich sinden, dass die Ortsbewohner, .welche, ohne Unterschied des Standes und Glaubens, die seit Jahren fortgesetzte Vernichtung so vielen auskeimenden Lebens vom Herzensgründe verabscheuten, sich von den öffentlichen Plätzen zurückgezogen und die Thüren und Fensixr ihrer Wohnungen für alle Straßenvorkommniße undurchdringlich zu machen gesucht hatten. In der verflossenen Nacht hatte wieder einmal ein Ueberfall in den Behausungen der ärmeren jüdischen .Familien stattgefunden; die urplötzlich aus dem Schlafe ausgerüttelten Knaben waren, trotz des sußfälligen Flehens der zum Tode erschreckten Eltern, von den rohen Häschern erbarmungslos ergriffen und der draußen harrenden Escorte übergeben worden, nnd nun sollte die ganze im Verlaufe dieser ,Razzia zusammengeraffte Kinderschaar, die erwähnte Hauptstraße passirend, wie eine für die Schlachtbank reise Schaf« Heerde dcm Hauptdepot im Militär-Transporthanse eingeliesert werden. Um nun dem unsagbar traurigen und die tief innerste Seele erschütternden Anblicke dieser dem sickeren Verderben gcweihten, abgehärmten und in ihrer Todesangst wimmernden Kleinen zu entrinnen, um den herzbrechenden Jammer der dem Unglückszuge nachwankenden und die Hände ringenden Mütter, um die zum Himmel dringenden Verzweiflungsrufe der weinenden Väter, gramgebeugter Greise nicht zu hören, um dieser empörenden, in ihrer Grässlichkeit jeder Beschreibung spottenden Scene auszuweichen, war die vom Mitleid ergriffene Einwohnerschast geflohen, sie, die selbst unterdrückt, in ihrer Ohnmachtdem Urheber solcher himmelschreienden Gewaltacte nur im Stillen fluchen, aber den Unglücklichen keinen Schutz und keine Rettung gewähren konnte. Jetzt war auch der von Allen gemiedene und von Weitem schon durch wüstes Geschrei und lautes, krampfhaftes Weinen sich meldende verhängnisvolle Zug in Sicht gekommen, und die wenigen sich ans der Straße noch besindlichen Personen waren demselben wie entsetzt ausgswichen, indem sie links und recht» in Seitenzäfschen verschwanden. Die kleinen, zur Verschickung bestimmten Necruten waren ihrem heutigen vorläufigen Ziele, dem Ausnahmsorte aller in der Stadt nnd in den umliegenden Ortschaften ausgehobenen Knaben, nahegekommen. Von diesem Depot aus sollten am nächsten Morgen die zukünftigen Vätertandsvertheidiger, dem Wortlaute der allerdings wohlgemeinten Verordnung gemäß, in Schafpelze gekleidet, und, wenn erforderlich, mittelst Vorspann-