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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-11-06 · Heft 35 (6.11.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 35 (6.11.1886)
Date
1886-11-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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N. Blaremberg, den Verfasser eines Werkes ,über die Gesetze > und Institutionen Rumäniens^. Herr A. Franck äußert sich daj selbst in felgender Weise über die Zudcnrrage: Geehrter Herr! Sie batten vor einiger Zeit die Güte, mir mit der liebenswürdigsten Widmung ein Werk von bervornagendster Bedeutung zu übersenden, das Sie veröffentlicht haben unter dem Titel: ,Vergleichender Versuch über die Institutionen und Gesetze Rumäniens von den ältesten Zeiten bis aus unsere Tage.' Dieses Werk, wofür ich Ihnen nicht srüber danken wollte, bevor ich cs gelesen batte, gereicht Ihrer Gelehrsamkeit, Ihrem Patriotismus und sogar Ihrem Vaterlande zur größten Ehre. Die Gelehrten und vor allem die Historiker, welche sich von Jbrcm Lande eine Idee bilden wollen, müffen von setzt ab von Ihrem Werke nicht blos Kenntnis nehmen, sondern dasselbe sogar studnen. Zn Ihrer werthvollen Arbeit habe ich jedoch einen Theil gesunden, der mich zwingt, Ihnen mit dem Herzlichsten Wohlwollen einige ernste Bemerkungen zu machen: ich meine jenen Theil, welcher die Juden betrifft. Ich gehöre, mein Herr, und bin stolz darauf, jenem alten Geschlechte an, welches der Menschheit die Bibel, das Evangelium, die Apostel und sogar die Person Jesu Christi geschenkt hat. Wenn Sie es nicht gewusst haben, so erachte ich es für meine Pflicht, es Ionen zu sagen. Wenn Sie cs jedoch gewusst haben, so werden Sie begreifen, wie sehr ich enttäuscht und betrübt war, was Sie und ein großer Theil der Rumänen über meine Glaubensgenossen in den alten Provinzen der Moldau und Walachei denken. Sie schreiben den Juden alle möglichen Schandthateu zu, so diejenige, welche darin besteht, die Ehre ihrer Frauen und Töchter zu verschachern, obgleich die Welt, sogar zu den Zeiten des rohesten Fanatismus, den patriarchalischen Tugenden derselben gehuldigt hat. Wenn man sie hört, müsste man glauben, dass die Juden alle Laster und keine einzige Tugend besitzen. Ich kann mich nickt in einem einfachen Dank- > schreiben in eine eingehende Debatte über einen so ernsten j Gegenstand einlassen. Ich werde mich daher blos darauf beschränken, aus ihre Anklagen mit Lbatsachen zu erwidern, die so klar sind, wie der Tag. Die Juden waren nur da moralisch und physisch schmutzig, wo man sie beschmutzt hat. In jenen Staaten hingegen, wo sie die Gesellschaft in ihren Schoß aufnahm, wo man nach den edlen Worten der constituirendcn Versammlung vom Jahre 1789, deren Menschen- und Bürgerrechte anerkannte, hat ihnen keine einzige moralische oder patriotische Tugend gefehlt. In Frankreich, England, Holland, Belgien, ja sogar.in Deutschland, wo der Nacenhajs entfesselt wurde, finden Sie die Inden im Parlamente, Gerichtshöfen, Universitäten, Acadernien, in den höchsten Stellungen der Armee, in der politischen und Finaiizverwaltnug. Gegenwärlig bcstndet sich ein Jude im englischen Oberbause, ein Anderer im conservativen, von Salisbury präsidirten Cabinet. Vor einigen Jahren war ein Jude, David Salomo«, Lord-Major (Bürgermeister) von London. Wissen Sie, dass sich in der französischen Armee vier jüdische Generäle im aeiiven Dienste besinden? Und gleichwohl zählt Frankreich bei einer Bevölkerung von nahezu 38 Millionen Einwohnern im Ganzen nur 70- bis 80.0000 Juden. Sie beklagen sich über die Unehrlichkeit der Inden. - Zahlreiche französische Juden, deren Namen unantastbar ist, sind Cassiere, Steuereinnehmer, Finanzverwalter. Ich kenne persönlich vier oder fünf jüdische Präsecten, drei jüdische Mitglieder des hohen Cassationshofes, darunter einen Sectionspräsidenten, Herrn Bedarrincs. Wenn die italienische Negierung über stnancieüe oder wirthschaftliche Interessen mit Frankreich zu verhandeln hat, so beauftragt sie meinen gelehrten Glaubensgenossen Herrn Luzzati. Auf 259 Mitglieder des ״Institut de France“ (Akademie) kommen 10 Juden, unter den 32 Professoren des ״College de France“ haben wir 4 jüdische Professoren, von denen ich einer Russische ReminiscenM.*) Es war zu Kremenitz in Wolhynien und im Winteranfang des Jahres 1852. Ein düsterer, nebelfenchter Morgen lag über der kleinen russischen Kreisstadt, welche ungeachtet des frisch gefallenen, auf der Straße und auf den niederen Dächern lagernden Schnees den melancholischen Charakter und die ganze trostlose Einförmigkeit einer nordischen Landschaft bewahrte. Trotz der vorgerückten Stunde und, obwohl weder im russischen noch im jüdischen Kalender irgend welcher Feierlag verzeichnet war, blieben die Hausthore versperrt, die Magazine und Kaufgewölbe uneröffnet und sämmtliche, in die Straßenfront mündende Fenster hermetisch verschlossen, ja die Hauptstraße selbst, diese wichtigste Verkehrsader des sonst ziemlich belebten Städtchens, erschien verödet und wie ausgestorben, denn mit Ausnahme einiger Soldaten, die, in ihre, grauen, langen Tuchröcke gehüllt, stumm und gemeffenen Schrittes den Ordonanzdieust der sehr zahlreichen Garnison besorgten, und eines hie und da vereinzelt auftauchenden, subalternen Tschinowuiks, der übernächtig und verdrossen und den Pelzmantel über die Ohren gezogen, seinem Amte zuwanderte, waren weithin keine der sonst zur Straßenstaffage russischer Städte gehörigen Volks-! figuren zu sehen. Ein Ukas hatte besohlen, die Judenkindcr gewaltsam der häuslichen Pflege, den Multerarmen zu entreißen, um sie allen Schrecklichen eines ungewohnten Klimas, allen Fährlichkeiten *) Aus der ,Wr. Allg. Ztg.' vom 18. Oetober 1886. eines monatelangen Transportes ansgesetzt, in eine wüste, nur von militärischen Strafcolonien bewohnte Gegend zu schleppen. Dieser Ukas war nichts anderes, als das sanctionirts Todesurtheil von tausend und abertausend armen Kindern, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als dass sie als Juden zur Welt gekommen, und dass einige ihrer älteren Brüder, um dem ihnen damals mit Recht so furchtbaren Militär-Frvhndienst zu entgehen, über die Grenze geflohen waren. Wenn es sich auch bewahrheitet hätte, dass das infame Project der Kinderrecrutirung von den Juden selbst der Regierung unterbreitet worden, so konnte dieses gewiss mit blutendem Herzen dein Staate dargebrachte Molochsopfer doch nur als ein der höchsten Noth und der Verzweiflung abgepresster Act betrachtet werden. Die Gemeinde, für jeden Entgang der aufzubringenden Necrutenzahl verantwortlich gemacht und mit immer härteren Strafen bedroht, mochte von diesem letzten Mittel Rettung in ihrer Hilflosigkeit erhoffen, aber keineswegs durste die Regierung eines Culturstaates dieses eben so unmenschliche, wie ünvernünftige Opfer genehmigen. Nicht das arme, von jeher so hart bedrängte und geknechtete Volk, sondern den damaligen Herrscher^ wird die Geschichte für dieses der Humanität und der Civilisation zugefügte Unrecht verantwortlich machen. Es bedurfte auch wahrlich keines Uebermaßes von Staatsweisheit, um das Resultat dieses unsinnigen Experiments im Vorhinein zu errathen und zu der Einsicht zu gelangen, dass mindestens 70 Percent der also geraubten, ihren früheren Lebensbedingungen entrissenen und deportirten Kinder auf dem weiten Wege, und lange, bevor .sie den Ort ihrer Bestimmung erreicht, durch

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