Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 35 (6.11.1886)
- Date
- 1886-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 immer schwebenden Frage: ob die Orgel in der Synagoge am Platze sei? — eine Wendung zum Besseren geben, so tritt an die jüdischen Componisten synagogaler Musik die Aufgabe heran, passende Präludien zu schaffen. Im zweiten Thci!e Schir Zion bietet das Vorspiel zum ״Hodu“ für das Wochenftft ein passendes Beispiel. Vivat sequens! Gesangs-Briefe. (Schluss.) Wir müssen den ausgebildeten Sänger vor einem Mißbrauch warnen, zu den ihn leicht der Modeton und eine übermäßige Sucht, zu gefallen, verleiten könnte, indem er sich mehr bestrebt, der großen Menge als dem eugeru Ausschuss erwählter Kenner sein Talent anzupassen. Dieser Mißbrauch geht die Wahl seiner Musikalien an, und die Nichtbefolgung gewisser Gesetze in Rücksicht richtiger Anwendung des verschiedenen Charakters in der Musik, der jedesmal passlich für Ort und Zeit, wo sie aufgeführt wird, sein sollte, aber so oft übersehen wird, dass man am Ende kaum noch die Grenze wird stnden können, wo man von dem einen zu dem andern Gebiet übergeht. Ze mehr Berührungspunkte ein gebildeter Mensch hat, desto vielumfassender wird sein Umgang und desto seltener sieht er sich Mißgriffen ausgesetzt. Dies Verhältnis passt auch auf den Sänger. Er hat es schon früh vernommen, wie nöthig es ihm ist, mit dem Geiste jeder Art von Musik vertraut zu werden. Jetzt, als ausübender Sänger, begreift er leicht, was man damit bezweckt. Es war einer der großen Vorzüge der berühmten Mara, dass sie unter der Leitung des für die singende Welt so verdienstvollen Hillcrs ein ernstes Studium der verschiedenen Charaktere in der Musik unternahm, wodurch sie sich in den Stand setzte, die Londoner Welt hören zu lassen, mit welcher Würde und Größe die edle Musik eines Händel in den Hallen des Pantheons und der Westminster-Abtei ertönen müsse, deren Aussührung ihren Ruhm auf immer gründete, während die Anmuth und Fülle der Empssndung ihres Gesanges bei der Kammermusik alle Herzen zu ihr hinzog. Es ist aber nicht genug, dass unser gebilderter Schüler den Sinn jeder Nationalmusik und in dieser wieder die abgetheilteu Fächer der Kirchen-, Theater- und Kammermusik genau auffassen lernt; er muß auch nun in seiner musikalischen Laufbahn dazu beitragen, die Grenzen dieser Fächer bemerklich und geachtet zu machen. Das Hiuüberschwanken von einem zum andern Fache hängt freilich zunächst in den Vereinzelungen von den Tonsetzern ab, und vormals wachte man über diesen Punkt weit strenger, als heutzutage. Dies bemerkt sich in verschiedenen großen Compositioncn, die zwar der Kenner und Nichkenner Beifall ernteten, von den Kritikern aber mit Recht über die Vermischung des Styls in Anspruch genommen wurden. Wenn die Tonsetzer auf diese Weise die Vermischung des Styles und des Geschmackes befördern, so können freilich die Sänger nichts dagegen thun. Allein die große Zahl geht nun noch weiter. Die Übertragung der Opernmusik in die Concerte war eine Bereicherung der Kammermusik und als Erweiterung ihres Gebietes anzusehen, da fast alle berühmten Tonsetzer für die Bühne schrieben und selten ihren Fleiß auf einzelne Concert- Arien verwendeten. Aber die neueren Eingriffe, wo der Menge zu gefallen der Virtuos das Lieder- und Canconettenfach in die großen Concerte hinübcrzieht, ist weit verderblicher für den Geschmack. und kein wirklicher Sänger sollte seiner Kunst den Schaden zufügen. der für sie entstehen muß, wenn der ernstere, größere Styl durch pielereien verdrängt wird. Ein Sänger muß sich allerdings einigermaßen nach dem Geschmacke seines Publikums richten, wofern er .ihm gefallen will; aber in jenen Tempeln, die ausschließlich Euterpen geweiht sind, soll er als ihr würdiger Priester auflreten, den Geschmack der Menge leiten und bilden. Wer sich nicht werth fühlt, dies in einem edlen Tone zu thun, begnüge sich mit den kleinen geselligen Cirkeln der Kinderstuben, der Mädchenzufammenkünfte, wo die Theemaschine und der lange Winterabend die gute Laune auffordern, wo gescherzt, gelacht und lustig gesungen wird. Solchen geselligen Kreisen gekört eigenthümlich das empsindungsvolle Lied, die abenteuerliche Romanze, das witzige Couplet, die fragmentarische Cavatine, .die geläufige Variation und alle die tausenderlei Gesänge, die jedesmal ein kluger Sänger den äugenblicktichen Bedürfnißen seiner Zubörer, die jedesmal durch ihre Hauplstimmung entstehen, anzupassen weiß. Hier ist das Gebiet für die Äccorde der Guitarre, und jede feinere Auszeichnung der Kunst und selbst der Schalkheit, die bei größeren Gelegenheiten meist verloren geht. Weit entfernt, des großen Sängers Gebiet durch dieses Zurückweisen in jene Grenze zu beschränken, findet er durch dieses genaue Anpassen seiner Kunst zum Orte, wo sie sich äußert, hier gerade die eigentliche Gelegenheit, seine Gewandtheit in jedem Fache zu zeigen. Wer ein leises Gefühl des Schicklichen stets in sich pflegte, wird sich gewiss durch's Leben, wie durch seine musikalische Laufbahn so fortbewegen, dass er nie weder zu viel noch zu wenig gethan hat. Für unsere Zöglinge bleibt mir zum Schluss nur Fnoch eine Erinnerung, die sich Virtuosen und Dilettanten, alte und junge, männliche und weibliche Sänger zu Herzen ziehen sollten. Sie besteht in der Warnung vor dem falschen Gewicht, das sie so oft auf ihre Talente legen, indem sie glauben, sich selten machen zu müssen. Weit entfernt, dadurch zu gewinnen, verdunkelt diese langweilende Ziererei ihre guten Eigenschaften. Nur sehr alltägliche Menschen können sich durch dergleichen Virtuosenkniffe, wo sie ewig weigern, um doch zu erhören, immer Schnupfen vorschützen, um nur geuöthigt zu werden, ein Ansehen geben wollen, das sie doch nicht zu behaupten wissen. Wer einem oder gar mehreren Menschen durch den Gesang eines Liedes Vergnügen machen kann, und dies verweigert, der muß wahrlich wenig für Andere zu thun gewohnt sein. Unsere Zöglinge werden nur alsdann meinem Wunsche entsprechen, wenn sie jedesmal da, wo man sie ernstlich darum ersucht, ebenso entfernt von falscher Scham, als von anmaßlicher Erwartung auf Lob, mit edler Offenheit ihr Talent, so gut sie können, zum Vergnügen der Geselligkeit anwenden. Es bleibt ihnen dagegen unbenommen, die Töne wieder verstummen zu lassen, wenn sie bemerken, dass die Gesellschaft ihr Bemühen, sie zu unterhalten, nicht mit jener stillen Aufmerksamkeit lohnt, die jeder Zuhörer vou Erziehung und seinem Sinn selbst dem mittelmäßigen Sänger, der seine edleren Kräfte zu seinem Vergnügen aufbietet, schuldig ist. Wäre ein־ Sänger verleitet worden, vor lärmenden Zuhörern seine Stimme ertönen zu lassen, so wird.sich feine etwas beleidigte Eitelkeit leicht durch den Gedanken zu einem besseren Gefühl erheben, dass jeder Versuch, harmonische Empfindungen und Gefühle unter ben Menschen zu vervielfältigen, sich, selbst ׳ wenn er mißlingen sollte, durch sein Bewusstsein lohnt!