Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 34 (29.10.1886)
- Date
- 1886-10-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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an einem guten Pianoforte hören, als wenn sie im vollen Orchester anstreten. Hier liefern sie Cabinetstücke von vollendeter Güte, denn sie hangen einzig von sich ab, was beim ganzen Orchester ein halbes Wunder wird. Zudesteu kommt es einem vollendeten Virtuosen nicht nur darauf an, sich innerhalb des Miniatnrsprengels der kleinen Cavatinen, Canconetten und Lieder, die sich mit dem Pianoforte so gut autznehmcn, anfznhalten; es gibt größere Scenen, die er gerne ebenso vollendet vonrüge, die aber um der Schwierigkeit des Accompagnements der Selbstbegleitnng eine halbe Unmögiichkeit werden, weil auf die Ucbersicht der Partitur und die Aushebung der Obligal stellen ein Theil der Aufmerksamkeit verwendet wird, der schon ganz allein dem Vortrage, der Aussprache und dem Athemzuge angehören sollte. Kommt nun vielleicht noch etwas Kurzsichtigkeit dazu, durch die der Sänger gezwungen wird, die Brust zu drücken, so ist cs offenbar, dass man unter solchen Umständen keine Vollendung von ihm erwarten kann. Bei solchen Gelegenheiten pflegt sich der Sänger nach Elavieriftcn umzusehen, um sie als Begleiter aufzurufen; aber in den meisten Fällen dürfte ihn der Aufruf gereuen. Nur ein Clavierspieler, der selbst Sänger ist, kann den Sänger gehörig begleiten; der Clavierift allein wird ihm wenig Freude machen. Sie erliegen fast alle gewissen Fehlern, z. B. dem Eilen, wenn sie von ferne eine Paffage erblicken, der Gewohnheit sich auf Unkosten des Sängers mit einer übel angebrachten Geläufigkeit zu zeigen, ihm die zartesten Uebergänge mit Händen voll Äccorden zu verdecken, die nicht in der Partitur stehen und mit so wenig Nücksicht auf die sanften Schattirnngen des Gesanges Hineinspielen, dass er alle Haltung und allen Zauber verlieren muß. Der arme kämpfende Säuger wird dann durch den rauschenden Clavieristen mit fortgerissen, er fühlt sich von Uebergang zu Uebergang bis an das Ende hingeschlendert, wo ihm dann nichts als ein Achselzucken des Mitleides für den furiosen Spieler bleibt, der sich vermuthlich besser benommen haben würde, wenn ihm die Natur einige Ahnung von musikalischer Schönheit verliehen hätte. Es gibt Virtuosen, die einen großen Werth auf die Fertigkeit, viel Noten lesen zu können, setzen. Ich gestehe, dass ich sie für eine Annehmlichkeit ansehe, die dem Sänger insofern nüthig ist, weil er ohne diese Fertigkeit in manche Verlegenheit gerathen kann, und die dem Nipienisten zum Gebrauch des Orchesters durchaus nöthig bleibt. Doch scheint sie mir am Solosänger nur eine untergeordnete Tugend. Denn man findet so oft, dass gerade diejenigen Sänger, welche mit Leichtigkeit alle möglichen Noten a prima vista auffassen, sie selten so' wieder geben, dass ein an etwas Vorzüglicheres gewöhntes Ohr sich damit bcfriedigen könne. Ein Sänger, er sei Dilettant oder in die Vocal-Innung ausgenommen, erweckt mir einen geringen Begriff über seine Kunst, wenn er in einer Gesellschaft auftritt und sich ohne Wahl Musikalien geben lässt, die er dann freilich tactmäßig absingt, aber auf den ausgedehnten Begriff des guten Gesanges ein nachtheiliges Licht wirft. Nur die höchste Uebereinstimmnng der Nebendinge zur Hauptsache bringt im Gesang die vollkommene Harmonie herbei, die jeder Sänger als ein Ideal betrachten sollte. Sänger, die sich vor ihr Auditorium hinstellen, und den ersten besten Stümper aus der Gesellschaft aufnifen, Duette und Terzette mit ihnen zu singen, mögen es uns eben nicht verargen, wenn wir wenig von ihnen erwarten. Hier scheint es mir am gelegenen Ort, noch von einer Art von Begleitung des Gesanges zu reden, nämlich von der Guitarre, die vor einigen Zabrzehnten ein Werkzeug der Mode geworden und Beförderin des geselligen Vergnügens werden kann, wenn sie in gute Hände fällt. Die geringe Schwierigkeit, J die Arpeggiatnren ans den leichtesten Tönen selbst einem Schüler! von wenig Talenten bciznbringen, oeranlasste allgemein den ' Wunsch, ein so graziöses als leichtes Instrument zn spielen. Das KmbhMenfest -er Juden in Con- , stantinopel zur Zeit der Janitscharen.*) 06. W. Die Inden feiern jährlich ein Fest, welches das Laubhüttenfest heißt und eine ihrer größten Feierlichkeiten ist. Wenn es in Constantinopel begangen werden soll, baut man eine grüne Hütte aus einer Terrasse der Hauptsynagoge. Eine Jungfrau soll darin die Festnacht zubringen und von ihr der in der Schrift angekündigte Messias (?) geboren werden. Es ist ein strenges Erfordernis, die schönsten Erzeugniße der Jahreszeit zum Opfer und Schmucke in der Hütte zusammen zu bringen. Es dürfen weder Mühe noch Kosten gescheut werden, der Gottheit die vollkommensten Gaben der Natur darzubringen. Die geringste Nachlässigkeit würde Schändung des Heiligen fein, und es wäre zu fürchten, dass die Huldigung dem Herrn nicht angenehm sei, wenn irgend ein seltenes und vollkommenes Erzeugnis bekannt wäre und nicht einen Theil des Opfers ansmachte. Auf dieses strenge Erfordernis des mosaischen Gesetzes gründete einst ein Jude, ein Verräther an feinem Glauben, eine dem Plane nach ebenso seltsame als ver-! brecherische Speculation. Einige Tage vor dem Laubhüttenfeste hatte er bei einem Gärtner in der Nähe von Constantinopel eine fast reife Frucht *) Aus dem ״Archiv für Natur, Kunst, Wistenschaft und Leben", redigirt von F. W. Lindner, Braunschweiz, Lieferung 11. (Esrog) bemerkt, die vollkommen schön und rein von irgend einem Fehler war, so dass, wenn sie bekannt würde, die Anordncr des Festes nicht umhin konnten, sie zu kaufen. Der Jude besprach sich im Geheimen mit dem Eigenthümer dieses kleinen Schatzes und trug ihm einen Gewinn von 50.000 Piastern an, unter der einzigen Bedingung, dass er mit ihm theile. Der Vorschlag wurde natürlich angenommen. Es muß bemerkt werden, dass ein Türke in einem solchen Falle seinem Worte streng treu bleibt. ,Morgen', sagte der Jude, »stellst du die Frucht, welche ich in deinem Garten bemerkt habe, in der Bude in der Stadt so, dass sie den Vorübergehenden in die Angen fallen muß. Man wird dich bald um den Preis derselben fragen, und du antwortest gleichgiltig: 50.000 Piaster. Man wird glauben falsch verstanden zu haben. Du wiederholst mit derselben Nnhe und Gelassenheit: 50 000 Piaster. Man wird lachen und Scherze über deine tolle Forderung machen; bleibe du nur ganz ruhig. Nach und nach wird man dir vierzehn, zwanzigmal mehr bieten, als die Frucht eigentlich werth ist; du wirft nun deinerseits lachen und lässt die Kundleutc gehen. Den andern Morgen werden andere Personen erscheinen und die Frucht genau beobachten, die du aber nicht darfst berühren lassen. Sie werden dieselbe schön, herrlich, einzig finden und dich ersuchen, sie ihnen zu verkaufen. Du antwortest: »Gern, aber wisset ihr den Preis?' — »Nein'. — »Er ist 50.000 Piaster. Ich kann sie um keinen Para weniger geben'. Die Leute werden wieder lachen und sich stellen, als glauben sie nicht, dass es ernst sei. Sie werden thun, als gingen sie fort, aber dir zu gleicher Zeit