Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 34 (29.10.1886)
- Date
- 1886-10-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453078--1898-3456089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 nun willig über Bord wirft? Oder aber verfügen die Herren über solch' bedeutende pecuniäre Mittel, dass es nicht gerathcn wäre, durch weitere Vervollkommnung ihrer künstlerischen und sachmäunischeu Fähigkeiten möglicherweise eine kleine Erwerbsquelle zu eröffnen; eine Erwerbsquelle, die bei etwaigem Ein׳ tritt einer tiefernsten Zeit vielleicht der einzige Stützpunkt für sich 2md die lieben Ihren werden könnte? O, an all das denkt mau nicht! Wenn der נעריצך sefuugcu uiib ber אנעים זמירות m-fruHgeH, glaubt man den höchsten Preis errungen, und überliefert sich dem süßen Nichtsthnn, welches früher oder später auf die abschüssige Bahn der Leichtlebigkeit führen muß. .Sechs Tage sollst du ruhen und einen Tag arbeiten*, das scheint das moderne biblische Gebot vieler sogenannter Obercantoreu zu sein, und so ziehen sie dahin die schönen Tage des Jünglings und die späteren Arbeitsjahre des rüstigen Mannesalters, und wenn ein solcher Wanderer einen Augenblick innehält und seinen Blick nach rückwärts schweifen lasst, so gähnt ihm zwischen der Stätte seines Jugendlebens und feinem jetzigen Aufenthaltsorte eine öde, unwirthliche, langgedehnte Leere entgegen, vor welcher jeder strebsame Mensch bis in das Innerste erbeben muß; denn seines Lebens Inhalt erscheint ihm jetzt in der schweren Bedeutung des kleinen Wörtchens ,Nichts*.— Das sind die Früchte des gepflogenen dolce far niente, und wir fragen, wie konnte der die Ächtung und die Anhanglichkeit seiner Mitmenschen sich erringen, dessen Lebensbedeutuug einem .Nichts* gleichkömmt? Aus der großen Anzahl solch' verkommener Individuen wollen wir heute bloß zwei als warnendes Beispiel anführen und, wenn wir auch keinen Namen nennen, so verbürgen wir dafür die volle Wahrheit unserer Schilderung. Der Eine, reich beanlagt, nahm als Jüngling einen überaus kühnen Flug; auch die Verhältniße waren ihm günstig, und trotzdem war es ihm nicht möglich, nur in einer Gemeinde festen Boden zu fassen; die größten Gemeinden Ungarns, Böhmens und Galiziens sahen ihn als Cautor in ihrer Mitte, um ihn nach nur kurzer Frist wieder zu entlassen, bis ihm nichts anderes übrig blieb, als in vorgerückten Jahren vollständig stimmlos Europa zu verlasien und im fernen Amerika vielleicht auf den Trümmern seines einstigen Könnens eine räthselhaste Existenz zu gründen. Der Andere, noch reicher talentirt und vom^Glückc begünstigt, und daher auch berechtigt, sein Augenmerk aus die höchsten Ziele zu richten, verlor vollends iifi unedlen Nichtsthnn all' die uöthigen Gesichtspunkte seiner Thätigkeit; es ist ein Glück, dass er eine hochherzige, angesehene Gemeinde errungen, welche all' die Geschehniße — die Producte eines müßigen Lebenswandels — mit dem Mantel der Nachsicht und Milde verdeckt und, namenilich jetzt, in seinen vorgerückten Jahren, im Hinblicke aus die bedauernswerthe Familie, Vieles erduldet und erträgt, was anderwärts unmöglich wäre. Seine Gemeinde hält ihre Versprechungen — und er? — Er hat so lauge דודי לקראת כלה gesungen, sonst .nichts. — Und was wäre aus ihm geworden, hätte er sich frühzeitig der Arbeit und einer fachmännischen Thätigkeit zngewendet, die Segnungen wären sicherlich nicht ausgeblieben! Beschränkten sich nun die socialen Strafen für eine solche Lebensweise auf die betreffenden Personen selbst, nun so müsste man die betreffenden Personen allerdings bedauern und die logische Folgerung des Sprichwortes: .Wie die Arbeit, so der Lohn*, brächte uns aus dem Gesichtskreise dieser unangenehmen Sphäre; allein hiebei hat es sein Bewenden durchaus nicht, sondern die moralischen und psychischen Gebrechen einer solchen unglücklichen Erscheinung werden als Gebrechen und Charakterzüge der Gattung hingenommen und führen eine Herabwürdigung eben dieser Gattung herbei. Der Eine trägt das Kainszeichen der Verworfenheit an der Stirne, folglich muß diese Signatur allen anderen Collegen ebenfalls ausgeprägt werden, und dagegen müssen wir.uns verwahren. Um solche verkommene Gestalten im ׳ jüdischen Cantoren-- thnme unmöglich zu machen, gibt es .nur ein Mittel, u. z. die r a t i o n c l l e a u ß e r a m t l i ch e B e s ch ä s t i g u n g. Wessen Sinn und Zeit durch irgend eine geistige Thätigkeit ausgefüllt wird, dem bleibt keine Muße, und der besitzt gewiss auch keine Eignung für .noble* oder besser gesagt ״unlautere" Passionen, sondern der arbeitet und schafft, was er eben zu arbeiten im Stande ist, und erreicht hiedurch bürgerlich-menschliche Gleichberechtigtnng, fachmännische Bedeutung und Würde. Die nächstgelegentste und natürlichste Arbeitssphäre eines jüdischen Cantors muß selbstverständlich die w i s s e n s ch a f tlichc Vertiefung in sein heiliges Amt selbst sein; es genügt durchaus nicht, mit dem von Mutter Natur empfangenen Pfunde zu wuchern, d. b. mit der Stimme zu arbeiten, sondern Jedermanns Pflicht ist, wenn nicht den Bedeutungskreis seines AmteS wissenschaftlich zu erweitern, doch wenigstens etwaige Lücken auszufüllen unb' durch Gedankenaustausch mit anderen College» entweder in seinen eigenen Anschauungen gefestigt, oder.gar eines Besseren belehrt zu werden.׳ Das jüdische Cantoreuthum besitzt ein eigenes Fachorgan, welches in erster Reihe die Ausgabe hat, einen öffentlichen Gedankcnaustansch auzubahucn. Zählen wir min die Herren ״Obercantoren". die als stetige Mitarbeiter dieser Zeitschrift bekannt sind, und wir schlagen beschämt das Auge nieder. Jeder Cantor hat fachmännisch etwas erlebt, was vielleicht dem Andern fremd sein dürste; weshalb setzt er sich nicht an's Pult und opfert zum Heile seiner Collegen eine halbe Stunde seiner freien Zeit diesem edlen Zwecke? Und hat er uns nichts Neues zu sagen, so hätte er doch unseres Erachtens sicherlich noch Manches zu fragen. Mögen diese Worte Eingang finden in das Herz unserer Collegen; den älteren, die ja bereits eine Vergangenheit haben, sind sie allerdings nicht zur Darnachrichtung anempsohlen, aber die jungen, denen die Zukunft gehört, mögen dieselben beherzigen, und wir, leben der. festen Ueberzeugung, dass sie mit den sich selbst gestellte» Aufgaben fachmännisch und moralisch wachsen und eine Zierde des jüdischen Cantorenthums werden müssen. Dann dürfen sie, wenn die Wiuterstürme dahingebraust, Lenz und Sommer ihre holden Gaben uns zngewendet, und sie wiederkehrt, die ernste Nüstzeit der hohen Feiertage, dann dürfen sie getrost das weiße Amtßkleid sorgsam vorbereiten und beruhigt, ja berechtigt, sich von den Unschuldswellen desselben umfluthen lassen; denn in ihnen wohnt Sittlichkeit und Bestrebsamkeit, und leichten Gemüthes können sie hintreten vor den Vater des All's, um zu ״singen" und za ״sagen." 8 .... v. Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) XVI. Die Synagoge. Der israelitische Staat war ursprünglich ein theokratischer, und existirte als solcher einige Jahrhunderte unter der nnmittelbaren göttlichen Negierung. Allein zu seinem Unglücke verlangte