Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 33 (20.10.1886)
- Date
- 1886-10-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453077--1891-3456081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-s־ wünsche, habe früher vom Präfecten des Districtes eine Licenz oder Patent zu erhalten, welches aber nur dann zu bewilligen wäre, wenn sich der Bittsteller mit einem Zeugniße 0er "Civilbehörde über seine Nespcclabilität und moralische Aufführung Ausweisen werde. Es wurde aber Juden nicht erlaubt, sich in deutschen Gebieten ansässig zu machen oder von deutschen Provinzen nach Frankreich einzuwanderu. Auch durften sie keine Supplenten zum Heeresdienste stellen, obwohl dieses den Christen gestattet war. Dieses Provisorium sollte 10 Jahre dauern, wo sodann zu hoffen wäre, dass jeder Unterschied zwischen Juden und Nichtjudcn aufhören würde. Dieses war es, was Napoleon für die Juden geleistet, denn er war von despotischer Natur, .und obwohl er selbst seine Stellung der Freiheit verdankte, gönnte er solche den Völkern nicht. Aber die Erweiterung der Rechte und Befreiung der Juden kam von einer andern Seite. Sein Bruder Jerome, der König von Westphalen, stellte die Juden allen anderen Bürgern gleich, regulirte ihre inneren Verhältniße durch Errichtung eines permanenten Cousistoriums, welche tolerante Behandlung das Wohlergehen der Juden in andern Ländern veranlasste und auf Frankreich zurückwirkte. In Preußen und den Hansestaaten wurden gleichfalls ihre Zustände verbessert, und obwohl die Neactionen nach der Niederläge Napoleons 1813 auch dann den Juden die Rechte benahm, so kann man doch behaupten, dass die Freiheit der Inden aus Frankreich entstammt, weil der Geist des französischen Volkes der allgemeinen Gleichheit geneigt war, dagegen hat dieselbe aber sehr Weniges Napoleon zu verdanken, der viel versprach und trotz der größten Huldigungen den Juden sehr wenig bewilligte. Es bleibt daher die einzige Aussicht, von der die Juden ihre Freiheit und Sicherheit erwarten können, ihre männliche und gradsinnige Aufführung und das Festhalten an ihren Pflichten gegen Staat und Religion. V. 6-. Kleine Chronik Wien, 18. October. Das Leichenbegängnis des am 14. d. M. in seiner Villa, Hietzing, Hetzendorferstraße Nr. 24, verstorbenen Präsidenten der Creditanftalt, Eduard Ritter v. Wiener-Welten, hat gestern Vormittags unter überaus zahlreicher Betheiligung der Finanz- und Handelskreise Wiens stattgefnnden. In dem ebenerdigen Salon der Villa stand der mit Kränzen und Blumengewinden fast völlig überdeckte braune Metallsarg auf einer Estrade, während der vor dem Trauerhause harrende sechsspännige Leichenwagen, sowie zwei zur Aufnahme der Kränze bestimmte offene Trauerwagen ebenfalls unter dem Blumenschmücke nahezu verschwanden. Um halb 10 Uhr waren im Lrauergemache sämmtliche Familienmitglieder bis auf die Witwe,. Frau Henriette Wiener v. Welten, und die Tochter, Marie Gräfin Nazumovsky, versammelt. Die Witwe war in Folge ihres Schmerzes und leichten Unwohlseins verhindert, der Trauerfeier beizuwvhnen; Gräfin Marie Nazumovsky, der überhaupt der Tod des Vaters, noch geheim gehalten wurde, ist vor wenigen Tagen Mutter geworden und daher noch zu Bette. Die düstere Ceremonis, die rituellen Gebete und Gesänge gingen in Anbetracht des leidenden Zustandes der Witwe und der Gräfin Nazumovsky in aller Stille vor sich. Bald nach 10 Uhr hohen Bedienstete der Bestattungsgesellschast ,Concordia* den Sarg, in welchem die Leiche des Dahingeschiedeneu ruhte, und brachten denselben in den Glas-Leichenwagen, der sich unmittelbar darauf nach der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhoses in Bewegung setzte. Zwei berittene Lampenträger eröffneten den Conduct, der um 7412 Uhr auf dem Friedhofe anlangte. In der großen Trauerhalle hatten sich früher eingefundcn: Feldzeugmeister Freiherr v. Tiller, die Herrenhausmitglieder Johann Gögl und Baron Königs- Wärter, Reichsrathsabgeordneter Baron Pirquet, die Directoren der Creditanftalt Ritter v. Hornbostl, Mautner und Ziffer mit' vielen Oberbeamten dieses Creditinstitutes, der Generalsecretär der Donaudampfschifffahrt-Gesellschaft Ritter v. Cassian, die Directoren der Ein Hofbankier. 1?. UL Im Berliner Opernhause auf einem Logensitze des ersten Ranges, dicht an der Bühne, neben dem Dienstplatz des ge. Heimen Cabinetssecretärs ist während der Saison allabendlich ein alter Herr zu sehen, der eine der merkwürdigsten Charaktersiguren Berlins ist. Er ist eher klein als groß von Gestalt und fein etwas struppiger Vollbart ist eher grau als etwas anderes, obgleich man ihm etliche seiner - baren vierundsiebzig Lebensjahre gewiss nicht ansieht. Er ist mit einer gewissen Eleganz gekleidet. Die Unfehlbarkeit, mit der er jeden Abend seinen Sitz eiunimmt, scheint auf ein besonders lebhaftes musikalisches Interesse hinzudeuten; Eingeweihte wollen freilich wissen, diese Pünktlichkeit sei Her eine Folge des berechtigten Stolzes, den er darüber empfindet, dass seine gesellschaftliche Stellung mit dem Genüsse eines so schönen Dienstplatzes in der köuiglichen Hosoper verbunden sei. Sicher ist, dass er daselbst den ganzen Abend schläft, bis zu dem Augenblick, wo die ersten Tacte der Balletmusik erklingen; diese haben die Zaubermacht, ihn sofort zu ermuntern und ihn dann, so lange getanzt wird, ganz und gar Auge, welches Organ er übrigens noch durch ein höchst leistungsfähiges Fernglas unterstützt. Dieser lebenslustige alte Herr ist eine der urwüchsigsten Persönlichkeiten der Spree-Residenz: der Hofbankier Cohn. Eigentlich muß mau sagen: Moriz Freiherr v. Cohn Excellenz, denn er ist wirklich Baron, und der Herzog von Coburg hat ihn thatsächlich zur Excellenz gemacht. Seine intimsten Freunde, welche an ihm eine gewiste Vorliebe an wohlklingende Ehrentitel bewirkt haben mögen, titnliren ihn mitunter ,Freiherr Baron v. Cohn, Edelmann aus Dessau", was gewiss ausführlich genug lautet. Von Zeit zu Zeit versichern sie ihn auch mit jenem Ernst, mit dem man stets den Scherz behandeln soll, sie hätten neuerdings Schritte gethan, um seine Erhebung in den Grafeustand zu erwirken, und da es unter seinen Intimen sehr hochgestellte Herren gibt, klingt selbst ein solcher Scherz gewissermaßen schmeichelhaft. ,Graf Cohn*, das ginge allerdings etwas weit, obgleich es in Frankreich sogar einen ,Duc de Levy* gibt, der übrigens nicht aus Palästina stammt, sondern einem allerchristlichsten Geschlecht des Fauburg Saint-Germein angehört. Selbst im democratischen Italien gibt es nur einen Cavaliere Levi, welcher Professor der Kinderkrankheiten an der medicinischen Schule in Florenz ist, aber keinen Baron Cohn, wie im conservativen Preußen. Auch die Orden, welche Baron Cohn besitzt, sind gar nicht gewöhnlicher Art. Er besitzt den Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Clasie, ferner bayrische, dessauische, coburg'sche und badische Großkreuze, endlich, was das Ungewöhnlichste ist, das Commandeurkreuz des Hohenzoller'schen Hansordens, eine Auszeichnung, die ganz besonders kennzeichnend ist für die Gunst, in welcher der Hofbankier an allerhöchster Stelle steht. Welches Erstaunen schauerte durch Berlin, durch ganz Preußen, als Baron Cohn diesen Orden bekam, und zwar, was die Verleihung noch sensationeller machte, gleichzeitig mit Herrn v. Puttkammer, dem Vizepräsidenten des Ministeriums! Ja noch mehr, der Baron besitzt sogar ״einen Orden, der nur in einem einzigen Exemplare" vorhanden ist. Selbst Heraldiker und Hoskalender-Capacitäten dürften das nicht sämmtlich wissen, und doch ist dieser Orden ein preußischer, oder vielmehr die ad hoc geschaffene Variante eines solchen. Als nämlich der (damals noch nicht barouisirte) Bankier von König Wilhelm IV. seinen ersten Orden erhalten sollte, hatte der Monarch das Zartgefühl, sich die Frage vorzulegen, ob sich das auf dem Ordenszeichen vorkommende christliche Kreuz mit dem unchristlichen Glaubensbekenntnis des zu Deeorirenden vertragen würde. Er verneinte diese Frage, wusste aber sofort Rath und entwarf eigenhändig eine colorirte Zeichnung, welche jenes Ordenszeichen mit der königlichen Namenschiffre an Stelle des Kreuzes darstellte. Nach dieser Zeichnung wurde die Deco