Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 33 (20.10.1886)
- Date
- 1886-10-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 der Ueberzeug»ng zu gelangen, dass er, in unbegreiflichem Unverstand die Axt an seinen Lebensbaum gelegt .hat. Noch ist es Zeit zur Umkehr, und die traurigen Folgen der bisherigen Fehler können noch gut gemacht werden, wenn die Schläfrigen und Lässigen endlich aus ihrer Apathie erwachen und die Tüchtigen und Erprobten unter uns sich zu gemeinsamer Thätigkeit zusammcnschaaren. Schließlich sei es mir noch gestattet, einige Worte an meine Vereinsgenossen zu richten. Bereits ein Zahr ist verflossen, seitdem der Vorstand die Sammelbögcn ausgesandt, und ein großer Lheil der Collcgen hat dieselben unberücksichtigt gelassen. Diese Pflichtvergesseuhcit ist um so strenger zu rügen, als auf diesem Wege die raschere Gründung eines Pensions- und Unterstützungsfondes ermöglicht werden sollte. Jeder hole darum das Versäumte nach, und der Vereinsvorstand wird es gewiss auch nicht unterlassen, den bisherigen Resultaten durch Wiederaufnahme der Sammlungen in der Residenz noch weitere Erfolge anzureihen. * Gksailgs-Briefe. (Fortsetzung.) Eine zweite Beschäftigung, die der Stimme auf die Länge sehr schädlich wird, ist das anhaltende laute Vorlesen. Eine schöne Stimme muß saftig sein. Die Kehle ward von der Natur mit einer Feuchtigkeit versehen, die zur Saftigkeit des Tones beiträgt. Es entsteht ein zu schnelles Verzehren der Feuchtigkeit, wenn kurz vor dem Gesang der Sänger viel und mit Feuer spricht; dann fühlt er das Bedürfnis zu trinken. Doch ist mir bis jetzt noch kein Trank bekannt, - der der Kehle diese geschmeidige, reine Feuchtigkeit, wenn sie aufgezehrt ist, ersetzen könnte, die den Ton weich und frisch unserer Kehle entlockt und zu des Hörers Ohr überträgt. Eine gute Brust fühlt es zwar nicht, dass die vervielfältigten Athemzüge bei anhaltendem Lesen oder Neben dem Organ eine Art von Austrocknung bereiten, die bei schwacher Brust leicht zur Auszehrung führt; doch diese anhaltende übermäßige Consumtiou der Theilcheu, die zur Erhaltung eines schönen Organes dienen, macht die Stimme trocken, herbe und schreiend. Die zu vielfältige Bewegung in den Theilen des Gaumens, der Kehle und des ganzen Mundes verursacht eine Erschlaffung, die der Singstimme alle Energie raubt. Dieser Mangel an Elasticität hält oft mehrere Tage au; und dauert die Ursache feines Entstehens fort, so gleicht bald die Stimme einer abgenutzten Maschine. Ich komme mit Wehmuth auf eine Art von Stimmen- Verderbnis, von der ich wünsche, dass siekeine unserer Schüler möge kennen lernen. Des Schicksals sanfte Leitung führe sie nicht Menschen entgegen, die sich berufen fühlen, ihnen diese Erfahrung angedeihen zu lassen — sie heißt lange Trauer und tiefer Gram. Wenn augenblickliches Wohlbefinden und Frohsinn der Stimme den hohen Glanz, das Glockenartige der Harmonika geben, so hat das Gegentheil eine eben so starke Wirkung. Bei einer unangenehmen Gemüthsbewegung gleicht die Stimme einem angelaufenen Spiegel. Aergernis, oder die weichere Stimmung der Seele, Gram, ziehen die Kehle zusammen. Zurückgehaltene Thränen drücken sie krampfhaft in einander und verhindern des Tones freien Weg. Daher ist nichts widersinniger, als ein übellauniger Singmeister, der die Zöglinge ans eine unbescheidene, äffende Weise behandelt, um ihnen gute Töne abzulocken. Langer Gram scheint die Stimme wie im Nebel zu verhüllen. Thränen sind ihr höchstes Verderben; täglich wiederholte Thränen und feue leidende Stimmung, wo sich das Auge trübe schließt und aus unruhigem Schlummer noch trüber am nächsten Morgen wieder hinaufblickt, vernichten sie. Es mag schwer sein zu bestimmen, wie es zugeht, dass die stille Trauer des Gemüthes des Menschen Stimme zu Grabe bringt, und vielleicht haben nur selten Zergliederer diese Wirkung bemerken können, da sich ihre Kunst nur auf leblose Körper anwendet, und der Schaden durch die Wiederherstellung der moralischen Ursache auch physisch wieder gut gemacht wird, wofern er nicht zu weit ging. Was ich hierüber sage, ist aus dem praktischen Leben gezogen. Nehme Jedermann diese Erfahrung zum Vortheil seiner Zöglinge an; sie wird theuer erkauft und beweist mir aufs neue, wie sehr die Singstimme mit dem moralischen Menschen verwandt ist, und dass sie ein halb geistiges, halb körperliches Wesen ausmacht, nach dem man nicht allein den Menschen in mancher Rücksicht psychologisch richtig beurtheilen kann, sondern der auch mit seinem Wohlbefinden genau harmonirt und ihm seine Winke gibt, deren Befolgung ihn dahin führt, wo ihn Rückblick auf seine Natur und seine Vernunft sonst hinzusühren pflegen. Es können den bewaffnetsten Menschen Umstände treffen, die sein Herz nie vorher ahnte, wo ihm, ohne den Ausdruck wie eine poetische Floskel zu gebrauchen, Schlangen unter Rosen entgegen lauerten; er kann es nicht hindern, .langen tiefen Gram über bitter erlittenes Unrecht zu empfinden. Aber es steht noch bei ihm, sein besseres Wesen aus dem ihm bereiteten Untergang zu retten, wenn er den ,Muth hat, sich einer schleichenden Trauer, einer welkenden Melancholie zu entziehen, die mit seinen geistigen und körperlichen Kräften ihm die Thatkraft zu allem Großen und Edeln, sowie das Organ seiner. Energie, die Singstimme, raubt. Erhöhte, vermehrte Thätigkeit, näheres Anschließen an die wohlwollende Natur, die kein Geschöpf drückt und das fügendliche G.emüth wieder mit dem Menschen aussöhnt, sind die besten Tröster für die trauernde-Seele und die sichersten Hersteller des vorigen Frohsinnes. Mit ihm kehrt ja auch seine Verkündigerin, die befreundende Stimme wieder. Es bleiben noch einige Punkte zu berühren, die nicht gerade für den Schüler gehören, ihm aber erst nützlich werden, wenn er einst als gebildeter Sänger auftreten sollte. Diesem kann es nicht mehr genügen, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein, denn der Zweck seiner Kunst geht mit dahin aus, auch Anderen durch sie Vergnügen zu machen. Er muß die Momente genau kennen lernen, in welchen der Erfolg gesichert wird, denn es kann keinem nachdenkenden Sänger unbekannt bleiben, dass die Würdigung seines Talentes eben so sehr von der Stimmung des Gemüthes bei den Zuhörern, als von seiner eigenen Kehle abhängt. Es gibt Stunden, die dem Sänger zur Uebung besonders vortheilhaft sind; andere,, die es zur Ausstellung seiner Kunst, als vollendetes Kunstwerk werden. Die Stunde vor dem Früh-- stück gehört ausschließlich zu ersteren; doch immer sei sie von der Bemerkung geleitet; dass der Sänger nicht mit rollenden Passagen sein Tagwerk für die Stimme anfange. Durch langsame, anhaltende Töne bringe er jedesmal wieder das Organ in Bewegung. Diese tägliche Gewohnheit reinigt die Kehle und sichert dem Sänger für den ganzen Tag eine klare Stimme, die so mancher Sänger durch Husten und Räuspern, bevor der Gesang anfängt, abstumpft, indem er die Kehle damit erhitzt. Bei vollem Magen, in großer Hitze, bei Hellem- Sommermittag zu singen, ist ein ebenso undankbares Unternehmen für den Sänger, als für den Zuhörer. Es gibt Horen, die so ent