Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 32 (8.10.1886)
- Date
- 1886-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453076--1880-3456069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Das Bewußtsein der Notbwendigkeit einer kleinen Septime bei dieser Gruppe des traditionellen Synagogengesanges seitens des Autors zeigt sich auch ganz zweifellos bei den folgenden Nummern 16, 17, 19. 20 des Abendgebetes für Freitag Abend, wo namentlich bei der jeweiligen Wiederkehr des Borueh ato, adonoj die kleine Septime C-B ihre strenge Anwendung findet; die Änsangkphraie bei Nummer 20 uw’zel k'nofecho würde durch Benützung des B anstatt H wesentlich gewinnen; übrigens kann dieser Umstand auch übersehen worden sein, da ja schon im 2. Tacle beim Worte schom’renu das wesentliche B wieder verzeichnet erscheint. Noch mehr! Die daraus folgende Nummer 21 Weschom’ru tragt gau:, dem Althergebrachten widersprechend, das Gepräge der Adonoj moIoek-Tonarl mit dem Halbton von der 6. bis 7. Stufe. Hätte es der Componisi über sich gewonnen, die fünf zufällig verminderten Töne (Es) den 19 streng leitereigenen Tönen (E) gegenüber — welches Vorkommnis schon an und für sich sofort anffallen muß — zu elliminiren, die ganze Nummer besäße das unangetastete Gepräge der Adonoj molovb-Tonact. Dieser neue Gesichtspunkt, das Wesckomeru ebenfalls in der Adonoj rnoIook-Tonart zu intourren. muß nicht blos gut geheißen, sondern als einem gereiften Künstterbewu'slsein entstammend insofern Eingang bei unserem Synagogengesange sinden, indem der Charakter sämmtlicher Necitaiive nnd Intonationen des Freitag Abend-Gottesdienstes hiedurch streng wissenschaftlich gezeichnet und eiliheitlich gefügt erschiene. Ganz zweifellos ergibt sich die Anwendung des Adonoj wolook-Sieiger beim Cantorrecitativ Ato nlgleso Nr. 196. Bietet schon die Mannigfaltigkeit der verwendeten Tonarten für jede Abtheilung der Necitationß-Grnppe Malehios, Sichronos nud Schofros den erschöpfenden Beweis für die fachmännischeminente Verarbeitung dcs zu behandelnden Stoffes, so begrüßen wir den Umstand um so freudiger, dass Lewandowski für die musikalische Bearbeitung des Ato nigleso nach alter Gepflogenheit die Töne des Adonoj rnoloek-Steiger verwendete. Der Componist bezeichnet das Tonstück allerdings mit zwei Kreuzen, als ob dasselbe in der üblichen V-Vur-Touart gehalten wäre, allein schon im ersten Tacte begegnet er der Nothwendigkeit, von der 6. bis 7. Stufe einen Halbton eintreten zu lasten nnd muß daher das früher als wesentlich hingestellte 018 nach 0 uuflösen. Westen Obr musikalisch scharf und wer die bestrickende Schönheit der Adonoj molook-Weise erfassen gelernt, der ist von der exotischen Tonwirknug gleich des ersten Tactes vollkommen gefangen nnd bedarf erst nicht dcs Hinweises, dass Lewandowski im Laufe der Nummer die 14 Mal vorkömmliche erhöhte 7. Stufe (018) nur viermal als solche bcibehält, dafür jrdoch 10 Mal das 0 zur Anwendung bringt. Doch wir müssen es auch an dieser Stelle betonen, dass, wenn der Componist, selbst von der Anwendung dieses viermaligen' 018 Umgang genommen hätte, das Tonstück eine wirkungsvollere Färbung be> käme. Das nur einmal auftretende, leiterfremde B statt H beim Texte wajech’rad kol 1100m muß entschieden als beabsichtigte Zeichnung des Schreckens oder Verblüffens, welche Tendenz ja in den angeführten Textesworten ruht, gedeutet werden; normal hätte dieser einmalige, leiterfremde Ton gewiss keine Berechtigung. Der Totaleindruck der Nummer 196 jedoch ist die des Adonoj rnoloek-Steiger, und die Piece erweist sich nicht nur als wirkungsvolle VortragSnummer für Cantoren, sondern Hauptsächlich als trcff!iches Vorlegeblatt für Cantoratselcven, die nicht immer nur zu copiren, sondern auch durch selbstständige Arbeit den eigenen Flügeljchlag an dem einfachen, stylgerechten und würdevollen Kunstproducte eines Meisters zu versuchen, gedenken. Auch die.Töne der Mögen cnvans-Steigerscala sinden bei Lewandowski vielseitige 'und zweckdienliche Verwendung, Wajecktdluh und Mögen owaus, Jischtakach, TaU und Geschein, Hoschanok sind in der Mögen oveans-Tonart (äolisch) gearbeitet. Wo es nur einigermaßen angeht, verschmäht es Lewandowski, die Ursprungssorm der Scala anzntasten; so kommt beispielsweise in den beiden auf der O-Basis äolisch gearbeiteten Nummern 88 und 89 das sonst übliche Lewitonlnm Bl nicht ein einziges Mal vor, und wir müssen es mit Nachdruck als eine zielbewusste That hinstellen, dass der Componist in Nr. 84 bei der dem Worte ־vvesehiroso vorausgehenden Passage Es, D, 0, B nnd auch bei der Melodie für weschiroso selbst das in Vvrbeterkreisen beliebte H umgeht und zur strengen Wahrung der Form, lieber auf einen hergebrachten Effect verzichtend, es bei dem leitereiguen B bewenden lässt. Ganz unbegreiflich erscheint uns daher das Vorkommcil des Lemitonlum H in Nnmmer 26 ^Vajeeknlln. Dasselbe kommt in der ganzen Nnmmer allerdings nur viermal vor, während das B seine Berechtigung durch ein 34maliges Auftreten bekundet, demnach die Angelegenheit als überhaupt gar nicht discntirbar erscheinen dürfte; allein zur Erläuterung der schwebenden Frage dürfte es doch gestattet sein, die Nothwendigkeit dieses selbst nur viermaligen Vorhandenseins eines leiterfremden Tones zu erfragen, Das Semitoninm soll die leichtere Modulation nach einer andern Tonart ermöglichen, und als solcher Nothhelfcr wurde es von den Musikern vergangener Jahrhunderte nach vielen Kämpfen gestattet, um dann später, namentlich in der Harmonie, seine ihm zuerkannte Stelle vollberechtigt einzunehmen. Der verehrte Meister und jeder nach Wahrbeit strebende Fachgenosse schlage nun mit uns Nummer 26 in kol rinnak utefillah ans und prüfe genau, welche Modulation der Componist mit dem Eindringling M beabsichtigt. Das allererste Mal begegnen wir ihm auf der letzten Silbe des Wortes wekannoroh, Seite 20, Zeile 6. Kann das H wirklich als Leitton nach 0 betrachtet werden, da doch die ganze Nummer auf der O-Basis ruht, demnach einer leichten Anbahnung gar nicht bedarf, oder ist die zu erzielende Wirkung der Musikphrase von El eljon abgeschwächt,' wenn bei wekannoroh das leitereigene ß bliebe? — Oder ist die nur durchgehende Note Bl beim Worte koneh (dieselbe Zeile) wirklich so unumgänglich nölhig, dass es sich verlohnt, ein Princip anzntasten, oder gar, erweist sich die am Schlüsse der Nummer auf dem Texte mekaddesek liaschabbos befindliche Tonillustration wirklich als eine solche, die das H nicht entbehren kann? — Möge der verehrte Meister diese viermal auftretende 7. Stufe in ihrer Ursprungssorm belassen, er dürfte sich überzeugen, dass das Tongemälde hiedurch nicht allein an Wirkung unbeeinträchtigt bliebe, sondern an Styl und und Form wesentlich gewänne. Diese Auseinandersetzung hat bei Weitem nicht den Zweck, Meister Lewandowski einen Vorwurf zu machen — denn gerade der Hinweis aus das nur viermalige Vorkommen des unberechtigten und leicht auszuscheidenden BE zeigt ja zur Genüge, dass die Nummer 26 so wie die früher bezeichneten aeolisch gearbeiteten Nummern geradezu formvollendet zu nennen sind — als vielmehr auch an dieser Stelle den Beweis zu erbringen, dass es den Einzelnen mit Nichten gestattet werden kann, willkührliche Halbtöne einzuschieben, dass vielmehr dieser Gegen^ stand von berufenen Fachgenossen reiflich überlegt und von diesen insgesammt ein System ausgestellt werden müffe, welche Halbtöne erlaubt und welche vermieden werden müssen. (Fortsetzung folgt.)