Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 30 (16.9.1886)
- Date
- 1886-09-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Zuhörermasse verhindern die Ausdehnungen der Schwingungen, -weiche dem Tone.seine Schönheit geben. Die kühle, aber trockene - Luft, in einem, nicht engen Räume, wo der Sänger, etwas entfernt vom Zuhörer, sich selbst frei fühlt, ist seinem Organe am vortheilhaftesten. Man pflegt ihn daher in Concerrsälen zu erhöhen, damit sich der Ton der Stimme in dem Raume über den. Zuhörern, ausdehnen könne; denn es wird dem Sänger sehr beschwerlich, in einem zahlreich besetzten Concertsaale, ohne diese Erhöhung, gegen die gewandreiche Menge.zu. singen- Freilich bleibt es wahr, dass, um die schönsten Töne einer vollen Stimme aufzufassen, der Zuhörer nicht niedriger,-sondern etwas höher als der Sänger sich besinden sollte, wo .er dann, wie in einer besseren!Region, die geläuterten Töne frei von jedem Zusatze der Maschinerie des Athemnehmens, der Bewegung der Sprachwerkzeuge unbeeinträchtigt vernehmen würde. Daher gewinnt , die Stimme so sehr in gut gebauten Theatern, wo der Sänger, etwas über die große Menschcnversammlung erhoben, seine schönsten Töne ungehindert zu den Logen senden kann. Unser Piano-Forte pflegt an einer Wand angelehnt zu sein; der Sänger, wenn er ohne weitere Begleitung singt, sitzt dann daran und sendet seine Töne gegen die tapezierte Mauer. Dem Anfänger schadet dies, weil er dadurch außer Stand gesetzt ist, feine eigene Stimme׳.zu beobachten, wie er es leicht thun würde, wenn er in einem erweiterten Raume sänge, wo die Ausdehnung im Widerhall das Fehlerhafte der Töne, sowie ihren Wohllaut verstärkt hören lässt. Der sorgsame Schüler suche daher einen. weiten Raum, wo er in der Nepercussion seine eigene Stimme belauschen könne; und der seine Kunst ausübende Sänger, dem diese Stellung des Instruments gleich nachtheilig wird, da die schönste Stimme ohne den nöthigen Raum zur Ausdehnung ihren .Klang unnütz verschwendet, verschaffe ihm einen zweckmäßigen Platz, sollte er auch in der Mitte seines Zimmers sein. Aus diesen Beobachtungen ergibt es sich, wie unangenehm winkliche, verbaute Zimmer und Concertsäle dem Sänger als Hörplätze sein müssen. Augenblicklich veranlasster Frohsinn, ein angenehmes Ereignis, durch dessen Einwirkung sich unser Wesen einer hohen Lebensfülle bewusst wird, die Gegenwart von theuern, lieben Menschen: .alles dieses sind Zuthaten, die sich vereinigen können, dem Organe und dem Gesänge eines guten Sängers einen seltenen Reiz zu geben. Die Masse der Zuhörer ahnet die Veranlassungen nichts aber ihre Zauber empfindet sie darum nicht weniger-. Von solchen Zufälligkeiten hängt oft der bekannte Ausspruch ab, wenn man hört: , Er oder Sie waren heute gut oder nicht gut aufgelegt. Ein sehr eingreifendes, augenblickliches Hindernis, die von Natur schöne und durch die Kunst wohlausgebildete Stimme geltend zu machen, liegt in der Furcht, die namentlich so manches Mitglied des weiblichen Geschlechtes ergreift, wenn die nämliche Stimme, die sich in der Sprache täglich vernehmen lässt, nun im Gesäuge ertönen soll. Diese Feindin des schönen Gesanges versetzt oft in die traurigste Gemüthsbewegung, drückt die Brust und Kehle zusammen, nimmt dem Tone der Stimme die Weichheit des Anklanges, macht ihn heiser, oft auch kreischend; sie wankt, die Intonation wird aus dem Mittelpunkte gehoben, und anstatt einer guten Sängerin, wenn sie allein ist, findet man nun in Gesellschaft eine sehr schlechte, der man gern den drückenden Anblick einer geängstigten Person schenken möchte. Dieser Furcht kann nur - gänzlich in der ersten Zugend durch eine liberale Erziehung entgegengearbeitet werden, wo das junge Mädchen mit der zarten Schicklichkeit lernt, die unbefangene Offenheit in, sein Betragen zu verweben, und nur unter ihrer Obhut sich zu benehmen weiß. Diese Vereinigung entspringt aus eigenem Wohlwollen, das nie etwas Arges ahnt, und aus Anspruchlosigkeit, die nie um das Gefallen ängstlich wird. Man lasse die junge Anfängerin schon früh das Wenige, was sie kann, im geselligen Kreise, einigen Musikfreunden vortragen; man lehre sie dies auf eine bescheidene Weise thun. Sie wisse, dass es wohlwollende Menschen gibt, die so gern angehende Talente ausmuntern und sie daher .gern anhören, wenngleich das, was sie jetzt leisten, noch wenig Lvb. noch weniger Bewunderung verdient. Ich würde einsichtsvolle Menschen bitten, meine Zöglinge nie unverdienter Weise zu loben, aber sie jedesmal so auszumuntern, dass sie auf das fernere Ziel ihrer Vervollkommnung aufmerksam gemacht würden, damit sie ihren Weg zwischen der anmaßlichen Keckheit, wo uns oft unleidliche Stümper stundenlang, ohne es einmal zu ahnen,'martern, und dem fchüchternen Wesen nehmen, die durch unzeitige Blödigkeit die Vervollkommnung und Ausbildung ihrer Talente verhindern. Durch frühe Mittheilung müssen sie von ,Hier gilt nur mein Gesetz!" ,Me das?" ,Ich lade Dich für morgen Abend auf das Schloss; am Fuße des Berges will ich Dich erwarten!" Und das Mädchen schlug die Hände vor's Gesicht: ,Ich erkenne Dich . . . . ich sah Dich einmal hoch zu Roß, .als Du dahinzogst, um Theodora's Hand zu erwerben . . . Du bist mein Kaiser!" ,Ein armer Kaiser, dem hunderttausend Herzen entgegenschlagen, und dennoch keines entgegenschlägt!" ״O, Du wahrhaft armer Kaiser!" ,Hast Du Mitleid mit mir? Ich will Dich dafür geleiten." Wer hat sie hergeweht? Wie ist ihr Name? Leider gibt uns die bulgarische Geschichte keine Auskunft. Der ganze Zauber morgenländischer Schönheit lag über ihr ausgcgossen, und sie - musste wohl die Sinne des Bulgaren-Kaisers für immer fesseln. -Er war gebildet und suchte eine Seelenschwester . - . - und sie? Sie war wohl aus dem.sagenumsponneneu Toledo, dem Hauptsitze jüdischer Dichtkunst und Gelehrsamkeit, nach dem Osten verschlagen worden, ein Samenkorn, bestimmt, in einem Herzen, .das dem ihren ähnlich war,, duftend aufzugehen. Belauschen wir doch das merkwürdige Liebespaar aus dem mondbeglänzten Balkon des Schlosses. Alexander hatte die verhaßte Rumänin in ein Kloster verwiesen und hielt nun flüsternd seine Geliebte umschlungen. Unten liegt die schlafende Czarenstadt; das Wantraflüsscheu stürzt sich, leise rauschend, über das Felsgestein, rothblutige Orleanderbüsche senden ihre Düste empor, die hochragenden Pappeln halten geheimnisvolle Zwiesprache mit dem Nachtwind und aus dem fernen Süden flimmern die mit Schnee bedeckten Balkonspitzen herüber. Was mögen wohl die Beiden in Hellen Nächten geplaudert haben? Sie erzählte ihm von der großen Vergangenheit ihres Volkes und vom tiefen Sturze desselben; sie berichtete ihm von der hohen Blüthe jüdischer Poesie in Spanien und der Provence und senkte ihm die Klänge eines Iehuda Halevy in das empfangliche Herz. Er mag wohl erstaunt aufgehorcht haben; die seine Sinne durch ihre Schönheit gefesselt, gewann sein Herz durch ihre seltene Bildung. (Schluss folgt.)