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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-09-16 · Heft 30 (16.9.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 30 (16.9.1886)
Date
1886-09-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 finbltcbeii modernen Nccitativen an, so dass wir uns der Noth- Wendigkeit cnchoben sehen, jedes einzelne anzuführen; nur einem derselben müssen wir nock unser Augenmerk zuwenden, und zwar dem Nt-cirarive mah. god'lu ma'asecho adono]. Diele Nummer bildete den Gegenstand arger Angriffe und Lästerungen gegen deu verehrten Componisten, ja einer dieser Gegner ließ sich in jugendlicher Begeisterung sogar zu dem Ausspräche Hinreißen, die Lewandowski'schen Melodien ragen über die Qualität gewöhnlicher Studentenlieder nicht hervor. Stammte dieser Ausspruch aus der Gesinnung eines Laien, wir nähmen Anstand, hierüber nur ein Wörtchen zu verlieren; doch es war, wenn auch nur ein junger, dennoch ein — Fachgenosse, der dem zur Zeit bereits hochverdienten Componisten solche ungerechtfertigte Vorwürfe entgegenbrachte, um — nun, um sich bei einem anderen verdienstvollen Manne in Gunst zu setzen. Möge dieser Fachgenoffe diese seine in jugendlichem Eifer veröffentlichten Schmähungen vor seinem eigenen Gewiffen rechtfertigen, vor dem Forum der Wiffenschaft zerstieben dieselben wie Spreu vor dem Winde. Der einzige Vorwurf, welcher der Lewandowski'schen musikalischen Bearbeitung des rnab god'lu rua'aseobo-Necitativs gemacht wurde, liegt in der meliSmatischen Verzierung der Worte rselr baar 10 jedo und watorem kire’em karni, und wir gestehen, dass diese Musikolüthe seinerzeit uns selbst etwas absonderlich dünkte; allein die Aufgabe eines gcwiffenhaften Kritikers ist es keineswegs, nur die Uuschönheiten einer Composition ängstlich aufzusuchen, sondern vielmehr auf die Schönheilen derselben aufmerksam zu machen. Wie wäre es denn, wenn LewandowSki durch die Einflechtung dieser meliSmatischen Figur seine Vorliebe für deu sigurirten Gesang beim modernen Recitative kundzngeben beabsichtigte? Können und dürfen wir — und wenn wir auch seine Anschauung nicht theilten — ihm deshalb solch' unerhörte Vorwürfe machen, wie es seinerzeit geschehen, oder haben wir vielmehr nicht die Verpflichtung, uns in die Arbeiten eines sonst verdienstvollen und für sein Fach gediegen vorbereiteten Mannes zu vertiefen, die ungewohnten, außerhalb der bisherigen Gepflogenheit liegenden Spenden seiner künstlerischen Bestrebung zu studiren, um vielleicht hiebei etwas zu lernen und unseren eigenen Gedankenkreis zu erweitern? — Wie wäre es, fragen wir weiter, wenn LewandowSki die Textes- Worte i8ck baar 10 jedo uch’sil 10 jowin es 808, die ja Unverständnis und Beschränktheit außdrücken, recht charakteristischmusikalisch zu zeichnen beabsichtigte und in dieser Absicht jene auffallende Figur binzeichnete? Vielleicht erschiene dann gerade diese tändelnde Weise für die Worte isch baar ueb'sil als der Ausfluss eines Haarschars urtheilenden Geistes, der die menschliche Beschränktheit und Engherzigkeit, welche diese beiden Worte ausdrücken, musikalisch wiederzugeben sich bemüht. Zn der Art und Weise, wie wir urtheilen, in der Wahl unserer Ausdrücke, in der Härte oder Zartheit unserer Kundgebungen, kurz in der ethischen Form unserer Kritik liegen keineswegs die Vorzüge oder Mängel des zu behandelnden Gegenstandes, sondern durch diese offenbart sich zumeist u n s e r e eigene Gesinnung, unser Bildungsgrad, unsere Reife für die Urtheileberechtigung, und so hat jener jugendliche Stürmer durch den Vergleich der Lewandowski'schen Melodien mit Studentenliedern viel weniger die Lewandowßki'sche mustkalische Muse als vielmehr seine eigene musikalische Jndividualität blosgelegt. Mit dem Ausdrucke ,Studentenlied* wollte Zener eine gewisse Schlüpfrigkeit, Leichtfertigkeit und Alltäglichkeit, die den Lewandowski'schen Melodien anhaften sollen, kennzeichnen, allein er blieb mit seinem Urtheile ganz gesondert, indem daS Gesammturtheil aller übrigen Fachgenossen in den Lewandowski'schen Gesängen nur Würde und Heiligkeit, ja in vielen seiner Compositionen geradezu eine Hoheit des melodischen Ausdruckes constatirte. Ist eS denn nölhig, fragen wir, dass, wenn Jemand beispielsweise einen Trauungsgesang componirt, er alle möglichen Musikformen herbeizieht, wie gemischten Chor, Orgelbegleitung, Soloqaartett, Baritonsolo und, um noch mehr zu imponiren, die Begleitung für großes Orchester setzen lässt? Erscheint ein solcher Vorgang nicht dem ängstlichen Bemühen einer zweifelhaften Schönheit gleich, die durch Schminke und alle erdenk, lichen cosmetischen Mittel die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken sich bemüht? — Die wahrhafte Schönheit verschmäht solche Nothsignale, weist jedwede auffallende Gewandung zurück und wirkt in ihrer Einfachheit dennoch mehr und nachhaltiger, als jene, die mit Gewaltmaßregeln zu imponiren gedenkt. Eine solche einfache Schönheit ist die Lewandowski'sche musikalische Muse; sie drängt sich nicht aus, um der großen Menge zu gefallen, sie will in ibrer stillen Abgeschiedenheit aufgesucht sein, und wer selbst die Eignung besitzt, das Einfach- Schöne, d. h. die ästhetischen Bedingungen einer musikalischen Kunstform zu erfassen, der wird den Lewandowski'schen Melodien, und zuvörderst denen seiner modernen Recitative, die spontane Anerkennung gewiss nicht vorcnthalten. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) XIV. Aie Schicksale des Tempels und Jerusalems. Nicht eine Beschreibung des Tempels nach seiner inneren Einrichtung und äußeren Lage; nicht eine geographische Schilderung der Hauptstadt des alten jüdischen Reiches wollen wir den Lesern dieses geschätzten Blattes vvrführen, das ist jedem Bibelkundigen bekannt: sondern, wie die Aufschrift dieses Aufsatzes bezeichnet, wollen wir die Geschicke und Wandlungen der hochheiligen Stätte Gottes und deren Wallfahrtsortes, worin sie sich befand, nach den besten Quellen in gedrängter Kürze darstellen. Als der Mensch Wobuungen für sich erbaut hatte, errichtete er auch Tempel für seine Götter. Die Nothwendigkeit gesellschaftlkcher Vereine bedingte diesen Umstand. Furcht, Hoffnung und das Bedürfnis der Glückseligkeit führten die zerstreuten Wesen zusammen, und ein Altar, welcher Aberglauben ihn auch umschweben mochte, war der erste Mittelpunkt, um den sich ein gesellschaftlicher Verein bildete. Der Boden Egyptens war bald mit Tempeln bedeckt, ohne dass die allgemeine Freiheit daraus Vortheil zog. Der Staat Israels sollte nur einen Tempel, den Palast des Nationalgefetzes haben, welchen die Priester, die Vorsicher des Cultus und der hohe Rath der Volksalten gemeinschaftlich innehatten. Dieser eine Tempel nöthigle die Bürger, sich jährlich dreimal, an den hohen historischen Feiertagen, in die Hauptstadt zu begeben, die nicht sehr entfernt von den Grenzen des Staates war; er unterhielt fortwährende Verbindungen zwischen dem Mittelpunkte und den äußersten Theilen des Staatskörpers und sicherte endlich das Abhalten allgemeiner Versammlungen, in denen sich die Bürger der einzelnen Stämme kennen lernten und verbrüderten. Was die Liebe für das allgemeine Wohl nur unvollständig zu Stande brachte, wurde durch die

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