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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-09-08 · Heft 29 (8.9.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 29 (8.9.1886)
Date
1886-09-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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lien vorzutragen verstände, die in seiner Muttersprache gesetzt werden; ja cs wäre selbst in der Unmöglichkeit, seine Fortschritte in der Singknnst über eine,gewisse Stnse auszudehnen, wenn er nicht in die Geheimniße des Zaubers, den die Italiener ansschließlich'Ln hohem Grade besitzen, cingcweiht wäre. Ein, im ganzen Sinne des Wortes, guter Sänger, von welcher Nation er auch sei, muß die Meisterwerke der tongebenden Nationen, der Italiener, Deutschen, Franzosen und Engländer kennen, um in ihren originellen Geist einzudringen. Dieser Geist steht mit ihrem Charakter, dieser Charakter mit ihrer Sprache im genauesten Verhältnis, -- und es erweitert nicht allein diese vorausgesetzte Kenntnis der verschiedenen Nationalmnstk seinen musikalischen Gesichtskreis, sondern auch das Gebiet seiner wissenschaftlichen Bildung durch Sprachstudium, Menschen- und Völkerkunde. Jede der genannten Nationen besitzt Meisterwerke, und wenn sie nicht alle gegenseitig anerkannt sind, so liegt es verrnuthlich, wie der Autor des Saggio sulla publica educatione sagt, mehr in der Unkunde des gegenseitigen Verdienstes, als in dem Mangel an Gererechtigkeitsliebe, dieses anzuerkennen, wenn man cs entdeckt. Wir wünschen, dass unsere Zöglinge mit der Zeit den Unterschied im Vortrage bei der verschiedenen Nationalmusik kennen lernen, um sie dereinst selbst ganz geltend zu machen. Dazu mag ihnen folgendes so lange dienen, bis dass sie durch eigene Erfahrungen und die Hörung solcher Sänger, die den Nationalgeist in jeden Gesang zu legen wissen, den wahren Schlüssel zu jenem cigenthümlichen Geiste finden, der wirklich in den besten Werken der verschiedenen Nationen athmet. Der Vortrag italienischer Musik heischt am meisten Kunst, die sich durch Fertigkeit der Kehle und Fülle der Ersindung hervorthnt, weil ihre Melodie und Sprache leicht ist, und selten genug ausfüllcu. Der Vortrag deutscher Musik verträgt weniger Schmuck- Es bleibt dem Sänger bei der reichen Begleitung und Bearbeitung bet Harmonie, so wie durch die Beschwerlichkeit seiner Sprache weniger Willkühr, die Kunstfertigkeit seiner Kehle zu üben und zu zeigen. Der französische Vortrag leidet durchaus keine Verzierungen. Französische Musik durch italienischen Vortrag verbrämt, verunstaltet die Composition. Lässt der Sänger aber jede Zuthat weg, hebt er durch das Gefühl und feine deutliche Anssprache den Gesang, lässt er die Leidenschaft nie zur Schreierin werden und hat ,er ein ganz richtiges Ohr für kurze und lange Silben, so wird er selbst die französischen Sänger übertrcffen. deren beste Tousctzer oft den Accent auf die falsche Silbe legen, indem sie die lange Note auf die kurze Silbe, oder die kurze Note auf die lange Silbe fetzen, einen Fehler, den ein denkender Sänger nicht zu Heilen braucht, hätte ihn auch der größte Tonsetzer niedergc schrieben. (Fortsetzung folgt.) Napoleon der I. und die Juden. (Aus ״The jewish Herald“). Wir müssen früher einen Rückblick auf den Zustand der Juden in Frankreich, ehe Napoleon auf der Weltbühne erschien, werfen. Zur Zeit der Revolution übertraf die Zahl der in Frankreich wohnenden Juden nicht 50.000 Seelen. Ihr Zustand war nicht sehr befriedigend, es wurde ihnen in vielen Ortschäften nur in beschränkter Zahl zu domiciliren erlaubt und die Bevölkerung war gegen sie feindlich gesinnt. Es ist daher kein Wunder, dass der Demolkrung der Bastiile-,in.,Paris, in den Provinzen und besonders in Elsaß E.rcesfe gegen Inden folgten. Solche Ereigniße lenkten jedoch, die öffentliche Ausmsrksamkeit ans die Judenfrage und hatten zur Folge, dass dieselbebeim National-Convente zur Sprache kam. - Man hätte von Männern, deren erster Grundsatz, ,Freiheit, Brüderlichkeit und... Gleichheit" lautete, erwarten sollen, dass sie ihr Votum sofort, zu Gunsten der Gleichberechtigung der Juden abgeben würden. Allein das geschah keineswegs, denn, wenn es auch Mäuner-gab, wie Mirabeau, Nobespierre, Deport und besonders Gregoire, ein katholischer Priester, welche .die Petition - der :Juden um Emancipation kräftig unterstützten, so gab es doch eine große- Zahl anderer Mitglieder des Convents, welche äußerst heftig dagegen stimmten, und das Resultat blieb, dass die Frage-beseitiget, und die Debatte hierüber aufgehoben werde, bis erst׳ am 27. September 1791. vor der Auflösung des Conventes- Deport eine Motion eingebracht hat, dass alle legislativen. Beschränkungen der Inden eufgehoben und ihnen alle Bürgerrechte verliehen werden mögen. Diese enthusiastisch aufgenommene Motion veranlasste sogleich am folgenden Tage die Einbringung eines Gesetzes, welches die Zulassung der Juden als Bürger Frankreichs aussprach. Am 13. November desselben.Jahres gab Ludwig der XVI. demselben seine Sanktion, und es erfolgte endlich in -Frankreich die Beseitigung der bürgerlichen Unfreiheit der Inden. So standen die Sachen, als Napoleon der I. 1804 den Thron bestieg. Es scheint, dass die Juden:das Vertrauen, welches man zu ihnen hegte, rechtfertigten, denn sie identificiren sich aus jede Art mit den nationalen Interessen. Einige, zeichneten sich in der Armee ans und erreichten hohe Stellungen Andere widmeten sich den Gewerben mit Auszeichnung, und Niemand hatte Ursache sich zu beklagen. Bloß in Elsaß wollte das Vorurtheil gegen die Juden nichtschwinden. Zwar schien während des Sturmes der Revolution, wo sowohl Christen als Juden viel zu leiden hatten, der Hass beseitiget,: faunt aBer wurde die Ordnung wieder hergestellt, als gehässige-, Klagengegen die Inden in allen Orten erwachten. Es zeigte sich, dass, die während der Revolution von der Leibeigenschaft befreiten Bauern von Inden Geld geliehen hatten, um sich billiges Land und Geräthsckasten zu kaufen. Zwar ließen sich Letztere fürihre Vorschüsse Interessen zahlen, jedoch waren, die Zinsen, keineswegs so hoch, um den enormen Gewinn der Bauernschaft in Frage zu ziehen und es wurde, berechnet, dass - in-wenigen: Jahren, das ländliche Eigenthmn der Elsäßer Bauern bis auf 60 Millionen Francs gestiegen war, und dass bloß der sechste׳ Theil hievon den Juden gehörte, welchen dieselben.für ihr- Geld zu nehmen gezwungen waren, da sie ihre Capitalien gar nicht, oder nur sehr schwer rückerhalten - und nicht einmal die Zinsen eincassiren konnten. Als nun während des Krieges ungeheuere Conseriptionen .stattsanden und viele Pächter vom Pfluge zum Heere abgernsen wurden: flel ein Theil ihres Eigcnthums den jüdischen Gläubigern zu. Dieses machte böses Blut und gab ihren 'Feinden Gelegenheit gegen sie aufzutreten. Es wurden ihnen alle Arten von Verbrechen, Erpressung und Bereicherung durch Wucher zur Last gelegt, und die Unduld. samkeit verbreitete sich zusehend. Am meisten traten die Straß- Bürger Bürger als Verläumder auf, und wendeten alle Mühe an, um die Juden aus ihrer Mitte zu vertreiben, und doch ist es authentisch bewiesen,.,dass unter den Einwohnern Straßburgs sich kein einziger jüdischer Wucherer befand, sondern lauter, respectable Leute, welche sich auf redlichster Art ernährten. Als Napoleon anno 1806 Straßburg passirte, brachten die dortigen Bürger ihre Klagen vor, nämlich, dass die Juden ihre

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