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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-09-08 · Heft 29 (8.9.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 29 (8.9.1886)
Date
1886-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Diese Eindrücke begleiten den Menschen dnrch's ganze Leben, nnd erblickt er einmal selbst im Drange der Geschäfte und Sorgen irgendwo ein Gotteshaus, so taucht die Erinnerung aus der Kindheit vor ihm auf, er fühlt das Verlangen wieder dasselbe zu besuchen. Vor wie vielen Thorheiten nnd Uebereilungen schützt manchmal solch' ein Tempelgang! Der Zeitgeist, die vorgeschrittene Geistesentwickelung erfordern unsere jetzigen Reformen und bürgen für den Fortbestand deS JudenthumS. Als ich in diese Gemeinde vor einem halben Jahre kam, sah ich mit Entsetzen in den Schulen, dass erwachsene Kinder vom hebräischen Lesen nichts—verstehen, weil sie es eben zu mangelhaft oder-gar nicht gelernt haben und auch keine Vorliebe dafür bisher hatten. Nun aber kann ich mit Freude und Genugthuung constatiren, dass es in der ganzen Gemeinde kein einziges Kind gibt, welches nicht vollkommen fließend betet, die Uebersetznng der wichtigsten Gebete versteht und dem das Eeremoniell der Fest- und Feiertage fremd wäre. Die Eltern sagen mir es oft, dass ihre Kinder den Religionsunterricht ihren Lieblingsgegenstand nennen. Mit Freude ist es hier auch wahrzunehmen, dass der Jude hierorts eine geachtete Stellung unter seinen Mitbürgern einnimmt und dass unsere Institutionen allgemein geachtet werden. Anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers, als die festlich gekleidete, jüdische Bevölkerung dem Festgottesdieuste beiwohnte, fehlten auch die Spitzen der Behörden nicht nebst einer ansehnlichen Anzahl von Bürgern und einer andächtigen Volksmenge. Einige Tage später, als aus Anlass der Enthüllung eines Kaiser-Josef Denkmales die Stadt ein Jubelfest begieng, war unter den ersten Corporationen auch der Präses der israelitischen Gemeinde und meine Wenigkeit an der Spitze unserer Deputation, welche den unbestritten schönsten und prachtvollsten Kranz der Verehrung auf die Stufen des Monumentes niederlegte, eingedenk dessen, dass Kaiser Josef unfern Bann und geistigen Druck gebrochen und uns den Weg zur Freiheit und Menschenwürde ebnete. Dass die Kuppel unseres herrlichen Tempels am Abhange des historischen Gablenzberges weithin im Lichterglanze erstrahlt, verdanken wir ja auch der von ihm angebahnten und von unserem gütigen Kaiser Franz Josef weiter eröffneten Frekheitsbahn. Erwähnenswehrth ist auch der Umstand, dass die Gemeinde ihren Prachttempel herstellte, ohne die Mithilfe anderer Gemeinden in Anspruch zu nehmen, auf Gottes- und ihre eigene Hilfe bauend, und auch schon den Grund reservirt hat zum Baue eines eigenen Gemeindehauses. Gottes Segen walte ferner über diese Gemeinde und ihre gottgefälligen Unternehmungen! Trauten au, 3. September 1886. I. StranSky. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung.) Ein anderes Erfordernis für den Sänger und namentlich für den gottesdienstlichen Sänger ist der gute Vortrag deS Reeitativs, welches bei weitem mehr Schwierigkeit hat, als eine Arie mittelmäßig zu singen. In dem Ariensache verdeckt sich die Mittelmäßigkeit. Ein leidliches Organ, das eine gefällige Com- Position vorträgt, macht dem Laien Vergnügen, und der Kenner hält ihm manches zu gute. Nicht so bei dem Recitativ. Es wird feilen von den Sängern leidlich gesungen, weil das Mittelmäßige schon zum Schlechten gehört. Dies ist eine Lücke, die selbst bei denen, die übrigens nicht zu den verwahrlosten Sängern gehören, sehr dürftig gefüllt bleibt. Daher mag sich wohl der Abscheu deS Publikums rechtfertigen, der sich bei allen Gelegenheiten gegen die vervielfältigten Nccitative erklärt, die freilich, schlecht vorgetragen, ein belangweilendes Mittelding zwischen Rede und Gesang scheinen, da doch das Recitativ seiner Natur zu Folge die schönste Würze des Vortrags wird. Es gibt nur eine Art, daS Recitativ gut vorzntragen, und jede andere zeigt sehr bald, wes Geisteskind sich in das Gebiet wagt. Bei dem Ariengesange darf man es dem Sänger verzeihen, wenn er dem Wohlklange seiner Töne ein Theilchen der Deutlichkeit in der Aussprache der Worte opfert, besonders wenn er in einer scharf zu articulirenden Sprache singt; obgleich ein wesentlicher Theil seines Studiums auf die Vereinigung der oft schweren Aufgabe gerichtet sein soll, wo der Sänger die höchste Deutlichkeit der Aussprache gewinnt, ohne den schönen Klang seiner Stimme zu beeinträchtigen. Bei dem Recitativ ist es aber Pflicht, umgekehrt zu handeln und willig den singenden Ton zu opfern, um sich so sehr als möglich der wirklichen Rede zu nähern, ohne jedoch aufgehört zu haben zu singen. Hier entsteht aber gerade die Schwierigkeit, weil sich der Sänger seines ganzen Tonumfanges, seiner goldreinen Intonation, seiner richligen Deelamation, seiner guten Aussprache und seines innigen Gefühls bewusst sein muß, um mit der nöthigen Freimüthigkeit ein Necitattu vorzutragen. Eben durch diese Ungebundenheit des SängerS zeigt er seine Stärke, sein musikalisches ä. plomb, den feinen Tact deS Gefühls und der Kunst, die ihm keine Beispiele auf dem Papier verdeutlichen und eigen machen. Das Recitativ ist nicht schwer durch das, waS von ihm auf dem Liniensystem geschrieben steht, sondern durch das, was der Sänger hinzufügen soll. Da gibt es eine große Anzahl Accente, Aspirationen, Anklänge, Vorschläge und Nachschläge, die viel zu ätherisch sind, um sie niedergeschrieben lernen oder lehren zu wollen. Wer kann Len Vogel lehren, die Schwingen zu heben? Wer das leise Säuseln der Pappeln, oder das Rauschen dem Bach? Ein Vogel lehrt es den andern, ein Frühlingshauch den andern. Ein sorgfältig erzogener Sänger, der sich viel übt und nur dann und wann einen guten Sänger hört, findet von selbst in seinen Tönen die leisen Abstufungen des Gefühls, die im Recitativ die Wahrheit des Ausdrucks bezeichnen. Es gab eine Zeit, wo die italienischen Tonsetzer ihre Recitalive mit wenig Sorgfall behandelten und sie selbst zu solchen Opern, die übrigens von guten Meistern gesetzt waren, für ein Paar Zechinen von einem sogenannten Nusstro hinzufügen ließen. Aber diese Vernachlässignng konnte man ihnen bei dem Umstande wohl nicht übel nehmen, wo es unter ihren Zuhörern guter Ton war, nur gewissen Arien und Duetten die Aufmerksamkeit im Theater zu schenken, und sich die übrige Zeit in den Logen mit dem Spiel der Karten zu unterhalten. Doch zeigen manche treffliche Scenen großer Tonsetzer, dass dies nicht allgemein der Fall war, und dass berühmte Männer ihre Größe auch im Recitativ beurkündeten. Man verlangt von einem guten Sänger, dass er jedes ihm übertragene Musikstück, das übrigens für sein Organ passt, mit dem ihm zukommenden Vortrage singe und seinen eigenihümlichen Geist auffasse. Damit setzt man aber auch voraus, dass er ein gebildeter Mensch sei, weil dieses Auffassen der Eigenthumlichkeit in einer ineinandergreifenden Reihe von Kenntnißen und Beobachtungen besteht. Ein Sänger wäre äußerst beschränkt, wenn er nur die Tonsetzer seiner Nation zu würdigen, und nur diejenigen Musika-

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