Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 29 (8.9.1886)
- Date
- 1886-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2׳ eine Schmälerung seines Einkommens, der Zweite hielt es für unwürdig, für den Verein zu betteln — die Herren in Wien können es wohl thun — der Dritte wollte früher einen Pensionsfond haben — woher denn, wenn nicht jeder Einzelne etwas beiträgt? — und ein großer Theil, ja die Mehrzahl, lässt den Bogen schön ruhig liegen und ist, trotzdem sie keinen Willen hat, für den Verein zu sammeln, nicht einmal dazu zu bewegen,. den leeren Sammelbogen an den Vorstand zurückzusenden. Herr College Auspitz in Horic wird uns hier einwenden: Za dies sind die natürlichen Folgen der unseligen Zerklüftung, und das hat der Vorstand allein zu verantworten! Daraufhin wollen wir ihm den Ausspruch eines seiner Gewährsmänner, an deren Zurückhaltung er die Stagnation erkennt, vorführen. Der betreffende College schreibt in Nummer 38 der Cantoren-Zeitung, Jahrgang 1884, also schon nach der Prager Affaire, unter dem Titel ,Die nächsten Aufgaben des österr.-ungar. Cantoren-Dereines': ,Alle Anerkennung den Leistungen des löblichen Vorstandes in Wien, aber genügen darf uns seine alleinige Thätigkeit nicht. Wir müssen auch selbst viribus uuitis unsere Thatkraft beweisen, um unsere Vereinsmittel und andererseits unser Ansehen zu hebend Der Mann, der diese Aeußerung grthan, kennt die Verhältniße in der Provinz sehr gut und hatte auch des Oefteren Gelegenheit, in die Thätigkeit der Centrale Einsicht zu nehmen und ihre Intentionen kennen zu lernen. Beides muß vorausgefetzt werden, will man ein zutreffendes Urtheil und nicht eine von Gefühlen geleitete Kritik erwarten. Kritisiren, über Stag- Nation Klagen, sich zurückziehen nud in Unthätigkeit verharren, ist am Ende sehr leicht, aber selbst Hand anlegen und den festgefrornen Karren wieder in Bewegung setzen, ist schwer und erfordert die vollste Hingebung zur heiligen Sache. Zn dieser Beziehung hat der Vorstand niemals seine Pflicht vergeflen und er würde cs gewiss mit Freuden begrüßen, wenn er in seinen Bestrebungen die Unterstützung sämmtlicher Collegen in der Provinz fände. Hoffen wir, dass der nächste Cantorentag alle Mitglieder im Wettkampfe um die Förderung der Znteresien unseres Vereines sinden wird. Nach dem Gesagten könnten wir es füglich unterlassen, auf die Aeußerungen des geehrten Herrn Collegen Auspitz betreffs der Cantoren-Zeitung zu reflcctiren, da Cantorenverein und Cantoreuzeitung so eng mit einander verquickt sind, dass all' dasjenige, was auf den ersteren einen schädlichen Einfluss nimmt, auch die letztere in Mitleidenschaft zieht, und umgekehrt. Wir fühlen uns jedoch verpflichtet, für einen Theil unserer Mitarbeiter öffen tlich in die Schranken zu treten. Wir sind stolz darauf und halten es für eine Errungenschüft der österreichisch-ungarischen Cantoren-Zeitung, dass seit Bestehen derselben das Verhältnis zwischen Nabbinen und Cantoren sich in vielen Gemeinden gebessert, hat und eine schroffe Stellungnahme, namentlich aber die pnblicistischen Angriffe der Nabbinen gegen die Cantoren, wie sie früher an der Tagesordnung waren, jetzt zu den Seltenheiten gehören. Als Ausdruck dieser harmonischen Einigung einerseits, und andererseits weil den Herrn Nabbinen in dem nichtgesanglichen und streng wiffenschaftlichen Theile so mancher liturgischen Frage ein gewichtiges Votum zukömmt, haben wir ihre Mitarbeiterschaft in unserem Blatte jederzeit freudig begrüßt und wollen es auch in Zukunft so halten. Wir können den Vorwurf derUeberhäufung mit ,Luxusartikeln' um so ruhiger ertragen, als es ja dem Herrn Collegen Äuspitz beliebte, der Discussion einer streng cantoralen und nur von den hervorragendsten Fachgenossen behandelten Frage, die in der letzten Zeit zum größten Theile die Spalten unseres Blattes füllte, dasselbe Epitheton beizulegen. Aus der Proviiy. Seit Langem schon wird vielseitig über den Verfall des Zudenthums geklagt und im Zusammenhänge damit über Undankbare, schlechte Stellungen im Dienste der Gemeinden. Wie erfreulich und erhebend ist cs nun andere Wahrnehmungen und Erfahrungen zu machen in einer neuen, jungen Gemeinde, in einer Stadt, in welcher vor 30 Jahren kein Jude übernachten durste. Auf dem ansehnlichsten, schönsten Punkte, hoch erhaben, von herrlichen Gärten und Fichtenhainen umrahmt, steht nun in der hiesigen Sradt seit Jahresfrist ein Tempel, der dem Nahen und Fernen mahnend und anziehend zuwinkt, zum Lobe und zur Anbetung Gottes einladet und nicht zuviel ist cs gesagt, wenn ich behaupte, dass es keinen Bürger, keinen Arbeiter, kein Kind in der reich bevölkerten Stadt gibt, dem der innere Raum des Tempels fremd wäre und das nicht schon dem Gottesdienste'beigewohnt hätte, dass kein Fremder die Stadt verlässt, ohne erst den Tempel besichtigt zu haben. Doch nichts Berückendes, Farbenschimmerndes' bannt den Blick des Eintretenden, gerade die gewählte, einfache Ausstattung gibt demselben ein so schönes Gepräge. Dieser Wirkung widersteht auch Niemand, und. so kommt cS, dass besonders an jedem Freitag Abend, wenn durch die hohen Bogenfenster des im maurischen Style erbauten Tempels die Lichter erstrahlen, eine förmliche Wallfahrt nach dem Tempel beginnt, so zwar, dass ein großer Theil der Tempelbesucher aus Christen besteht. Sie versammeln sich gleichzeitig mit den Juden und verlassen am Schlüße mit denselben die heilige Stätte, und allen sieht man au der an dächtigen und würdigen Haltung an, dass der Eingang des Sa bbathes und die Weihe desselben ihnen Achtung und Andacht einflößt. Das Schöne und Erhabene übt eben seine unsichtbare Macht auf Alle aus. Alles lauscht auf die schönen Gesänge, welche aus den Kehlen eines aus Damen und Herren der besten Kreise bestehenden gemischten Chores ertönen, unterstützt und begleitet auf der Orgel, welche der allgemein geschätzte und um die Gemeinde wohlverdiente Präses, Herr Isidor Mautner, spielt; derselbe ist unermüdlich bei allen Proben auf seinem Platze, ein schönes und begeisterndes Beispiel allen anderen Mitgliedern gebend. Nicht Eigennutz eifert all' diese an, ihr Bestes zu leisten, sondern das Streben, die Goltesverehrung würdig zu vollziehen in dieser herrlichen Andachtsstätte. Wahrlich, wer noch behauptet das Judenihum sterbe ab, der komme in eine solche neue Gemeinde und er wird die freudige Wahrnehmung machen, dass es an neuen Stätten wie des- Phönix aus der Asche verjüngt und veredelt hervorgeht. Der Umstand, dass auch unsere Schuljugend vollzählig bei jedem Gottesdiensteerscheint und dass auch Kinder im zarten Alter an der Hand der Eltern freudig dem Gotteshause zueilen, bürgt dafür, dass in dieser dem. Zeitgeiste angemessenen Form das Jntereffe für das Judenthum lebendig erhalten, und der Gottesdienst immer neue Anhänger haben wird: denn selbst dem unmündigen Kinde wie dem Andersgläubigen wird es klar, dass diese erhabenen Melodien, die gefühlvollen Necitationen zur Ehre eines höheren Wesens gen Himmel emporsteigen, und dies der schönste Ausdruck der Goltesverehrung ist. Unwillkührlich prägen sich solche Tempelbesuche dem Kindesgemüthe ein, ein unbestimmter Begriff, eine Ahnung des wahren Gottes dämmert in ihm auf, und so wird der Boden urbar, auf dem dann die ersten Keime des Unterrichtes leichter gepflanzt werden | und feste Wurzeln fassen.