Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 28 (31.8.1886)
- Date
- 1886-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wenden wir uns an Bibel und Talmud, so finden wir da die einfache, richtige und wahre Bedeutung und Bestimmung der mosaischen Stistshütte. Von mehreren Stellen, die uns darüber Aufschluss geben, wollen wir nur einige ansühren: ,Sie sollen mir ein Heiligthum errichten und ich werte-in ihrer Mltte wohnen.* (2. M. 25, 8). Ich wohne in der Mitte Israels und sie werden erfahren, dass ich der Ewige ibr Gott bin, der in ihrer Mitte wohnt, ich, der Ewige, ihr Gott (2. M. 45, 47.) Beziehen wir hierher noch die anderen Angaben über die Erscheinung der Gottesherrlichkeit in der Stiftöhüite bei Tag in der Wolke und des Nachts durch Feuerglanz, die Offenbarung der Lehren an Moses in derselben, so ist kein Zweifel, dass die Stiftshütte die stete Gottesgegenwart in ihrer schützenden Gestalt symbolisch darstellen soll. Das Gefühl der Goltesnähe in seinem veredelnden Einfluss auf den Menschen im Volke zu befestigen und stets in ihm wach zu erhalten, war allein der Grundgedanke dieser Institution nach der Bibel. Viel weiter wurde diese einfache biblische Idee in den nach, biblischen Schriften gedeutet und entwickelt. Philo sagt: Wie die Welt der Urtempel Gottes ist, so soll die Stistshütte ein Abbild dieses Urtempels sein. Die heiligen Farben sind die vier Elemente; die Cherubim die schaffenden Grunokräfte in Gott; der Leuchter mit den sieben Lichtern die sieben Planeten; der Näucheraltar ist die Erde rc. Nach Zosephns (Aut. 3, 7.) war das Allerheiligste das Bild des Himmels, das Heilige des mittleren Raumes, und der Vorhof, das der Erde. Im Talmud haben wir Deutungen, welche die Stistshütte in den Jahren schwerer Verfolgungen gern zur Unterlage ihrer Trost- und Aufrichtungs- Worte an das Volk machten. Nicht in philosophischer Weise, sondern auf recht volkslhümlicke Art wird sie als Repräsentation der Gottcsgegenwart erklärt. Nach (Tanchuma zu Pekude) soll die Stistshütte die Schöpfung, wie sie in den sechs Schöpfungstagen durch Gott geworden, darstellen. So rcpräsentirt der Vor-! Hang den Himmel; das Wasserbecken das Meer; der Leuchter die HimmelSlichter; die Cherubim mit ihren Fittigen die Luftthüre mit ihren Flügeln; die Erwählung Ahrons als Priester, die Schöpfung des Menschen; die Weihe der Stistshütte, den Segen Gottes über Adam und die Schöpfung. Andere sehen in der Sliftshntte die symbolische Gestalt des Gotteslhrones, oder als Abbild des Gotteslempels im Himmel (Nabba 2. M. 32.) In Bezug auf die Angabe des Gotteswohnens in der Stittshütte lesen wir folgende interessante Stelle (Rob. 1. M. Parsch. 4.): ,Ein Cuthäer fragte den Rabbi Meir: Ist es möglich, dass der, von dem es (JereM. 23, 24.) heißt: .Fülle ich nicht die Himmel über die Erde', mit Moses ,zwischen den beiden Stangen der Bundeslade' gesprochen haben soll? Der Rabbi entgegnete: ,Bring mir einen Vergrößerungsspiegel und sieh mit deinem Gesichte hinein. Er that cs, und sah sein Gesicht groß. Bringe mir nun einen Verkleincrungsspiegel. Er that es und sah sein Gesicht klein. Wenn schon Du, begann nun der Rabbi, ein Wesen aus Fleisch und Blut, Dich verändern kannst, wie Du willst, bald groß bald klein Dich zeigen, um wie viel mehr der, welcher sprach, und die Welt ward. Der, welcher Himmel und Erde füllt, wie er will — konnte auch, wie er wollte, mit Moses zwischen den beiden Bundesladenstangen sprechen'. Wir führen zum Schlüsse dieses Artikels noch eine Deutung über die Stistshütte, die als Gelungendfts von allen genannt werden kanu, nach (Nab. 2. M., Cap. 34, mit Bezug auf die Bibelstellen, Ps. 121, 4; Ezecb. 34, 31; Jes. 5, 7; 5. M. 14, 1.): Gott sprach zu Israel, Du bist dis Heerde, Und ich der Hirt, der ich Dich weiden werde. So richtet auf hier in der Wüsten Mitte Dem Hirten, d'rin er weilet, eine Hütte. Du bist, sprach Gott, mein Weinberg und mein Garten, Ich bin der Wächter, will der Früchte warten; So bauet auf dem Wächter denn ein Zelt, Darin er Tag und Nacht die Wache hält. Ich bin der Vater, ihr der Kinder Schaar. Und liebevoll euch heg' ich immerdar; Es weilt der Vater gerne bei den Seinen, Und gern die Kinder sich dem Vater einen. So sollet ihr ein Hans dem Vater gründen, Dass bei den Kindern stets er sei zu finden. W.r (Fortsetzung folgt.) Eillgeskndet. | Sehr geehrter Herr Nedactenr! Von einer längeren Ferienreiie ins Ausland heimgekehrt, finde ich in Nr. 24 Ihres geschätzten Blattes die gereizte Explication des Herrn Obercanror Singer auf meine Necension seiner .Tonarten' im ,Züd. Litkeraturblatte'. Er geht dabei so weit, dieselbe als den Anflnss einer ausgesprochenen Gehässigkeit gegen seine Perlon hinzustellen und mir Dinge zu impntiren, deren Begründung man in der Necension vergebens suchen wird; Dinge, die ich um so energischer von mir weisen muß, als sie mir von Herrn Singer in ganz unqualificirbarer Weise angedichtet werden. Eigendünkel, feindselige Handlungsweise, Entstellung von Tbatsachen, die Fähigkeit einen achtbaren Collegen zu verkleinern, find Epitheta, von denen ich mich frei weiß und nur tief bedauern kann, dass Herr Obercantor Singer sich zu ihrem Gebrauche har durreißen lassen. Von seiner Vorrede ausgehend, babe ich in meiner Necension gesagt: ,Um dem Compositionsgelüste seiner Collegen entgegenzutreleu und ein möglichst einheitliches synagogal-liturgisches Gesangssystem anzubahnen, bemüht sich der Verfasser u. i. w.' Herr Odercantor Singer nennt das eine Entstellung der Thatsuchen, indem er glauben zu machen sucht, oais ick damit etwas gesagt hätte, was in der Vorrede nicht vorhanden wäre. Nun heißt es dort wörtlich: . . Dieses Compositionsgelüste brachte es zu Wege, dass beinahe jede Synagoge der Gegenwart ihren eigenen GesangstypuS trägt. Wobin soll das führen? — Jedenfalls zu noch umfangreicherer Zerklüftung. Dieter entgsaenzutrelen und ein möglichst einheitliches synagogal-liturgisches GeiangsiyNem anzubahnen . . ., das ist der Zweck der nachstehenden Erörterung.' Ich frage nun, ob sich nicht das Compositionsgelüste mit der Zerklüftung deckt. Wenn das Composillonsgelüste die Zerklüftung herbeiführt und der Verfasser di ser enkgegenarbeiten will, so muß er doch wobt in erster Nelbe dem Comvosirionsgelüste entgcgenarbeiten. von welchem er die Zerklüfkung herleitet. Konnte ich nicht da im besten Glauben!ein, das wieder- .zugeben, was der Verfasser gesagt? Oder ha! H׳rr Mnfikdireclor: Lewandowski, der die'en Passus ebenso wie ist auffa!Ste, auch nicht zu leien verstanden oder gar dis Tbaliachen entstellt? Herr Odercantor Singer weist dann den ,patbeiiichen Ton' von sin. Ich glaubte aber einen in gesperrter Schrift getvanen Ausruf: ״Wer kann und darf es nur wagen" patheilsch nennen zu cülsen.