Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-08-23 · Heft 27 (23.8.1886) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 27 (23.8.1886)
Date
1886-08-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453044-3453071--1838-3456022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Den Theil des Vortrages, der als Modeartikel eilige führt wird, muß der Schüler, um der Vollständigkeit seiner Kenmnis willen, aber nicht um ihn unbedingt im Gesänge auzubringen, unterscheiden lernen. Er wird es leicht, wenn er oft Virtuosen zu Hören sucht und jedesmal mit sich zu Nathe geht, was sie Nachahmungswerthes hören ließen. Hat man den Zögling früh -gewöhnt, das Gehörte aufzufassen und leicht in seinem eigenen Schatze aufzubewahren; weiß er mit dem offenen Sinne für den wahren guten Geschmack, für Ausdruck und Simplicität, das abzusoudern, was dagegen streitet: so wird ihm der Gesang ׳jedes guten Säugers, in Hinsicht auf Methode, neue Ausschlüsse geben, und mit der Zeit kann er sich auf diesem Wege einen .Vortrag bilden, der für jedes Land und jeden Zuhörer, dem es nicht um eitles Ohrengeklingel zu thun ist, eigenen Reiz bietet. Lhm diese Formen der Zierlichkeit vorzuschreiben, und guten ״Erfolg davon zu erwarten, hieße ohngefähr, einem schlechten Schriftsteller vorrechnen wollen, wie viel Zeit-, Nenn- oder Vindungswörter zwischen zwei Punkte gehörten, um eine schöne Schreibart hcrvorzubringen. Er lese Göthe, Lessing und Wieland; .bildet er sich unter dieser lebendigen Leitung nicht, so wäre der lobte Unterricht ohnedem unnütz. Wir leben jetzt gerade in Ansehung des Vortrages in einer Art׳ von Verderbtheit des Geschmackes, auf die man dm Schüler .besonders aufmerksam machen muß, um ihn davor zu bewahren; denn eS ist der Beruf des wahren Künstlers, sich ihr, so lange es möglich bleibt, zu widersetzen. Sie entsteht aus dem 1mmliehen Grunde, woher wir nicht selten in unserem Anzuge Modetrachten aufnehmen, die der Ersinderin vielleicht sehr gut, Den Nachahmerinnen aber sehr schlecht stehen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik Wien. (Orig. Corresp) Sonntag den 8. August fand inr Schifftempel ein ^22,'1 für mehrere in jüngster Zeit Heimgegangene, hervorragende Nabbinen und Talmudgelehrte Ungarns statt. Die Namen der Verstorbenen stnd: Rabbiner Ehaim Hirsch Mannheimer in Ungwar, Rabbiner Joel Ungcr in Paksch, Rabbiner Ehaim Sofer in Pest, Salomon Ganzflied in Ungvar, Rabbiner Jesakas Baker« in Potok und Rabbiner Pinchas Stein in Kun St. Miklos. Zu dieser Feier hatte sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefundeu. Rabbiner I. B. Kohn, der Schwiegersohn des Herrn Rabbiner Sal. Spitzer, hielt die Trauerrede, die bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck zurückließ. Hieraus recitirte Cantor I. Wittmann das ei molelr rkrelaaraina in sehr rührender und erhebender Weise, womit die Feier ihren Abschluss sand. Lemberg, 16. August. Am Vorabend des vorigen Samstag hat sich hier vor dem isr. Tempel ein fürchterlicher Vorfall zugetragen. — Die Tempelverwaltung hat nämlich Herrn Ob.-Cantor H. Halpern aus Cherson in Rußland für den Vorabend dieses Samstags zur Probe eingeladeu, und es war eine nicht unbedeutende Maffe versammelt, um den rümlichft bekannten Cantor zu hören. Als der Tempel bereits überfüllt war und der die Ordnung haltende Polizeiagent dem ungestüm vordringenden Publicum keinen genügenden Widerstand leisten konnte, bat er bei der nächsten Kaserne um Verstärkung der Mannschaft. Sofort kam ein Lieutenant an der Spitze von 21 Mann herbeigeeilt, auf dessen Befehl dis Soldaten die Versammelten im wüthendften Sturme auseinandertrieben. Der plötzliche Vordrang der Soldaten hat nicht blos das 2—300 Mann starke Publicum fürchterlich überrascht und sogar größtentheils mit schonungslosen Hieben verwundet, sondern auch viele harmlose Passanten traf dasselbe Los. Diese ungegründete Wuth der Soldaten konnte die bittersten Folgen haben, wenn nicht zufälligerweise der Major Getzner vorbeigegangen wäre, den Wüthenden ein donnerndes ,Halt!* und bald darauf ein Der K'hillemewrn. Von A. Mrk- II. Motto: Gott behüte mich vor meinen Freunden. Es war an einem heißen Julitage, als ich in B. eintreffend, mich um die Verhältniße des dort ausgeschriebenen -Cantorenpostens erkundigte. Der scheidende Cantor, dem ich hiermit unter Einem meinen wärmsten Dank ausgesprochen Haben möchte, war zur Zeit noch anwesend und stand mir in liebenswürdigster Weise rathend zur Seite. ,Sie müssen* —so sagte er, und so wurde mir auch von anderer Seite gerathen, ,wenn sie hier reussiren wollen, ,Wolfele Tausendkünstler* unbedingt für sich gewinnen*. ,Wissen Sie lieber College, wer Wolsele Tausendkünstler ist? Nein? Nun dann wohl Ihnen. Ich aber weiß es leider und werde Sie sofort ausklären. Wolfele Tausendkünstler ist .mein Berels Nr. 2, und was Wolfele noch ist, davon später*.. Auf den wohlmeinenden Nath des liebenswürdigen Collegen suchte ich nun Wolfele auf, trug ihm mein Anliegen vor und Dat ihn, mich seiner Gönnerschaft zu würdigen. ,Wenn Sie singen können daun ja*, sagte Wolfele und .-ein Lächeln, das dem Mäckern einer alten Gats glich, wurde Dabei hörbar. Mit diesen Worten nahm er mich an der Hand und führte mich zum Cantor, um mich, wie er sagte, singen zu Hören. Auf dem Wege dahin erzählte er mir, dass er die Ge- -meinde gegründet, geregelten Gottesdienst eingeführt, die Canloren abgerichtet und sie zu Menschen gemacht habe, und dass er eben im Begriffe fei, daselbst eine behördlich concesfionirte Cantorenfchule zu creicen. ,In Wien* ließ er sich vernehmen, ,wollen sie auch eine Cantorenschule errichten, aber ich wüsste nicht, wer die Lehrer sein sollten, Sulzer hat sich schon überlebt, Singer, Goldftein und Bauer brauchen selbst noch Lehrer, ich jedoch werde Ihnen zeigen, wie man Cantoren heranbildet*. Gleichzeitig kam Wolfele auf feine Compositionen und auf seine schriftstellerische Thätigksit zu sprechen, so dass es mir vollkommen klar wurde, es hier mit einem Berele in vielfach verstärkter Auflage zu thun zu haben. Unterwegs blieben wir unzählige Male stehen. Bald reclamirte eins Dame eine bei Wolfele in Reparatur besindliche Brosche, bald erbot derselbe sich, einer Matrone ein halbes Dutzend schadhaft gewordener Zähne durch gute zu ersetzen, einem alten Herrn versprach er, ihn durch eine geschickte Operation von den quälenden Hühneräugen zu befreien, und nachdem er einem alten Mütterchen eine von ihm verfasste Grabfchrift übergeben hatte, versprach er einem niedlichen Kammerkätzchen ein Gelegenheitsgedicht zu verfassen. Die sengenden Strahlen der brennenden Mittagssonne, welche ihre feurigen Pfeile auf uns herabsandte, schienen mir andeuten zu wollen, dass ich mit meinem Begleiter, dessen geniales Haupt nicht minder, wie das meinige, in Schweiß! gebadet war, noch einen heißen Kampf zu bestehen haben werde. Unter solchen und ähnlichen Gedanken gelangte ich, den sprndel» den Redestrom Wolfeles überhörend, beim Cantor an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.