Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 27 (23.8.1886)
- Date
- 1886-08-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Soll nun aber diese monumentale Bedeutung des Synagogengesanges für unsere Gesammtheit ein rechter Talisman sein, so dürfen wir sicherlich nicht bei dem Gottesdienste stehen bleiben. Das Gotteshaus füllt sich mit Erwachsenen, die bereits in ihrem Gedächtnis die verschiedenen Melodien aus früherer Zeit mitgebracht haben, um sie nun im Dienste des Herrn zu verwerthen. Darum soll vor Allem die Schule die stete, rüstige und gewissenhafte Pflegerin des u n g e s ch n ö r k e l te 11, tradit i 11 ט e II e 11 u n d modernen S y n a g o g e n g e s a n g e s sein und bl ei b en. Zeder Cantor und Lehrer müsste in der Schule wöchentlich 1 bis 2 Stunden mit seinen Schülern einfache entsprechende Gesänge ans dem Siddur ()pflter das Noten- Heft) für den Gottesdienst so lange einüben. bis sie ohne Anstoß und bemerkliche Dissonanzen gesungen werden. Man bleibe eonsequent bei den eingeübten Gesängen, bis die Gemeinde vom bloßen Zuhören sich dieselben angeeignet hat und sicher einstimmt. So werden sie sich am allerbesten wieder das Heimatsrecht im Tempel und in der Familie erringen. Später, nach und nach kann ia Neues oder Besseres eingeschoben werden. Der religiöse Gesang wird auch entschieden für das religiöse Element Gutes wirken, und sollte dieses wichtige Erziehnngsmittel in keinem Lehrpläne fehlen. Das melodische Wesen muß als ein wesentlicher Bestandtheil angesehen werden, auf dass sich erfülle das Wort des königlichen Psalmdichters. ״Mipi ollalim wejonekim jisadto 08". . . ״Aus dem Munde der Unmündigen gründet sich der Zukunft Macht". Bei reiflicher Ueberlegung wird die liberale, als auch die conservative Richtung dem ,Gemeindegesange' auf bezeichneter Basis ein geneigtes Ohr schenken. Er nützt der Zugend, indem sie gezwungen ist, eine große Anzahl unserer Gebetstücke sich zur Geläufigkeit einznprägen, wie der Gemeinde, welche sich hingezogen fühlt, dieselben mitzusingen, trägt deshalb bei beiden zur Belebung des Gottesdienstes bei und bildet auch für Viele ein untrügliches Gegenmittel gegen die einschläfernde Passivität. Er hindert das D u r ch e i n a n d e r-S ch r e i e n oder müssige Dasitzen und befriedigt auch selbst das Verständnisvollere Ohr durch den nothwendigen Tact und den häufigen Wechsel zwischen Chafan und Kahal und ist schließlich wohl auch der e i n z i g e W e g, die j n d i s ch e L i t u r g i e vordem drohenden Verfall in der Zukunft zu retten. Ich habe für heute nichts mehr hinzuzufügen und rufe allen Freunden und College» zum Schluss die erhebenden Worte des 66. Psalmes zu: ,Zauchzet dem Herrn, alle Lande, lasset zu Ehren seines Namens Lobgesang erschallen!" Ein Vorschlag. Nach fast sechsjährigem Bestehen des zur Verbesserung der Lage der Cantoren gegründeten Cantorenvereines dürften wir uns mit vollstem Rechte die Frage vorlegen, was ist bis jetzt geschehen, inwieweit sind die hochanstrebenden Zukunftspläne der Herren Gründer und Leiter unseres Vereines zur Verwirklichung gelangt? Mit hoffnungsfreudigem Herzen begrüßten insbesondere die Cantoren am Lande, über deren mißliche Lage nicht zu oft und nie zu viel unseren pecuniär und social ganz anders gestellten Herrn College« der Residenz und Hauptstädte geschrieben werden kann, einen Herein, dcsicn Hauptaufgabe darin bestehen sollte, ihre gegenwärtige ^Stellung zu heben-und ihre Zukunft zu sichern. Wie hoffnungsfreudig trat jeder, selbst der Unbemitteltste, dem Vereine bei, um seinerseits auch sein Scherflein zum großen EinhcitSbaue beizutragen. Und heute, nach kaum sechs Zähren, herrscht eine Apathie unserer Collegen gegenüber dem ganzen Vereinsinstitute, dass wir uns mit Recht fragen müssen, worin denn die Gründe dieser Sinnesänderung gelegen sind. Nach wie vor ist es das heißeste Streben eines jeden von uns, dazu beizutragen, dass in Bälde etwas für unseren leider von mehreren Seiten bedrängten Stand geschähe, cs muss also die Ursache ganz wo anders gelegen sein, und sie ist auch wirklich nur in dem Umstande zu suchen, dass eben bis jetzt beinahe nichts geschehen ist. Ein Geschehnis muss ich doch zu meinem größten Leidwesen registriren, das zwar nicht zu unserem Vortheile in Scene gesetzt wurde, dagegen in seinen Consequenzen vollständig geeignet ist, die ganze Mühe illusorisch zu machen. Nachdem der erste Cantorentag in Wien zufammenberufen wurde, nachdem nach größeren Kämpfen, über die ich in collezialer Rücksicht den Schleier der Vergessenheit decken will, die Vorstände für Wien und die einzelnen Kronländer gewählt wurden, da fassten wir Cantoren schon etwas mehr Zuversicht zu den Männern, die sich so warm unseres Wohles anzunehmen versprachen. Doch vom Versprechen bis zum Halten ist noch ein weiter Schritt. Die grausame Wahrheit dieses Spruches sollten wir leider bald erfahren. Zuerst leise, dann immer lauter, zuerst im Geheimen, dann in der Oeffentlichkeit suchten die Filialvorstände das Gebühren des Nesidenzvorstandcs und umgekehrt in den Augen der ob dieses Zwistes nicht sehr erbauten Mitglieder der schärfsten, schonungslosesten Hasskritik zu unterziehen, wo es hoch an der Zeit war, mit allen Kräften dem Elend der Cantoren entgegenzuarbeiten, vergeudeten die Herren ihre Zeit im Abfassen von Schmähschriften gegen einander, und seit diesem unerquicklichen Bruderzwiste ist unser Vertrauen auf ein ersprießliches Wirken des Cantorenvereines geschwunden. Wir sehen Männer wie Fränkel in Strakonitz. Stransky in Trautenau, Nosenfeld in Pifek, Schwarz in Mähr.-Weißkirchen, die früher mit vollstem Eifer die Feder zum Wohle ihrer Collegen, zur Hebung des Standes so oft in Thätigkeit setzten, feit langer Zeit schon nicht mehr unter den Mitarbeitern der Cantorenzeitung, und wo sonst die standesmäßigen Artikel dieser Herren Collegen, die warmen Worte der Prager Herren Cantoren uns beim Lesen den reinsten Genuss passender Lectüre boten, finden wir heute sehr lehrreiche Aufsätze der unterschiedlichen, uns so liebevoll und wohlgesinnten Herren Rabbiner, welche Artikel in der Wiener ,Neuzeit' sehr am Platze wären, für uns Cantoren aber sehr wenig Interessantes bieten können. Warum ziehen sich solche Männer, wie die obgenannten Herren Collegen, von uns und unserem Wirken zurück? Warum finden wir jetzt in jeder Nummer unseres Vereinsorganes außer den schon erwähnten Luxusartikeln nur noch Mahnungen über Mahnungen an Collegen, die sonst nie in der Erfüllung ihrer Zahlungsverbindlichkeiren säumig waren? Sie haben eben alle das Vertraen verloren, und wenn der Bestand unseres Vereines nicht vollständig in Frage gesetzt werden soll, so ist es einzig und allein vor allem Andern d i e Einigkeit, die unsere Herren Vorstände mit allen Mitteln wieder Herstellen müssen. Lasst ihn fahren den eitlen Stolz der Residenzpaschas und sucht Euch mit Euren Collegen aus der Provinz in dem edlen Streben um das Wohl des Vereines zu einigen, Ihr aber, geehrte Herren Collegen aus Prag, die ihr durch Euer mann- Haftes Auftreten am Cantorentage in Wien, durch Euer wohlbekanntes, rastloses Streben für das Wohl Eurer Collegen gezeigt