Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 27 (23.8.1886)
- Date
- 1886-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Basis geeinigt? Allein, selbst dann, wenn die wesentlichen Merkmale unserer Gesänge wissenschaftlich festgesetzt sein , werden, ist die Herausgabe einer Agende gegenstandslos, weil der jüdische Zukunftscantor seine amtlichen Kenntniße keineswegs einem ,Compendium*, sondern dem liefen Borne der Gesammtwissenschaft entnehmen muß, wenn er seine heilige Aufgabe erfüllen sott. Die Anbahnung eines einheitlichen Synagogengesanges kann und darf gleichfalls nicht compendiös sein und bei Weitem nicht als Concurrenzarbeit, also je von einem Einzelnen, behandelt werden; hiezu bedarf es der Mitthätigkeit aller, und zwar der besten Kräfte. Zur Lösung dieser Frage schrieb ich die Broschüre »Die Tonarten des traditionellen Gesanges*, nicht, wie mir vorgewarfen wird, aus Egoismus, Eigennutz rc., sondern nur im Dienste der heiligen Sache; zur Lösung dieser Frage ist von den Besten unserer Fachgenoffen eine öffentliche Discuffion eingeleitet werden, die den Gegenstand zum Theil schon gesichtet, das Uebrige jedoch auch nicht schuldig bleiben wird, und zur Lösung dieser Frage erlaube ich mir die Herrn Vorsteher des böhmischen Lehrervereins höflichst zu ersuchen, mit der geplanten Herausgabe einer Agende für jüdische Cantoren warten zu wollen, bis die schwebende Frage über Feststellung von Form und Styl der Synagogeugesänge gelungen sein wird, sich vielmehr, uns allen, die wir auf diesem Gebiete seit Jahren arbeiten, anzuschlreßen und das schwere Werk vollführen zu helfen. Sollte jedoch dieser berechtigte Appell ungehört verhallen, so bin ich der sichersten Ueberzeugnng, dass die gesinnungstüchtigen College« und synagogalen Componisten sich an dieser vom böhmischen Lehrervereine unternommenen, die jüdisch-cantorale Wissenschaft beeinträchtigenden, ja schädigenden Arbeit nicht bc״ theiligen werden. Mögen Andere nach Gutdünken handeln. Wien, den 22. August 1886. Josef Singer Obercantor der ist. Cultusgemeinde in Wien. Zur Würdigung des religiösen Gesanges, Von M. Fintrrer Cantor und Lehrer in Bunzlau, Schlesien. HI. Kunst und Wissenschaft ehren die Sorgfalt, welche dem religiösen Gesänge von jeher zu Theil wird. Dem pflichten wir dankbar bei, denn zahlreiche Stellen unserer Liturgie sind direct für den Gemeindegesang abgefasst, und der achtungsgebietende Schatz von traditionellen Gesängen hätte sich nicht erhalten können, wenn derselbe nicht so allgemein und urwüchsig gepflegt worden wäre. Die religiöse Musik ist das Band zwischen Erde und Himmel, zwischen Gott und Mensch. Und unsere Synagoge hat an diesem Bande ein ganz besonderes Anrecht, denn die Gemeinde in derselben ist nicht nur eine große Gemeinschaft gläubiger Beter, sondern auch gläubiger Sänger. Aus gottbegeisterter Brust stiegen von jeher wie mächtige Rauchsäulen die Hymnen und Psalmen zu Gott empor. Kann eine Religion, die so viel Liebe und Treue predigt, ohne Gesang bleiben? Gibt's doch schon keine irdische Liebe ohne Töne. Unser Gesang hat eine monumentale Bedeutung in der Geschichte, dass es Pflicht der Pietät ist, die Ohren Aller dafür zu öffnen. Durch den Gesang wurde mit lebendigen Buchstaben die Religion in die Herzen aller unserer Bekenner für immer eingeschrieben. Darum ist er ein Volks-, ein Gemeindegesang. Die Melodien passen zum Texte und sind das — was sie sein sollen, Gemeindelieder, heilige Volkslieder, die erstaunliche Wirkungen hervorbrachteu und Hervorbringen. Keiner folgenden Zeit ist es möglich gewesen, etwas auf gleiche Weise Wahres, Wirksames, her Gemeinde so ganz Angehöriges, etwas so Ursprüngliches zu erzeugen: unsere Zeit, wie all; folgenden Zeiten, werden in der liturgischen Poesie und ihrer Sangesweise aus die älteste Periode, als die bleibende Richtschnur der wahr- Haft geistlichen Lyrik, zurückgehen müssen. Schon in unserem Liddur ist die wohlweisliche Einrichtung getroffen, mit Hymnen, voll Glaubenskrast zu beginnen. Die Melodien zu Jigdal und Adon Olom sollen die andächtige Stimmung der Gemeinde anregen und erst, wenn dies geschehen, kann ein würdiger, erbauender Gottesdienst folgen. Sehr wichtig aber bleibt für die rechte Erhebung der Herzen und für eine würdige Vorbereitung auf den Gottesdienst die passende Wahl des Bekenntnißes. Es bildet sonach der Gemeindegesang einen wesentlichen, ja den eigentlich verbindenden Theil des öffentlichen Gottesdienstes, weil Text und Melodie das Gemüth beruhigt und das Empflnden der Gemeinschaft erfüllt, die Flamme der Begeisterung stärkt, nährt und erhält. Zn den letzten Jahren seines ruhmreichen Wirkens erhob unser Altmeister Professor und Obercantor S. Sulzer den ,Gemcindegesang' als Erhaltungsmittel des religiösen Sinnes zum Axiom. In der Vorrede seiner ״Dudaim“ heißt es wörtlich: ,Sollte dieses Gesangbüchlein dazu beitragen, die heranwachsende israelitische Jugend mit den Tempelgesängen vertraut zu machen, dass allmälig auch in Israel die ganze Gemeinde an den liturgischen Chorälen in feierlicher und erhebender Weise sich betheiligeu könnte, so würde mir dies für meine beinahe durch vier Dccennieu fortgesetzten Bemühungen auf dem Gebiete des Cultus reichliche Belohnung sein*. Besäßen wir ein Consistorium, so wäre ein geordnetes Gesangsbuch, resp. eine unumstößliche Agende den Gemeinden einfach decretiert worden und das landläufige Citat ״!soll Lol hajoschor beenow jaaseh“ käme nicht so oft in Anwendung. Nicht die Cantoren und Lehrer tragen an den wandelbaren Modulationen und Reformen schuld, sondern die Gemeinden selbst, die in ungezügelter Sucht nach großen Effecten im Gottesdienste Haschen, worauf andererseits eine geist- und gemüthsleere Apathie folgt. Unserer jüngeren Generation sind die lieblichen Heimathsklänge eine terra incognita geworden, die active Theilnahme am Gottesdienste schwindet, verödet liegt das religiöse Leben, das sich ja heutzutage fast ausschließlich im Gotteshause nur noch concentrirt. Hier bleibt also nur noch ein Mittel und Ausweg vor dem völligen Ruin übrig, und das ist kein anderes, als der G e m e i n d e g e s a n g. Ich halte dafür, dass dieser aber im Princip der e i n st i m m i g e Gesang sein müsse, der sich leicht einsühren und zum Gemeingut machen lässt. Nur wo Mittel und Kräfte dazu vorhanden sind, kann derselbe mit der Zeit zum zweihöchstens dreistimmigen Gesang weiter ausgebildet werden, (siehe die Vorrede meiner Leüiro d18r061). Der würdigen und einfachen Composition muß stets der Vorrang gelassen werden und solche Werke v e r d i e n t e r M e i st e r b e s i tz e n w i r. Dann wird auch die Gemeinde ruhig singen, sie wird nicht blos aus das merkwürdige Küustgcbilde, auf den Chor neugierig horchen, sondern sie wird theilnehmend Mitwirken und andächtig auch den Solis des Cautors lauschen, wenn es ihm Ernst ist, die Gemeinde zu erbauen und durch die Macht und Schöne seines Vortrages auch geistig zu erheben.