Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 26 (14.8.1886)
- Date
- 1886-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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-3= Stimmen über den traditionellen Synagogengesang. Vll. Mein lieber Herr Singer! Ihre freundlichen Zeilen und die wissenschaftliche Arbeit habe ichim Krankenbette empfangen, das mir Zeit und Nutze gegeben, Ihre höchst interessante Be- Handlung über die Berechtigung einer specifisch^jüdischen Tonart wiederholentlich zu lesen. Ihre theoretische Begründung, das neue System auf den .drselltalraolr-Ateiger' aufzubauen, hat mich insofern überrascht, als in Deutschland, namentlich im Norden, wo der LlirrlrA-Polen maßgebend i ׳, dieser Steiger nicht gekannt ist. Hier kennt man als Basis für dieses Gebet einzig? und allein eine recitatorische Weise, welche der äolischen Tonleiter, in ihrer Reinheit, d. h. ohne flectirende Hilfstöne, angehört. Ich will Ihnen ^zur Klärung dieser Tonwcise ein Beispiel geben. (Folgt ein Beispiel im reiueuLl0A6u-ovo8-Steiger, äolische Tonart). Dieses Beispiel wird genügen, um Ihnen zu z eigen, wie hier die Stylarten auseinander gehen. Ich bin heute nicht in der geistigen Verfassung auf alles näher einzugehen, bin aber wegen Ihrer wahrhaft genialen Hypothesen Ihnen außerordentlich dankbar. Ihre Arbeit zeigt von Fleiß, kritischem Scharfsinn, historischem Blick und Liebe und Begeisterung für die heilige Sache. Ihre Bemerkungen über die Sucht der Cantoren zu komponiren, die sie in der kurzen Vorrede mit scharfen Worten tadeln, sind leider zu wahr, verhallen aber ganz ungchört. Daß solche Zustände existiren, ist an sich schlimm genug, schlimmer jedoch werden sie durch unsere Fachzeitnngen, die Alles, was von dieser Seite gedruckt wird, erbarmUUgslos loben und empfehlen. Ich kann dagegen nicht kämpfen, ich bin zu alt, um in einen Kampf einzutreten, dessen Mißerfolg sicher ist, und bei dem ein ehrlichcr Mann erliegen muß. Es ist wirklich haarsträubend, welche Litteratur mir zugeschickt wird, mit der Bitte, darüber zu schreiben und — zu loben. Zn den meisten Compositioneu (?!) fehlen oft die Anfangsgründe, beim ersten Blick ist Unwissenheit das Fundament aus dem die Herren arbeiten. Mich tröstet immer die Gewißheit, daß kein christlicher Kennerblick solche Dinge zu sehen bekommt. Aber auch die Juden sollten solches Getreide nicht dulden. Sehr hänstg haben Sie mir, mein lieber Herr Singer, angenehme Stunden durch Ihre kritische Besprechung der Synagogcnwerke bereitet. Sie haben durch Ihren Fleiss einen Styl gewonnen um den Sie mancher Schriftsteller beneiden könnte. Wenn es gestattet-ist auch Ihnen gegenüber eine Aeußerung machen zu dürfen, so möchte ich diese in dem Worte ,Details* zusammenfassen. Die eingehende Behandlung über harmonische und modulatorische Schönheiten oder Unschönheiten ist zu kleinlich und weder der Sache,- noch Ihrer oft herrlich schönen Darstellung angemessen. Sie haben das Wissen und das Können um in großen Zügen einherzuschreiten. Mit nochmaligem Danke für Ihre historischen Forschungen habe ich nur den Wunsck, Sie möchten in Ihren Arbeiten nicht erlahmen. Vielleicht gibt eine persönliche Begegnung Anlaß zu eingehender Besprechung. L. Le.wandowski Königs. Musikdirektor in Berlin. Unsere Collegen. Wenn der Landmann im Frühjahr im Schweiße seines Angesichtes den segenspendenden Boden bearbeitet, wenn er, wie der Psalmist so schön und sinnig singt, weinenv seinen Samen ausstreut, so ist sein Herz dennoch freudig bewegt, denn er darf sich der süßen Hoffnung hingeben, dass er nicht vergeblich sich gemüht und gequält; zuversichtsvoll sieht er der Erntezeit entgegen, die ihn reichlich belohnen soll für seinen rastlosen Fleiß, für seine aufopfernde Anstrengung. Wie oft haben Angst und Kummer sein treues Herz bedrückt, denn gar mannigfach sind die Gefahren, die das Werk seiner Hände zu zerstören drohten! ,Was er aber mit Thränen gesäet — mit Jubel erntet er es j Heim kehrt er mit Wonne, tragend seine Garben'. Solche und ähnliche Gedanken und Empsindungen drängten sich mir auf, als ich zwischen prächtigen Kornfeldern spazieren ging, und überall Ueppizkeit und Aehrenfülle erblickte; die Bäume und sämmtliche Pflanzen haben ihren schönsten -Schmuck und ihr herrlichstes Festkleid angelegt; die meisten Zweige sind mit Früchten überladen und schwelgen in Saft und Kraft. ... — Bei dieser Betrachtung konnte ich nicht umhin in tiefer Wehmnth über unsere sociale Lage und besonders über unsere trübseligen Aussichten für die Zukunft ernstlich nachzudenken. Denn auch wir sind Arbeiter und das Gebiet unserer-! Thäligkert ist der Weinberg des Herrn. Schwer und verautrvor- As;t imd der jüdische Cantor. Vor Jahren, als LiSzt zu Besuch in Budapest geweilt, klopfte, bei ihm ein schüchtern ausseheuder Jude an, der einen jungen, hübscheu, blondgelockten Knaben an der Hand führte. Er bat den berühmten Maestro, den Knaben anzuhören, der für sein Alter eine gewiffe Fertigkeit auf dem Clavier erlangt hatte. Obwohl von allen möglichen Dilettanten und angeblichen Genies übermäßig molestirt und ausgebeutet, konnte der vornehm geartete -Meister dem bescheiden sich gebenden Manne den Wunsch nicht versagen; er hieß den,Knaben zum Clavier setzen und munterte ihn auf, unbefangen zu zeigen, was er vermag. Kaum hatte der kleine Pianist die ersten Accorde einer Etüde angeschlagen, als Liszt, der bis dahin mit - einer Duldermiene dagesessen, rasch , den Kopf erhob, das seelenvolle Auge mit warmem Interesse dem kleinen Blondkopf zuwandte und dem überglücklichen Vater erklärte, der Knabe habe entschiedene Begabung, so dass es Pflicht sei, ihn ausbilden zu lassen. Liszt, welcher dazumal dauernd in Paris sein Heim aufgeschlagen, wollte, dass das Kind unter seiner Aufsicht studire und fragte den Vater, ob ihm seine Verhältnisse es gestatten, mit dem Kleinen nach Paris zu gehen. Jener verneinte es; er sei Cantor in einer jüdischen Gemeinde Ungarns und habe als solcher für sich und seine Familie zu sorgen. ,Cantor sind Sie?' rief Liszt erfreut aus. »Singen Sie mirdoch etwas vor.' Der Mann wurde verlegen und stammelte endlich hervor, dass er nur rituelle Gebete zu singen vermöge. ,Eben diese will ich Horen', versetzte LiSzt und der Cantor Hub erst schüchtern und dann seine ganze Stimmkraft entfesselnd das »Lecho doidi', das ״Kol Nidreh" und noch andere liturgische Lieder zu singen au. Liszt hörte aufmerksam zu und als der Sänger iunehielt, klopfte er ihm erfreut auf die Schulter und rief: ״Sie kommen als Cantor des neuen jüdischen Tempels nach Paris, beziehen ein entsprechendes Gehalt, werden mit ihrer Familie daselbst ihre Existenz finden und ihr Kind ausbilden lassen können.' Der Cantor glaubte, Liszt treibe einen Scherz mit ihm; von Großwardein — wo er eben berufsmäßig ״Lecho doidi" sang —׳